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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

Lieben ist gehn, wenn die Donner noch rolln.

Werkausgabe Band 1 zu Boris Pasternak sieht seine frühe Lyrik und Prosa vor gemeinsamem Hintergrund
Hamburg

Der sowjetische Autor Boris Pasternak (1890-1960) wird bislang so sehr allein mit seinem Roman Doktor Schiwago gleichgesetzt, dass sein übriges Werk recht wenig bekannt ist. Ausdruck dessen mag etwa die Tatsache sein, dass ein Karl Dedecius in Mein Rußland in Gedichten  (seiner Auswahl russischer Gedichte während der sowjetischen Gefangenschaftsjahre 1943 bis 50) für die relevante Periode Blok, Achmatowa, Jessenin und Majakowskij berücksichtigt, nicht aber Pasternak.

Dem Nobelpreisträger von 1958 eine dreibändige Werkausgabe in deutscher Sprache zu widmen, ist daher sehr begrüßenswert. In der Reihe „Fischer Klassik“ legt der S. Fischer Verlag nun zum 125. Geburtstag Pasternaks den ersten Band vor: Meine Schwester - das Leben: Werkausgabe Band 1. Gedichte, Erzählungen, Briefe. Der Klappentext nennt den zeitlichen Rahmen „von den ersten Gedichten 1911 bis zum Finden einer eigenen, unverwechselbaren Stimme 1917“.

Der Leser wird hier – wie sonst in kritischen Werkausgaben eher die Regel - nicht erschlagen von Textfülle, Fußnoten, Anmerkungen usw.

Dass Christine Fischer, die Herausgeberin, das Werk nicht einfach trocken „Werkausgabe“ nennt, sondern Meine Schwester – das Leben (gleichzeitig Name des reifsten der frühen Pasternak-Lyrikzyklen) titelt, soll sicher zum einen schon thematische Präferenzen Pasternaks andeuten, weist zum anderen aber auch darauf hin, dass Fischer selber schon längst als Übersetzerin gerade von Pasternaks Lyrik hervorgetreten ist ( Definition der Poesie, Zürich: Pano Verlag, 2007). Die in unserem Buch abgedruckte Prosa sowie die beiden Briefe haben frühere Übersetzer übertragen.

So dass Fischer sämtliche allerfrühesten Pasternakgedichte hier übersetzt hat, „darunter etliche im deutschen Sprachraum bisher nicht beachtete Gedichte in Erstübersetzungen“ (Nachwort Fischer), sowie dreien der 53  Elke-Erb-Übertragungen des Zyklus‘ „Meine Schwester – das Leben“ ihre eigene Version gegenüberstellt. Das hat Reiz, denn hinsichtlich des von beiden so betitelten Gedichtes „Definition der Poesie“ trifft Fischer tatsächlich den punktgenauen (auf „poezija“ gemünzten) Beschwörungston des Originals besonders gut, indem sie in dem vierstrophigen Gedicht à vier Zeilen Pasternaks siebenfaches jubilierendes Auftakts - „eto“ (das ist, sie ist) vergleichsweise wirkungsvoller wiedergibt:

Sie ist Saft im zerberstenden Pfiff, / Sie ist Eis, auf den Meeren zerschellend, / Sie ist Frost, der das Blatt tödlich trifft, / Sie ist Nachtigallklang in Duellen. […]

bei Erb:

Ein Pfiff, jäh anschwellend und dreist, / Eis im Fluss, aneinanderprallend, / Und die Nacht, die das Blatt vereist, / Und Duell zweier Nachtigallen. […]

Obwohl der Einfluss eines Rilketons, wie von Erb hier angeschlagen, hinsichtlich Pasternaks früher Lyrik tatsächlich bestand, erscheint es überzeugend für dieses Gedicht in der Übersetzung einen schärferen, zugespitzteren Ton à la Majakowskij zu wählen. Überhaupt weist Pasternaks frühe Lyrik „deutliche Affinitäten zu den modernistischen Strömungen seiner Zeit auf“ (Ulrich Schmid im Nachwort zu s.o., Zürich, 2007), stand er doch zunächst den Symbolisten und Futuristen nah. Wo allerdings „die Wortmusik für [einen Andrej] Belyj ein rein akustisches Phänomen darstellte, […] beharrte Pasternak auf der engen Verbindung zwischen Laut und Bedeutung.“ (Schmid) gemäß der Auftaktzeile eines seiner Gedichte: „Lieben ist gehn, wenn die Donner noch rolln.“ Nicht immer jedoch ist des frühen Pasternaks Spiel mit den Klängen und Rhythmen ekstatisch, wiewohl stets alle Sinne aufbietend und  beim Leser ansprechend wie im Gedicht „Die Steppe“:

Wie waren die Gänge ins Stille schön! / Die Steppe ozeangleich – unendlich, / Das Reihergras seufzt, raschelnd Ameisen gehen, / Und es segelt ein Mückenlamento. // […] Wann wuchsen je Sterne so niedrig wie die, / Hat die Nacht so im Grase gebadet? / Und, flammend und scheuend, durchnässt – der Musselin / Sich schmiegend, wand, rief das Finale. […]

Doch auch in die „Steppenluft“ mischt sich unverkennbar Pasternaks unruhige Zeit:

Sie [die Steppenluft] wittert, fängt Gewitterhauch, / Soldatenrebellion, es funkt. / Erstirbt, wird nichts als Ohr und lauscht, / Legt sich, vernimmt: Du dreh dich um! (Gedicht „Der Zerfall“)

Wie wichtig es dem jungen Pasternak wohl war, sich offen auf durchaus schon zurückliegende literarische Traditionen (Romantik) zu berufen, zeigt, dass er diesem Gedicht ein Zitat seines großen Landsmanns Gogol vorangestellt, an anderer Stelle Nikolaus Lenau zitiert, den Zyklus „Meine Schwester – das Leben“ insgesamt sowieso Lermontow gewidmet hat, während sich an vergleichbaren Stellen keine namentliche Reverenz an seine modernistischen Zeitgenossen findet.

Dass Pasternak selber seine frühe Lyrik später geringschätzte (René Drommert, Die Zeit, 5.2.1960), hält heutige Stimmen von literarischem Gewicht nicht davon ab, in Pasternak “zweifelsohne einen der größten Lyriker des 20. Jahrhunderts“ zu sehen (Oleg Jurjew, Der Tagesspiegel, 9.9.2007).

Der Umfang der abgedruckten Prosa Pasternaks in der hier besprochenen Werkausgabe, Band 1 ist seitenmäßig beinah gleichgroß wie derjenige der Lyrik. Wo sein Roman „Doktor Schiwago“ mitunter (auch von eben zitiertem Jurjew) schlechte Noten bekam, erzielen die vier vorgestellten Erzählungen bei der Herausgeberin wohlwollende Einschätzungen, indem sie manches Kennzeichen von Pasternaks Lyrik fortschrieben: „In der frühen Lyrik und Prosa finden sich vielfältige Verbindungslinien, wenngleich Letztere ohne die Gedichte nicht existieren könnte. So stellt Pasternak hier wie dort immer wieder den engen, gedrängten, ja chaotischen Raum des Menschen dem weiten, unendlichen Raum der Natur gegenüber. Der Raum des Menschen wird vornehmlich durch das Motiv des ruhelosen und dissonanten Bahnhofs versinnbildlicht.“

Von den vier Erzählungen „Die Apelleslinie“, „Briefe aus Tula“, „Ungeliebtsein“ und „Shenja Lüvers‘ Kindheit“ erscheint uns die letzte in ihrer stark psychologisierenden Ausrichtung als modern, wie eine „Story of initiation“ in der klassischen amerikanischen Kurzgeschichte: Die Konfrontation mit verschiedenen Todesfällen macht aus der pubertierenden 13Jährigen ein verständiges Mädchen:

Über alldem flatterte wie ein krächzender Fetzen das nasse, bleierne Wort: Stadt, und es brachte im Kopf des Mädchens zahllose Vorstellungen hervor, die flüchtig waren wie der durch die Straßen jagende und ins Wasser stürzende kalte Oktoberglanz.

Überaus eindrücklich die häufigen, weil hochpoetischen Personifizierungen in diesen Erzählungen, z.B. eine, die an Aleksandr Bloks Gedicht „Fabrika“ erinnert:

Fabrikarbeiter krochen wie Küchenschaben über den Schnee.

Oder auch diese:

Weißliche Wolken eilten aus der Stadt heraus, sie drängten sich und wogten panisch, vom Wind geschüttelt. -
Der Tag stößt ans Fenster wie ein Kalb in seinem stallwarmen Verschlag -

Der eiserne Schrei eines vorbeijagenden Schlittens blieb in der Luft zurück.

Zwischen die Gedichte und die Prosa hat die Herausgeberin zwei Briefe Pasternaks platziert, so dass der Leser gebündelt Biographisches erwarten mag. Mit Datum von Juli 1910 bezieht sich der 20Jährige aus Moskau heraus Olga Freudenberg gegenüber zwar auf ein konkretes gemeinsames Ereignis, doch - man denkt an die Briefe Hebbels oder Kleists – entschwebt er schnell in sein ureigenstes Reich:

Weiter in der Abschweifung: von der Bannmeile des Geistes will ich sprechen […]

In dem anderen Brief aus dem Studienort Marburg an den Freund Alexander L. Stich zwei Jahre später dann allerdings biographisch Grundlegendes: Wie Pasternak nämlich (nach der Musik, die seiner Dichtung gleichwohl auf immer ihren besonderen Stempel aufgedrückt hat) auch der Philosophie den Laufpass gab, um sich der Literatur zuzuwenden; ein Schritt, dessen Bedrängnis ihm wohl lange im Gedächtnis blieb, lässt Pasternak doch später im „Schiwago“ Lara sagen: „Wer sich ausschließlich mit Philosophie beschäftigt, kommt mir vor wie ein Mensch, der nur Meerrettich isst.“

Die Herausgeberin hat diesen ersten Band zu Boris Pasternaks Gesamtwerk, von drei geplanten, leserfreundlich konzipiert (angenehm auch das luftige Druckbild), indem sie einen Mittelweg zwischen unkommentierten Texten und extrem fachwissenschaftlicher Aufbereitung wählt. Auch ihr neunseitiges Nachwort ist für jedermann verständlich und informativ, indem es sich vor allem auf die wiederkehrenden Motive in Pasternaks früher Lyrik und Prosa konzentriert. Die Anmerkungen zu den Texten könnten gar ein wenig zu knapp ausgefallen sein. Von einer Slawistin hätte man nicht erwartet, dass sie hinsichtlich der Transkribierung des russischen [v]-Lauts unterschiedlich verfährt: „Tjutschew“ vs. „Majakovski“.

Ihre Meisterschaft als literarische Übersetzerin aus dem Russischen  (neben Pasternak ja u.a. auch Lermontow, Fet, Achmatowa) hat Christine Fischer im hier besprochenen Band erneut nachgewiesen.

Den beiden weiteren Bänden der Werkausgabe Boris Pasternaks im S. Fischer Verlag darf mit begründeter Neugierde entgegengesehen werden. In der Hoffnung also, dass die ausstehenden Bände uns verständlich machen können, wie Pasternak den Spagat zwischen dichterischer Kompromisslosigkeit und den „Anforderungen seiner Zeit“ (Schmid) hinbekommen hat.

Boris Pasternak
Meine Schwester - das Leben
Werkausgabe Band 1. Gedichte, Erzählungen, Briefe
Herausgegeben von Christine Fischer
S. Fischer
2015 · 24,99 Euro
ISBN:
978-3-596-95018-8

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