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Lyrikfestival "Dichterloh", Alte Schmiede Wien
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Lyrikfestival "Dichterloh", Alte Schmiede Wien
Kritik

Ich denke die Rede

Hamburg

Bernd Freytag – Regisseur, Chorleiter (mit Schwerpunkt Sprechchöre), Autor von Lyrik, Drama, Prosa - hat seinen neuen Lyrikband im Kölner Elif-Verlag herausgebracht, ein Band mit Charakter und einem eigenwilligen Charme. Das Buch hat einen großen, fast mystisch anmutenden Titel gewählt – der Assoziationsraum umspannt die großen ‚Ich bin‘-Themen der Bergpredigt mal eben so mit, umfasst Rimbaud, spricht ein Thema an, das in vielen esoterischen Konzepten zentrales Motiv ist.

Was ist das Ich? Die inwendige Kiste, in die per Erinnerung psychische Befindlichkeitsfolgen abgelegt sind, mein Wiedererkennens-Reservoir? Oder eine irgendwie ‚geistige‘ Entität, der wie eine Substanz vorgestellte Wesenstropfen des göttlichen Wassers in mir? Oder doch nur eine Art Ordnungsvermögen? Problematisiert würde das durch die Aufhebung des Ich in jedem echten Denkprozess, in dem die Bestimmungen des Gegenstands eben nicht mehr aus der privaten Gemengelage, sondern aus dem Begründungszusammenhang des Sachverhalts zu stammen scheinen. Eine per Zufall biographisch herbeigemixte Färbung des Willens?  Unstrittig dürfte jedenfalls sein, dass alles Fremde, was von Relevanz für den Menschen werden soll durch das Tor des Ichs gehen muss, durch ein Element des Dialogischen hindurch muss: der präzise Ort von Freytags Arbeit.

Entsprechend geht das Buch nicht klein los: Ich bin ein Anderer, das Zwielicht als Ausgangspunkt einer Reise, für die Freytag ein Bühnen-Setting aufspannt. Die Titel der Gedichte sind mit einer Art Szenenbeschreibungs-Kopf angereichert. Z.B. unter dem Titel einschub bedürftigkeit wird angemerkt (sehr hell, farbig). Es gibt unterschiedliche Sprecher. Und all diese Anweisungen für die innere Regie des Lesers sind den Texten nicht äußerlich, es ist ihnen eingeschrieben, dass in den Gedichten etwas auf einer inneren Bühne aufgeführt wird, ein Thema bewegt wird, das lyrische Ich sich coram publico erkundet, erprobt. Mit nahezu Shakespearescher Intensität werden die Motive ausgepackt, sprachlich durchdekliniert, die Worte wie durchgekaut: zur Aufführung gebracht.  

2. raushauen, öffentlich

wenn man wenig ist, hat man
in der öffentlichkeit wenige mittel
um zu bestehen, man muss
auch mal was raushauen -; ich
hau was raus, ich lass was raus
hauen: das löst sich aus mir

fliegt heraus aus mir und ich soll
nicht wissen wohin: ich bin blass!
aber was herausfliegt ist rot, ist
fleisch und blut, ist blut, reines
blut: es bleibt zu wenig zurück!
was rausging war wem zu viel?

(...)

Das Beispiel lässt sich auch mit einer nicht kleinen Portion Selbstironie lesen, ein Humor, der allerdings sehr elastisch ist und diese Elastizität auch vom Leser fordert: so schnell und oft brillant er einsetzt, so schnell wird er auch wieder vom Tisch gefegt, wenn die Sprachbewegung es fordert. Denn im Kern der beiden Teile der vorgelegten Arbeit steht für Freytag eine Art diagnostischer Blick auf das Selbst und die Umgebung, in die es sich einordnet, aus der es sich geformt hat wie der Familie, dem Arbeitsleben, den Sozialkontakten. Aus all diese Erkundungen, Feststellungen am Ich gestaltet er die Bewegung des Textes. Dorthinein mischt sich – so las ich es jedenfalls - die Kritik am Palaver, an der inneren Rechtfertigungsrede. Ausgestaltet als ein sehr auflockerndes und mit spielerischer Verve vorexerziertes Moment, das aber bei allem selbstkritischen Rückbezug am Ende doch nur Peripherie für seine Thematik ist.

Die Annäherung an das Theater zahlt sich aus, die routinierte Blickwendungen, Rollenwechsel, die dort Standardrepertoire der Texterschließung sind, finden sich bereichernd an vielen Stellen in den Gedichten wieder.

6. richtig reinhauen

du musst also, sag ich mir -:
bin mein eigener ratgeber,
ein dauerratgeber bin ich mir -.
was dann weiter: nackt an
dem einen ich seh ich neben

dem anderen, komm nicht he
rein     was hereinwölbt und
in was ich hereinwölbe, es
bleibt nur kurz -; wölben in die
eine oder die andere richtung
(...)

Die Figuren im Freytagschen Theater schreiben sich ihre Geschichten in die Haut ihrer Rede. „gehe / ein mal am tag gegenüber einen aufsuchen / zum reden, damit mein im privaten bereits / ausgeleertes reden wieder aufgefüllt, etwas / aufgefüllt werden kann, kann sein, dass das / gegenüber hat zwar viel zu sagen, inhaltlich / wenig in mich hinein zu sprechen“, solche kleine bissige Bemerkungen / Beobachtungen enthalten die Gedichte in großer Fülle. Und hier ist die zugegeben manchmal spröde, wenig Bildhafte Sprache tatsächlich eine gewisse Hilfe für das Nach-Denken, mit-Mäandern. Um „abzusteigen zu mir als privatier, sehen sie / privat das ist mehr noch eingeübt, das ist / der pfuhl des eingeübten schlechthin: hier / bin ich nicht als ich, sondern in den regula / rien von, ja – (...)“

Freytags Text ist ein Spiel-Text, ein Sprechspiel, allerdings durchgängig im Goethe’schen Sinn des ernsten Spiels [vgl. die Epirrhema: (...) nichts ist drinnen, nichts ist draußen / denn was innen, das ist außen (...) freuet euch des wahren scheins, / euch des ernsten spieles / kein lebend‘ges ist ein eins / immer ist‘s ein vieles].

Wenn man so will, behandelt Freytag die spirituelle Frage nach dem Ich, nach dem geistigen Gehalt dieser Sprach- und Denkfigur. Was, um abschließend den Titel dieser Besprechung aufzulösen und den Verdacht bei Kennern auszuräumen, ich würde Freytag zum Anthroposophen erklären wollen (was mir fern liegt und in Zeiten der Masern-Phobie wahrscheinlich eine strafbare Unterstellung wäre), nach Köln führt, wo Agrippa von Nettesheim Anfang des 16 Jahrhunderts sechs kosmische Figuren publizierte, aus denen später die Eurythmie entwickelt wurde, jene Sprache, in der die Waldorfschüler bekanntlich ihre Namen tanzen und deren allererster Anfang seinerzeit das ‚ich denke die rede‘ war und immer noch ist (ich wohnte vor langer Zeit als Student in einer WG mit Eurythmie-Studenten). Einem Steinerschen Text, dem nichts von dem zwischen Spott und Frust changierenden Ton Freytags anhaftet, wenn auch jener genauso wie ersterer die Rede zum Tanzen bringen will:

8. vom danach

- wir reden mehr darüber, was wir machen wollen
als dass wir etwas machen und das ist gut so.
- etwas machen, das können andere nach uns, die
aus dem was wir geredet, geredet sei erst die eine
stufe es folgt die andere stufe die nicht mehr redet
sondern denkt und dann kommt die dritte stufe, die
denkt vom denken, ich, ich bin noch auf der ersten
stufe, denn ich rede zu jemandem – ich glaube nicht
dass jemand auf der dritten es nötig hat zu jemandem
zu reden, reden allein ist von dieser warte aus trivial
(...)

 

Bernd Freytag
ich bin das Tor
Elif Verlag
2019 · 174 Seiten · 14,00 Euro
ISBN:
978-3-946989-17-2

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