Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Johanna Hansen Zugluft der Stille
x
Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

Unwillkürliche Muskelerinnerungen

Hamburg

Seit einiger Zeit liefert der US-Amerikaner Ben Lerner nicht nur anspruchsvolle Lyrik- und Essaybände ab, er ist zunehmend als Romancier, dies mindestens ebenso beeindruckend konzis, in Erscheinung getreten. Dabei ist anzunehmen, dass sich in seiner Schreibhand doch einiges überlagernd wiederfindet, das trotz Genre-Crossing so etwas wie das übergeordnete Lerner-Thema sein könnte. Gewiss nicht einfach zu schießen oder hier im Rahmen einer Besprechung über einen Kamm zu verschlagworten, könnte eine begriffliche Annäherung doch folgendermaßen stattfinden: Es geht um die Auseinandersetzung mit Rollen von Intellektualismus, besonders über die eigene biografische Schotterstraße, die von Kansas über New York zum polyglotten Seminarteilnehmer, Residenzier und Leselistenplatzbekommer Ben Lerner führt.

In Der Topeka Schule setzt sich Lerner mit ihm eigener Ironie daran, seiner Heimatstadt Topeka, Kansas, den Stempel einer Schule aufzudrücken. Eine Schule, die man aber natürlich (noch) ___STEADY_PAYWALL___mit nichts assoziiert. Dort sieht es so aus:

Es war ein wunderschöner Spätfrühlingsabend, aber nur wenige Leute in Topeka wären auf den Gedanken gekommen, zu Fuß zu gehen.

Lerner baut ein Panorama diverser (intellektueller) Figuren auf. Mitschüler, Eltern, Kollegen, alle in Diskursen (psychoanalytisch vor allem) verwickelt und / oder bewandert. Verwundet durch Vergangenheiten, die in einen allgemeineren, quasi-amerikanischen Zusammenhang gestellt, der in zeitgenössische Befindlichkeiten einstrahlt, expliziert durch den Autor personifizierend kommentiert werden. Dabei ist es nicht nur ein Genderrollenkakao, sondern besonders auch ein Priviliegienkakao, der Lerner interessiert. Eingefügt in die konzentriert und geschickt zwischen abstrakt-nichtabstrakt umherwechselnde Prosa, lässt Lerner seine Figuren zu Wort kommen, darin wiederum eingestreut sehr persönlich wirkende Tape-Transskriptionen, die damit sozusagen tagebuchartig das schwierige politische So-sein Amerikas (mitsamt den auf sich selbst aber privilegisch abfärbenden Funktionen) zu reflektieren versuchen. Diplomatische Ortswechsel, hier Taiwan, inklusive. Durch das figürliche Erzählen schafft es Lerner, keinen Stab zu brechen, sondern eine Landschaft aus Meinungen zur Besichtigung freizugeben.

Die Pennälerwelt, die er mit ziemlich saftiger Foster-Wallace-Schnute beschreibt, ist ein leerer aber nicht ganz-leerer Strom aus intellektuellem Input, Neurosen, Teenage-Begehren, Kiffen bei gleichzeitigem Nullbewusstsein irgendeiner Form von Supremacy – und man könnte sagen, das Buch ist durch die letzten, sich überschlagenden Ereignisse in den USA schon überholt – wenn nicht Lerner in erster Linie eine Lanze für Lyrik brechen würde, das sprachliche Dagegenhalten nämlich. Die beiden Youngsters Adam und Darren sind Anhänger des Battle-Debattierens, wie Ben Lerner selbst, einer speziell in den USA erfolgreiche Verselbständigung des Argumentierens ins „Schnellsen“. Das showman-artige Ausstechen der Gegner, ohne eine moralische Teilnahme, bzw des persönlichen Einstehens für das, was man da sagt. Lerner braucht nicht lange, um dieses „leere“ Politisieren vom Spielerischen ins Politische des Trumpismus zu übertragen, wobei die bekannten Folgen nicht ein weiteres Mal durchgekaut werden, sondern zurückhaltend aber emotional von den ProtagonistInnen verbalisiert werden. Hiergegen stemmt sich wiederholt das Keimen der Dichtung in Adam, wie vermutlich auf Lerners Weg selbst auch.

Er öffnete ein neues Dokument. Er tippte Fragmente dessen ein, was sein Dad gesagt hatte, doch nun ordnete und gliederte er sie grob nach Silbenfall und Betonung, ein Verfahren, mit dem er seit einiger Zeit in seinen Gedichten experimentierte;

Es ist schmerzhaft, sich auszusprechen
Über Erwartungen, die ich nicht immer erfüllt habe
Zumal da es so vieles gibt

Er ließ den Cursor viermal blinken. Dann fuhr er fort:

Veränderung als Prozess wird
Zwei Schichten aus Hellgrau oder Gold
Elektrizität unter der Handfläche

Und so weiter. In der Umfunktionierung der Sprache, der Neuverteilung der Stimmen, der Veränderung des Strukturierungsprinzips lag eine besondere Macht, sachte Funken alternativer Bedeutung im Schatten des ursprünglichen Sinns, des Narrativs. Diese Macht war zugleich wirklich und sehr schwach, ein fernes Signal. Er schrieb noch ein paar Dreizeiler, keiner davon besonders gut, doch sie zu verfassen oder irgendeine andere Kraft durch ihn verfassen zu lassen war ein Vorgang, der ihn ein wenig entspannte, eine Art Meditation. Er schloss das Dokument und klickte auf „Nicht-Speichern“.

Elegant, selbstbewusst, nicht zu dick aufgetragen ist dieser Roman um Nerds, Psychologen, Debatten und den Gruppenfreestyle Cypher. Die Topeka Schule hat viele überzeugende Stellen, ein spannendes Schnittkonzept und ist bei aller unverhohlenen Autobiographie doch von deutlich unterscheidbaren Charakterstimmen durchzogen. Er besitzt die notwendige Frische und Schärfe, um zu sagen, was er zu sagen hat. Bei Übersetzer Nikolaus Stingl ist Lerners Prosa in guten Händen. Es wird mal wieder Zeit, über neue Übertragungen seiner Gedichtbände nachzudenken.

Ben Lerner
Die Topeka Schule
Übersetzung:
Nikolaus Stingl
Suhrkamp
2020 · 395 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42949-5

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge