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Kritik

Sperren deutsche Zeitungen die Realität aus? Nein, sie schaffen ihre eigenen Wirklichkeiten. Das war schon immer so.

Zu Birk Meinhardts Medienkritik „Wie ich meine Zeitung verlor“
Hamburg

Dass Zeitungen Wirklichkeiten nicht abbilden, sondern selbst gestalten, ist seit langem bekannt. In der Theorie lässt sich das in Peter L. Bergers und Thomas Luckmanns zum Klassiker avancierten, 1966 erschienenen Buch „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ nachlesen.

Vorreiter dieser Entwicklung war, wie so häufig in den vergangenen gut 150 Jahren, die angelsächsische Medienwelt. Die deutsche Zeitungslandschaft hat sich daran mit einigen Jahrzehnten Verzögerung angepasst. Wurden Zeitungen ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem im Umfeld politischer Parteien etabliert, erfolgte in den darauffolgenden Jahren die parteienpolitische Emanzipation. ___STEADY_PAYWALL___Die Etablierung der Presse als unabhängige „vierte Gewalt“ im Staate („Fourth Estate“) fiel ins letzte Drittel des 19. beziehungsweise frühe 20. Jahrhundert; sie wurde von den Zeitungshäusern, die um ihre damit verbundene Macht wussten, selbstbewusst vorangetrieben.

Die Abkopplung von den politischen Parteien bedeutete freilich nicht, dass die Zeitungen auf ihren politischen und gesellschaftlichen Gestaltungsanspruch verzichteten, im Gegenteil. In den meisten Fällen ließen sie sich weiterhin recht klar im politischen Spektrum verorten. Wobei die Stoßrichtung in der Regel von den Verlegern vorgegeben wurde und sich verändern konnte, spektakuläre Seitenwechsel inklusive, zum Beispiele die Abkehr des „Daily Telegraph“ von den englischen Liberalen und die Hinwendung zur konservativen Partei in den 1870er Jahren. Der angestellte Journalist hatte der vorgegebenen Linie zu folgen; wenn er es geschickt anstellte, vermochte er (oder sie) eigene Akzente zu setzen. Auch in Deutschland war es bis vor einigen Jahren üblich, dass Zeitungen vor Wahlen Empfehlungen für Parteien abgegeben haben; von vielen angelsächsischen Medien wird das bis heute so gehandhabt. Kurz gesagt, dass sich Medien politisch-weltanschaulich positionieren, ist historisch betrachtet eher der Normalfall als die Ausnahme.

Das sollte man sich bei der Lektüre von Birk Meinhardts Streitschrift „Wie ich meine Zeitung verlor“ in Erinnerung rufen. Dass der Reporter und zweimalige Kisch-Preisträger mit seinem Buch einen gesellschaftlichen Nerv getroffen hat – Stichwort: „Cancel Culture“ –, davon zeugt die Aufmerksamkeit, die der Band derzeit erfährt.

Meinhardt kam 1992 zur „Süddeutschen Zeitung“ und war dort mit Unterbrechung bis 2017. Der Name des Blattes wird, vom Klappentext abgesehen, an keiner Stelle genannt. Er war erfolgreich, bekam Auszeichnungen und erarbeitete sich mit den Jahren einen redaktionellen Status, der ihm große Freiheiten bei der Auswahl und Ausgestaltung seiner Themen erlaubte. Lukrative Angebote der Konkurrenz hat er ausgeschlagen. Daneben verfasste er vier Romane, die von den Kollegen zwar nicht überschwänglich gepriesen, aber doch wohlwollend wahrgenommen wurden.

Nun also die große Abrechnung. Er selbst spricht von „Entfremdung“. Erste Indizien für den vermeintlichen journalistischen Zeitenwechsel verortet Meinhardt in der Rückschau im Jahr 2004. Damals hatte er eine große Reportage über die ins Investmentbanking drängende Deutsche Bank geschrieben. Der Leiter der Wirtschaftsredaktion hatte Einspruch gegen das Stück erhoben. Da sich Meinhardt in einem mehrwöchigen Urlaub befand und nicht erreichbar war, konnte die Sache nicht geklärt werden. Nach seiner Rückkehr war es für einen Abdruck des Textes zu spät; das Stück anzupassen, was man ihm anbot, lehnte er ab.

Im Mittelpunkt stehen weiterhin zwei Reportagen, die Meinhardt 2010 beziehungsweise 2017 geschrieben hat.

Das Stück von 2010 handelt von einem Rechtsradikalen, der 2006 zu Unrecht wegen eines Gewaltverbrechens verurteilt worden war. Meinhardt berichtet von dem zuständigen Richter, der sich um seine Karriere sorgte, sofern er nicht der Öffentlichkeit ein schnelles und hartes Urteil lieferte, das als klares Signal gegen rechts verstanden werden durfte; von lügenden Zeugen, deren Aussagen nicht hinterfragt wurden, weil sie ins gewünschte Bild passten; und von hochrangigen Politikern und Personen des öffentlichen Lebens, denen das „Haltung zeigen“ wichtiger war als eine sachgerechte Behandlung des Falles.

Meinhardts Text, der im Buch mit Genehmigung der SZ in voller Länge abgedruckt ist, ist die glaubhafte Darstellung eines anerkannten Justizirrtums. Dennoch hat ihn die SZ auf Geheiß der Chefredaktion nie gebracht. Begründung laut Meinhardt: Die Rechten könnten die Geschichte für ihre Zwecke instrumentalisieren. Sollte es so gewesen sein, und es gibt keinen Grund, das anzuzweifeln, durfte Meinhardt hierüber zurecht empört sein.

Den endgültigen Bruch brachte schließlich ein Stück über Drohneneinsätze der Vereinigten Staaten, die von deutschen US-Militärstützpunkten logistisch ermöglicht wurden. Dass die Regierung dies zuließ, war in Meinhardts Augen ein Zeichen fehlender deutscher Souveränität, zumal der Koalitionsvertrag „Extralegale, völkerrechtswidrige Tötungen mit bewaffneten Drohnen“ ausdrücklich untersagte. Das kann man so sehen, es ist keine Position, die im deutschen Diskurs gänzlich aus der Reihe fällt. Dennoch entschied sich die SZ gegen einen Abdruck, da sie das Stück für nicht ausgewogen genug befand – ihr fehlten beispielsweise Stellungsnahmen des Verteidigungs- und Außenministeriums. Den Einwand kann man nachvollziehen. Für Meinhardt jedoch war es jedoch offenbar der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Seither sammelt er mit einigem Aufwand Hinweise darauf, die die Einseitigkeit der deutschen Presselandschaft belegen sollen.

Was aber möchte Meinhardt? Er möchte, so schreibt er, auch einmal die Gegenseite einer Geschichte lesen, jene Seite, die nicht dem sozial gewünschten Bild der Mehrheit der Redakteure und Zeitungsmacher entspricht: Über Helfer, die desillusioniert sind vom Verhalten der Einwanderer; über Flüchtlinge, die ihren Deutschkurs abgebrochen haben; und über Menschen, die mit deutschem Steuergeld dorthin in Urlaub fliegen, von wo sie vor kurzem geflüchtet sind. Darüber, und über viele weitere politisch nicht als korrekt erachtete Themen, möchte Meinhardt gerne mehr erfahren. Allerdings würden derlei Themen in den deutschen Medien entweder gar nicht verfolgt, oder – wie in seinem Fall – gezielt unterdrückt.  

Wirklich überzeugend sind weder die von Meinhardt angeführten Beispiele noch sein Narrativ von der Einseitigkeit der deutschen Medien – selbst wenn man es ausschließlich auf die SZ bezieht. In jedem der genannten Einzelfälle leuchten auch die Argumente der Chefredaktion gegen eine Publikation ein (man muss Meinhardt zugutehalten, dass er diese benennt). Dazu kommt, dass drei unveröffentlichten Texten im Zeitraum 1992 bis 2017 unzählige Veröffentlichungen an prominenter Stelle im Blatt gegenüberstehen. Und auch die von Meinhardt so dringend gewünschten Themen und Blickwinkel lassen sich in der deutschen Presse- und Medienlandschaft auffinden, womöglich nicht immer in der SZ, aber sehr wohl anderenorts (in einigen hierfür in Frage kommenden Foren wird Meinhardts Buch derzeit sehr wohlwollend besprochen).  

Dazu kommt, dass das, was Meinhardt kritisiert, dem entspricht, was Zeitungen und Redaktionen seit ihrem Aufkommen im 19. Jahrhundert in unterschiedlichen Ausprägungen praktizieren: Sie spiegeln Realität nicht einfach wider, sondern sie erschaffen durch ihre Berichterstattung ihre eigene Wirklichkeit. Dass das weltanschauliche und politische Züge aufweist, ist ebenso der Normalfall wie der Umstand, dass Herausgeber oder Chefredaktionen auf die Linie ihres Blattes – mal mehr, mehr weniger direkt – einwirken. Man kann das wie Meinhardt kritisieren. Sein Vergleich mit der von ihm selbst erlebten DDR-Zeitungslandschaft ist aber schon deshalb verfehlt, weil es keine staatlichen Direktiven sind, die die Berichterstattung vorbestimmen. Tatsächlich wäre historisch betrachtet der Sonderfall, was Meinhardt für sich selbst reklamiert (und offenbar als Idealbild einer freien Presse versteht): der Status des individualisierten Reporters, der ungebunden von der Linie seines Blattes und ausschließlich seinen eigenen Vorstellungen verpflichtet agiert.     

Birk Meinhardt
Wie ich meine Zeitung verlor / Ein Jahrebuch
Eulenspiegel Verlagsgruppe, Das Neue Berlin
2020 · 144 Seiten · 15,00 Euro
ISBN:
978-3-360-01362-0

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