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Kritik

Happy Birthday Bella!

Eine Literaturzeitschrift wird halbe Hundert
Hamburg

Da ist sie also, die neue, die fünfzigste BELLA triste. Und glänzt. Mit Texten, aber auch mit Cover und Einband in Silber und Gold. Ein Jubiläumsdress, der mich eher befremdet. Überhaupt gefällt mir das neue Design, innen wie außen, nicht (wenn es denn das neue Design und nicht nur das Jubiläumsdesign ist). Es wirkt wie eine missratene Kopie der Literaturzeitschrift Edit. Wahrscheinlich bin ich der einzige, der der alten, farbenfroheren und luftiger wirkenden Verpackung nachtrauert. Und ich bin auch wirklich kein Experte für optische Eleganz.

bevor ich in diesem zug mit artjom in die ferne reiste, hatte ich viel zeit mit mir und meinem laptop verbracht. aus angst vor der außenwelt scrollte ich statt zu schlafen durch tausende von blogs, schloss mich verschiedenen subkulturen an, verfolgte sie obsessiv und verliebte mich heimlich in so einige user.

Gleich der erste Text versetzt uns auf die obere Pritsche im ratternden Nirgendwo der transsibirischen Eisenbahn, von Rudi Nuss als Raum für eine seiner phantastischen, trostlosschönen Utopien erkoren. Der Ich-Erzähler reist zusammen mit seinem Liebhaber Artjom, der die Reise antritt, um unter Drogeneinfluss einen 400seitigen Roman zu schreiben. Der Ich-Erzähler selbst trägt einen selbstgebastelten Hundekopf, Überbleibsel seiner Begeisterung für die otherkins-Subkultur. Wenn er nicht gerade im Zug herumgeht oder sich mit Artjom liebt, liegt er auf der obersten Pritsche, dämmert vor sich hin oder schläft; erinnert sich an den Chat-Bot, der ihm, wann immer er auf seine erotischen Bedürfnisse zu sprechen kam, Wikipedia-Artikel mit berühmten Persönlichkeiten vorschlug, die Selbstmord begingen.

Es ist wirklich großartig, wie Nuss Text, ohne explizite Kritik zu üben, die Isolation und die Angst von LGBT- und Subcultur-Personen mitträgt, die in der restriktiven Gesellschaft Russlands nur heimlich ihren Vorlieben nachgehen können und permanent mit der Inakzeptanz und Ächtung konfrontiert sind, die ihrer Person und ihrer Lebensweise entgegengebracht wird.

in der angst wird mir irgendwie bewusst […] dass jedes außen auch eine schwelle ist, jedes innen ein außen. immer ist dort ein anderes außen, dann noch viele weitere, nichts hält sie zusammen, immer wieder neue türen […] ohne sicheren rückzugsort, nicht einmal in meiner kleinen wohnung, vor meinem kleinen laptop-display.

Auch abseits dieses gesellschaftsrelevanten Aspektes ist „träume auf der obersten pritsche“ (der Titel bezieht sich auf die Kurzgeschichte „Träume auf der oberen Pritsche“ von Valerij Popow, auch zu finden in einer deutsch/russischen dtv-Anthologie mit dem Titel „Licht im Fenster“) wunderbare Literatur, eindringlich und doch leichthändig, mit sehr guter Motivführung.

Wenn meine »vermeintliche Menschenkenntnis« im Fall dieser sogenannten Gäste nicht griff, legte man mir nicht nahe, es handle sich um eine andere Art? Oder war diese Folgerung zu spitzfindig.

Nachdem wir in Katia Sophia Ditzlers Lyrikzyklus „regensaison“ im Auge des Sturms (oder besser gesagt: des Zyklons) standen, eines tatsächlichen und eines innerlichen, mit heischenden & überraschenden Bildern bombardiert wurden, die teilweise eine geradezu fatale Schönheit entfalteten, führt uns Theresa Pleitner die ganze Enge einer Asylunterkunft am Rande von Berlin vor Augen. Ihr Text „Was hier waltet“ geht dabei bedächtig und gleichsam entschlossen vor, arbeitet mit vielen Details, deren Fülle den Text zunächst zu einer schleppenden Angelegenheit macht, denen es aber letztendlich gelingt den Blick auf die tatsächlichen Ausmaße des Beschriebenen zu lenken und ihn dort festzuhalten. Das Minuziöse veranschaulicht (zumindest in Teilen) die in der ganzen Anlage vorherrschende klaustrophobische Unausweichlichkeit und die längst eingetretene Entmenschlichung der darin wohnenden „Gäste“.

Arbeitete gänzlich unentgeltlich. Widerrechtlich, doch unentgeltlich. Das galt zuletzt als sehr verdächtig.

Es kann nicht sein, was nicht sein darf, so dichtete Ringelnatz. Der kannte aber auch die Texte von Baba Lussi nicht. In ihrem kurzen, durchrhythmisierten Prosastück „Von K.“ – vom Stil her ein mit Verknappung und Screwballtempo aufgepeppter Kafka – geht es um einen Angestellten, der eine Zeit lang in einer Firma arbeitete, ohne angestellt worden zu sein, ohne bezahlt zu werden und ohne dass es jemand bemerkt; keiner der Kollegen stutzte, fragte nach: woher kommt den der? Er ist da, er arbeitet, er interagiert, fügt sich ein. Als sie dann herausfinden: der arbeitet gar nicht hier (also: schon, aber er sollte nicht, darf nicht), ist das Kopfkratzen natürlich neuste Mode. Wie konnte es so weit kommen? Und was ist jetzt eigentlich schlimm: der Betrug, die Unaufmerksamkeit, der Verlust? Man muss den K. hinauswerfen, natürlich muss man, aber was hat er den falsch gemacht, er gehörte doch bereits dazu …

Der Text ist beides: eine gelungene literarische Farce und ein zum Nachdenken anregendes Gedankenspiel über Arbeit, Berechtigung, Zugehörigkeit.

Nach einem interessanten Gespräch mit Julia Dösch und Rebecca Ellsäßer von der Agentur REELL, die Autor*innen und Verlage in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit, Recherche und Selbstdarstellung beraten, lässt Kinga Tóth in „Heterotropia“ die Fetzen fliegen und die Netze liegen. Tollende Gedichte, Gedichte voller plötzlicher Bisswunden, Sonnenaufgangsmoment, Säume.

Noch hervorzuheben ist Özlem Özgül Dündars Theaterstück „türken, feuer“, das einem die Wörter mit Herzschlagerschütterungsniveau um die Ohren haut. Auf der Bühne drei Mütter, sowie zwei Jungen, ein Mädchen. Den größten Teil machen die Monologe der Mütter aus, darunter mindestens einer (der von mutter 3), der mich mehr als nur mitgenommen hat. Natürlich geht es um Liebe und Sorge, um Aufopferung. Um das, was Mütter in ihrem Muttersein mittragen; was es bedeutet Mutter zu sein. Und um einen Sprung aus einem brennenden Haus.

Bleibt mir nur, der Bella alles Gute für die nächsten fünfzig Ausgaben zu wünschen. Ich würde ja sagen: Bleib wie du bist, aber das würde im Zusammenhang mit meiner Coverkritik vom Anfang eher seltsam wirken. Also Bella: bleib am Ball, am Puls, beliefere uns weiterhin mit den Highlights der jungen deutschsprachigen Gegenwartsliteratur! Ich wünsche dir gute Texte, viel Enthusiasmus und ein langes Leben!

BELLA triste 50 / Zeitschrift für junge Literatur
BELLA triste
2018 · 5,35 Euro

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