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Kritik

Alles auf Null

Hamburg

Nach über zwei Jahren in Haft steht Arthur Galleij mit Anfang zwanzig bereits vor den Scherben seines  Lebens: ohne Bleibe und ohne Job muss er das Angebot annehmen, als Proband an einer soziologischen Studie mitzuwirken, in der es um eine spezielle Therapieform für ehemalige Strafgefangene geht, die der Wiedereingliederung in die Gesellschaft dienen soll - das sogenannte Starring-Prinzip: Arthur soll in monatlich stattfindenden Sitzungen allmählich zu einer Optimalversion seines Ichs finden, in die er, wie in eine Rolle, in brenzligen Situationen hineinschlüpfen kann, um nicht wieder straffällig zu werden. Dazu hat er regelmäßig Tonaufzeichnungen, das sogenannte "Schwarzsprechen", abzugeben, in denen er sich ohne große Vorbereitung zu vorgegebenen Themen äußern soll. Aus diesen Dokumenten entwickeln Arthurs Therapeut Dr. Konstantin Vogl, genannt Börd, der Begründer des Starring-Prinzips und die Leiterin der Studie am Institut, die Postdoktorandin und ehemalige Studentin Börds Bettina Bergner, genannt Betty, die weiteren Therapieschritte. Dafür kann Arthur in einer Wohngemeinschaft für haftentlassene Ersttäter unterkommen und sich von dort für Praktika und ein anschließendes Arbeitsangebot bewerben.

Auf diesem zunächst etwas trocken anmutenden Basisplot entwickelt Birgit Birnbacher, die selbst als Soziologin und Autorin in Salzburg lebt und im vergangenen Jahr den Bachmann-Preis gewann, eine höchst interessante Fallstudie zum Thema Persönlichkeitsbildung. ___STEADY_PAYWALL___ In zahlreichen Rückblenden auf Kindheit und Jugend Arthurs beleuchtet sie dessen Lebensweg, ganz überwiegend aus der Sicht ihres Protagonisten. Nur bei denjenigen Passagen, über die Arthur nichts wissen kann, wechselt die Perspektive zu den jeweils anderen agierenden Personen: zu Börd etwa, dessen unkonventionelle Methoden in der Vergangenheit einiges Aufsehen erregt haben, dessen Undiszipliniertheit und vom Betrieb nicht selten als unwissenschaftlich betrachtete Arbeitsweise sowie seine persönlichen Schicksalsschläge ihn jedoch in Alkoholabhängigkeit und Arbeitslosigkeit gestürzt haben. Bettys Studie ist nicht nur für Arthur, sondern auch für Börd so etwas wie die letzte Chance.

Strukturell ist der Roman in die mit Ort und Datum gekennzeichneten Stationen aus Jetztzeit (hauptsächlich das Wien der Jahre 2010 und 2011), Rückblenden und den Tonaufzeichnungen gegliedert, eine protokollartige Anordnung von Figurendarstellungen und Geschehnissen, die stets ein empathisches Augenmaß für die Figuren und die Gründe ihres Handelns vermittelt.

Klischierte Vorstellungen von der "schweren Kindheit" oder der "Wohlstandsverwahrlosung" könnten äußerlich durchaus auf Arthur Anwedung finden, wächst er doch zunächst vaterlos, später mit einem Stiefvater, der wenig mit ihm anfangen kann, in einer tristen Kleine-Leute-Siedlung im salzburgischen Bischofshofen auf. In der Folge übersiedelt er dann mit der Familie nach Andalusien, wo Mutter Marianne und Stiefvater Georg die Leitung eines Palliativzentrums für ein wohlhabendes Klientel übernehmen und damit gesellschaftlich aufsteigen. Arthur und sein Bruder Klaus werden dadurch zu finanziell gut gestellten, doch wenig beachteten Randfiguren des täglichen Geschehens in dem ganz auf das Wohl der Sterbenden fokussierten Betrieb.

Doch die genannten Klischees durchbricht Birnbacher, indem sie Arthur als reflektierten und intelligenten Protagonisten die vermeintlichen Gründe für sein gesellschaftliches Scheitern selbst vom Tisch wischen lässt. Bruder Klaus verkracht sich mit der Mutter, verschwindet zurück nach Österreich und aus Arthurs Leben, wie zuvor schon der leibliche Vater der beiden. Doch das eigentliche traumatische Erlebnis ereignet sich erst, als Arthur zusammen mit seiner Freundin Milla und seinem Kumpel Princeton, die sich in einer Art bisexuellen Ménage-à-trois zusammengefunden haben, von einem Boot aus im offenen Meer badet. Es kommt zu einer körperlichen Auseinandersetzung der beiden jungen Männer im Wasser, bei der Milla aus nicht geklärten Umständen und von den beiden unbemerkt ertrinkt.

Arthur flüchtet in der Folge nun ebenfalls zurück nach Österreich, ohne jedoch den Kontakt zu Klaus zu suchen. Erst jetzt erfährt das Lesepublikum überhaupt etwas über den Anlass zu Arthurs Inhaftierung. In Wien wird er selbst Opfer eines Verbrechens: sein Konto wird gehackt und leergeräumt, und weil die finanzielle Hilfe der Mutter auf sich warten lässt, rutscht er durch einen Zufall selbst in die Cyberkriminalität ab, wird geschnappt und zu 26 Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt. Im Knast ist er den sich ständig steigernden Demütigungen seiner drei Zellengenossen ausgeliefert, die Birgit Birnbacher sehr eindrücklich schildert, und bei seiner Entlassung steht er vor dem Nichts.

Weniger die Starring-Methode selbst als vielmehr die sich anbahnende Freundschaft zwischen Börd und Arthur hilft dessen aus den Fugen geratene Existenz zu festigen. Gerade der Anteil des Unkonventionellen, ja nachgerade Unprofessionellen an Börds Konzept scheint aufzugehen, und es wird nach und nach offenbar, dass dies von Anfang an Börds Intention war:

"'Es kommt mir so vor', hat Arthur zu Betty gesagt, 'als habe gegen euer allzu großes Einwirken eine Verteidigung meines Selbst begonnen. Schon bald habe ich das Gefühl gehabt, dass kein Glanzbild mich heil hier rausbringen wird, sondern einzig und allein ich an meiner Seite.'"

Birnbachers unterschwellige Kritik am Resozialisierungsalltag wie auch an den universitären Bedingungen für soziologische Studien ist immer spürbar. So überrascht es kaum, dass Bettys Projekt abgebrochen werden muss, da sich der Fachbereichsleiter aufgrund der Flucht eines medienbekannten Mitbewohners aus Arthurs Wohngruppe und der mangelhaften Dokumentation von Börds Therapiesitzungen wachsendem Druck der Öffentlichkeit ausgesetzt sieht. Und doch findet gerade Arthur am Ende seine Perspektive, nimmt durch Börds Vermittlung endlich zu Klaus und seiner Familie Kontakt auf und kann in Wien ein Studium beginnen.

Chapeau! Das hätte ein schrecklich moralinsaures Stück Prosa werden können. Doch Birnbacher, die bereits 2016 mit ihrem ersten Roman "Wir ohne Wal" ein beachtliches Debut vorgelegt hat, ist eine Meisterin plausibler Figurenzeichnung und anrührender Analogien in Situationsbeschreibungen ("die zu einem Berg gebauschte Daunendecke, auf der ihre Unterarme liegen wie zwei abgebrannte Streichhölzer"). Als Soziologin bringt sie darüberhinaus die nötige wissenschaftliche Innensicht auf die Thematik mit. Durch die Rückblicke, die Arthurs echte Empfindungen widerspiegeln, die Tonaufzeichnungen, die zunächst Arthurs misstrauische Verstellung, dann aber auch immer deutlicher sein Nachdenken über sich selbst dokumentieren und die Passagen des unmittelbaren Handlungsfortgangs baut Birnbacher einen spannungsreichen Flickenteppich an Informationen auf, der zu jedem Zeitpunkt gerade so viel verrät wie notwendig. Nichts wirkt überzeichnet, bei aller drastischen Darstellung kommt auch eine feine Ironie nicht zu kurz, die aber nie in Konflikt mit der Birnbacher innewohnenden Empathie für ihre Charaktere gerät.

 

Birgit Birnbacher
Ich an meiner Seite
Zolnay
272 Seiten · 23,00 Euro
ISBN:
978-3-552-05988-7

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