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Kritik

Kassiber aus dem Körpergefängnis

Bianca Döring brilliert mit dem Prosaband »Im Mangoschatten«
Hamburg

Es gibt Bücher, die einen verblüfft umhauen, oder, metaphorischer gesagt, die einem unmittelbar die Herzwand durchbohren, die man aber seltsamerweise nur zögerlich rezensiert, jedenfalls dann, wenn man ihnen die Wirkung nicht durch verkrampfte Analyse austreiben möchte. Bianca Dörings »Im Mangoschatten« ist ein solches Buch. Schon nach wenigen Seiten die Erkenntnis: »Es gehört ohne Übertreibung zur besten Prosa, die ich in den letzten Jahren gelesen habe.« Das Buch ist traurig, ehrlich, schonungslos – und brillant geschrieben. Das Schonungslose wird durch eine wunderbare Sprache versüßt wie die bekannte bittere Medizin. Ich möchte jetzt immer wieder aus dem Buch zitieren, bis mir klar wird, daß ich mich nicht für ein paar Sätze entscheiden kann, weil beinahe jeder Satz eine kleine Kostbarkeit darstellt.

Worum es geht? Im Grunde um alles. Um das Wesentliche. Um die Lage des Menschen. Um das Leben in Todeserwartung. Den Tod, der überall im Leben steckt. Das Altern. Das Sterben. Die Angst vorm Tod. Die erschütternd hauchleichte Zerstörbarkeit von Geist und Körper. Es geht um den Schmerz. Das unstillbare Verlangen nach Leben angesichts seiner Endlichkeit. Darum, ob »denn die schönen Dinge nur Blendungen über dem todtraurigen ewigen Ganzundgarnichts« sind.

Die Form: Eine Reihe von Betrachtungen, Vignetten, Reflektionen, entlang einer lockeren Handlung. (Oder vielleicht auch umgekehrt.)

Die Sprache: Poetisch, geschliffen. Atemlos, aufgewühlt, dennoch gebändigt. Mit geschickt eingebundener Alltagsrede. Über weite Strecken freie und rhythmisierende Interpunktion.

Die Handlung: Die Erzählerin und ihre Schwester. Die Erzählerin und ihre Freundin. Die Erzählerin und ein Nachbar. Die Mutter, deren Substantia nigra allmählich löcherig wird. Der Tod von Vater und Großvater, aus der Erinnerung geholt. Die Mischung aus Ekel und Liebe damals. Die Erzählerin und ihr Geliebter. Das Sterben des Geliebten. Das Sterben der Mutter. Dazwischen auch ein paar Freuden des Fleisches, dennoch.

Bianca Döring kommt ohne Umschweife zur Sache. Der Körperlichkeit kann man nicht entkommen. Sie nennt es: »Das Körpergefängnis«. Man lebt im Bewußtsein des Verfalls. Und der Geist hängt am Körper. Und beide zusammen hängen am Leben. Döring hat das in einem Bild festgehalten, das dem Buch den Titel gegeben hat:

Eine goldene Mango, riesig, dieser Duft! Und im Schatten der Mango irgendein Insekt, ganz starr. Es ist tot, die Beinchen an die Mango geklammert.

So einfach ist es, so fürchterlich. Am Ende ist das Buch, wider Erwarten, doch tröstlich. Der Fluch des Denkens ist gleichzeitig sein Segen. Nicht blinder Haß und Aufruf schleimiger Sekrete ist die Antwort auf die Angst, sondern die Fähigkeit, sie in eine poetische Sprache zu gießen. Davon träumen zu können, daß wir »unendliche Pusteblumengeschöpfe« sind, gegen alle Vernunft. Selten hat mich eine Prosa so berührt – weil sie atemschön ist, weil sie mit wenigen Worten lange nachhallende Stimmungen erzeugt, weil sie genau dort stochert, wovon man nur allzu gern ins Verdrängen und Vergessen flieht.

Bianca Döring
Im Mangoschatten / Von der Vergänglichkeit
PalmArtPress
2019 · 138 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-96258-026-1

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