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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

Notizen zu einer zerlesenen Stadt

Bora Ćosić‘ nostalgischer Streifzug durch eine kartografierte Stadt
Hamburg

»Irgendwo muss ein Handbuch für den Aufenthalt im zwanzigsten Jahrhundert existiert haben, nur bin ich nie drangekommen«, schreibt der serbische Schriftsteller Bora Ćosić in der ersten der zahlreichen Prosa-Miniaturen, aus denen sich Lange Schatten in Berlin zusammensetzt. Deshalb wird er sich vermutlich daran gemacht haben, es selbst zu schreiben. Und wählte sich dafür die Stadt, die zu seiner Heimat wurde und wie keine andere die Irrungen und Wirrungen des 20. Jahrhunderts repräsentiert: Berlin.

»Ich stöbere im Abgelebten, dem sang- und klanglos verschwundenen Schicksal, wie in einer Geldbörse, die einer verloren hat«, gibt Ćosić zu und räumt sogleich ein: »Sie enthält nichts von Wert, denn die Währung wechselte seither mehrfach, und die Fotos zeigen mir unbekannte Personen. « Tatsächlich wohnt den Notizen, die der 1992 aus Serbien ausgewanderte Schriftsteller, der seine Heimatstadt Zagreb in Eine kurze Kindheit in Agram. 1932-1937 porträtierte, der Wunsch nach alten Ordnungen inne. Die Mitte-Start-Ups, die spanischen Touristengrüppchen und die Prenzlberg-Mamis, die dem Klischee nach das Bild der Hauptstadt prägen, sie kommen in diesem Berlin nicht vor. Vom »Proletariat« ist stattdessen die Rede, dem »bürgerlichen« Berlin möchte Ćosić auf die Spur kommen.

Lange Schatten in Berlin dokumentiert nicht allein die Suche nach einer neuen Heimat, sondern auch die Sehnsucht nach vergangenen, vielleicht sogar einfacheren Zeiten. »Immer wieder kehre ich in längst vergangene Berliner Zeiten zurück«, gibt Ćosić selbst zu und tut das mittels der Betrachtung von vergilbten Fotografien. Seine Texte werden selbst von Bildern komplimentiert, Fotos der Journalistin Lidija Klasić‘. Sie sind dilettantisch in ihrer Komposition, wurden amateurhaft belichtet, verfahren in der Wahl des Abgebildeten wahllos. Hier ein schattiger Türeingang, dort eine bleiche Bordüre oder das Straßenschild der von Ćosić so häufig erwähnten Mommsenstraße in Berlin-Charlottenburg, nahe des Kurfürstendamms.

Die eigene Wohnung scheint Ćosić sowieso höchstens mit Zögern verlassen haben, seine Sicht auf die Stadt, ihre Architektur und das Geschehen darin bricht sich durch zahlreiche Fenster. Ćosić‘ Blick ist ein mittelbarer, in Prismen aufgebrochener. Die Sprache kommt dem erlebenden Sehen zuvor, die Textchen blicken philosophisch-betrachtend auf eine Stadt, ihre Außen- und Innenräume, verstreuen sich wild und reihen sich lose aneinander. »An diesen durcheinandergewürfelten Dingen lässt sich womöglich unser ganzer Inhalt ablesen«, heißt es über den Hausrat der Familie Ćosić. Das allerdings gelingt Lange Schatten in Berlin eben nicht. »Denn viele bedeutungslose Einzelheiten nebeneinander geben dem Leben keinen Sinn«, gibt der Schriftsteller an anderer Stelle selbst zu.

Ćosić  übt sich in einer etüdenhaften, quasi-magischer und parabelhafter Semiologie, die Roland Barthes‘ Mythen des Alltags auf der einen und Walter Benjamins Passagen-Werk, Einbahnstraße oder Berliner Kindheit um 1900 ebenso anzitiert wie  Franz Kafkas aphoristische Kurzprosa oder die gängigen Flaneur-Texte der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Lange Schatten in Berlin ächzt in zweierlei Hinsicht unter diesem kulturellen Ballast: Es ist ein ausschließlich lesend-sehender Streifzug durch ein Berlin, das bereits zu genüge kartografiert wurde. Ćosić‘ Berlin riecht somit nicht, summt nicht, glitzert nicht, eckt nicht an. Es raschelt höchstens leise mit ein paar zerlesenen Buchseiten und schluckt das Licht wie längst vertrocknete Tinte. Seine Bewohner_innen werfen höchstens als verblichene Figuren von nie geschriebenen »Fortsetzungsromanen« fahle Schatten zwischen die Zeilen.

»Lange fragte ich mich, ob nicht selbst der ausführlichsten Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts etwas fehle«, notiert Ćosić in Punische Kriege. Er findet sein Heil in der historischen Aufarbeitung des Hausputzes, belässt es aber bei der kurzen Gedankenskizze dazu. Ein ganzes Büchlein zum Thema hätte jedoch kaum dröger sein können als Lange Schatten in Berlin. Das nämlich versammelt wahllos Notizen zu einer zerlesenen Stadt, getrieben von einem nahezu bedenklichen Konservatismus.

Bora Ćosić
Lange Schatten in Berlin
Mit zahlreichen Fotografien von Lidija Klasić. Nachwort von Herbert Wiesner. Aus dem Serbischen von Brigitte Döbert
Schöffling & Co
2014 · 160 Seiten · 16,95 Euro
ISBN:
978-3-89561-586-3

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