Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Beraten und verkauft

Bentley Littles „Der Berater“ ist eine tiefschwarze Groteske auf den kapitalistischen Optimierungswahn
Hamburg

Ob sie nun unmögliche Summen abrechnen, weil sie Allgemeinplätze auf Flipcharts schmieren oder weil sie ein Unternehmen gesundschrumpfen, indem sie diejenigen, die am unteren Ende der Nahrungskette malochen, vor die Tür setzen – Berater (oder Consultants, auch wenn es das nicht besser macht) dürften in der Berufe-Beliebtheitsskala ähnlich weit unten rangieren wie Versicherungsvertreter oder Waffenhändler. Wenn David Graeber von Bullshit-Jobs spricht, gehört der Consultant zu den ersten, die einem in den Sinn kommen: hochbezahlte Schreibtischtäter, die sich ihre Existenzberechtigung selbst schaffen mit dem Märchen, sie würden gebraucht.

In seinem sinnigerweise „Der Berater“ betitelten Roman hat sich US-Autor Bentley Little dieser fragwürdigen Spezies angenommen. Dass Little üblicherweise im Horror-Genre unterwegs ist, ist da nur folgerichtig: Wer braucht schon Zombies, Geister und Vampire, wenn die Nadelstreifenmonster ganz real sind. Unter uns leben. Lauern.

Das Setting: Die Software-Klitsche CompWare, die nach einem übelst gefloppten Office-Programm in die Börsen-Talfahrt rauscht, braucht dringend Hilfe, und weil der nicht nennenswert mit Rückgrat ausgestattete CEO Matthews nicht mehr weiter weiß, engagiert er die ihm in höchsten Tönen angepriesenen Berater der BFG. Die schickt prompt ihren besten Mann, der auf den schrägen Namen Regus Patoff hört und ein Faible für quietschbunte Fliegen und Rundumüberwachung hat.

Abteilungsleiter Craig ist skeptisch. Er und seine Frau Angie, die als Krankenschwester arbeitet, brauchen das Geld. Doch Craig ist sich sicher, dass längst feststeht, wer gefeuert werden soll, und dass Patoff nur das Feigenblatt für die unumgehbaren Umstrukturierungen ist. Und tatsächlich werden bald die ersten Kollegen vor die Tür gesetzt, nachdem Patoff ihnen in polizeiverhörartigen Einzelgesprächen auf den Zahn gefühlt hat, während dessen Kollegen jeden einzelnen CompWare-Mitarbeiter auf Schritt und Tritt begleiten, sich eifrig Notizen machen, und den Gebeutelten sogar mit Stoppuhr bis zur Toilette folgen – was Patoff dazu animiert, die internen Vorschriften zum sparsamen Gebrauch von Klopapier zu überarbeiten. Ein verpflichtender Wochenendausflug in die Berge soll mit Liederabenden und Schnitzeljagden Kommunikation und Zusammenhalt stärken, doch am Ende wünschen alle nur noch den Berater in die finsterste Ecke der Hölle.

Dass Patoff möglicherweise einen ganz guten Draht eben dorthin haben könnte, schwant Craig, als sich seltsame Ereignisse häufen und plötzlich die Köpfe nicht mehr nur im übertragenen Sinne rollen. Als sich Patoff zu allem Überfluss anschickt, auch noch das Krankenhaus, in dem Angie arbeitet, und die Schule, die ihr gemeinsamer Sohn besucht, zu „beraten“, droht das Fass überzulaufen. Zumal die täglich hunderten Mails und Meetings, mit denen Patoff die Belegschaft lähmt, immer absurdere und aberwitzigere Züge annehmen.

Bentley Little ist weder als großer Stilist noch als subtiler Erzähler verschrien – und daran dürfte „Der Berater“ wenig ändern. Doch das ist nicht weiter schlimm. Mit diesem Roman ist ihm eine derart wahnsinnige und tiefschwarze Groteske auf den kapitalistischen Optimierungswahn und den Irrsinn unserer Arbeitswelt gelungen, dass es eine Freude ist – samt schallendem Lachen, das einem unzählige Male im Hals stecken bleibt. Ein großer Spaß!

Bentley Little
Der Berater
Buchheim Verlag
2019 · 448 Seiten · 22,99 Euro
ISBN:
978-3-946330-11-0

Fixpoetry 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge