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Kritik

Freispruch durch Abwasch

Unterhaltsame, wenn auch etwas seichte Hommage an die 80er auf dem Dorf.
Hamburg

Höppner Hühnerknecht, der 17-jährige Ich-Erzähler in  Bov Bjergs Coming-of-Age-Roman „Auerhaus“, sieht seine Zukunft, komprimiert im kurzen Leben von Schlachtvieh, an sich vorüberziehen: „Birth, school, work, death.“ Da haben es die Hühner, die Höppner im Rahmen seines Schülerjobs auf die Lastwagen Richtung Jenseits verladen muss, fast noch besser getroffen: Wenigstens entrinnen sie frühzeitig dieser Tristesse.

„Auerhaus“ spielt in den 1980er Jahren in der schwäbischen Provinz. Über Höppners Haupt schwebt nicht nur das Damoklesschwert des Abiturs, sondern auch das der Musterung, sollte es ihm nicht rechtzeitig gelingen, nach West-Berlin abzuhauen. Ein makaber-ironischer Zufall, dass ihn ausgerechnet der Selbstmordversuch seines Klassenkameraden Frieder aus der Lethargie reißt und vor dem Resignieren bewahrt.

Denn ein Psychiater rät dem hochintelligenten Frieder, der aufgrund seiner Herkunftsfamilie jedoch nur „der Bauer“ genannt wird, zu Hause auszuziehen. Aber alleine wohnen soll Frieder auch nicht. So ziehen Höppner, seine Freundin Vera, Frieder und deren Klassenkameradin Cäcilia in das alte Haus von Frieders Opa in der Mitte des Dorfes, „in the middle of our street“. Da „Our House“ von Madness des Öfteren lautstark aus dem Kassettenrekorder der Schüler-WG dröhnt, nennen die anderen Dorfbewohner es bald nur noch „Auerhaus“.

Die kleptomanische Vera und Frieder, der sich unverwundbar glaubt, nachdem er der größten menschlichen Angst bereits ins Gesicht geblickt hat, eröffnen im Auerhaus eine Schule des Klauens – denn irgendwie müssen die Jugendlichen ohne festes Einkommen ja an Lebensmittel kommen. Nach kurzer Zeit wird die Runde komplettiert durch die Brandstifterin Pauline und Harry, einen schwulen Elektriker, der in Stuttgart auf den Strich geht und ansonsten bekifft in der Küche des Auerhauses rumhängt. Inmitten dieses illustren Haufens wirkt der Ich-Erzähler beinahe blass – er gibt vornehmlich den abwägenden Beobachter, der jeden zweiten Gedankenprozess mit dem Zusatz „Egal“ beendet.

Dabei ist vor allem er es, der sich um Frieder sorgt, stets von der Angst geplagt, von der Schule nach Hause zu kommen und den Freund leblos in seinem Bett oder an einem Strick von der Decke baumelnd vorzufinden. So durchzieht das fröhliche Geplänkel über Klautrainings, Schulnoten, Drogen und ersten Sex stets eine leichte Melancholie, eine Angst vor dem drohenden Ende der Idylle.

Ob Zweckgemeinschaft oder echte Seelenverwandtschaft – „Auerhaus“ erzählt mit Witz und Warmherzigkeit von einem Freundschaftsgeflecht, das genauso bedeutsam und genauso fragil ist wie jede andere romantische Beziehung auch. Nicht nur Frieder rettet die Wahlfamilie als Zufluchtsort innerhalb einer bornierten Provinzgemeinschaft das Leben. Die Verbundenheit untereinander geht so weit, dass die gesamte WG den Lebensgefährten von Höppners Mutter „F2M2“ (den „Fiesen Freund Meiner Mutter“) nennt – obwohl Höppners Mutter natürlich nicht die Mutter aller ist. Eine weitere schöne Metapher für die Solidarität untereinander kommt aus dem Radsport: Gemeint ist der Belgische Kreisel, in dem die WG zur Schule fährt – die Führungsspitze wechselt, während die jeweils Langsameren vom Windschatten der Schnelleren profitieren.

Gerade als es am schönsten ist, beginnt die Formation jedoch zu bröckeln. In einem Anfall von Größenwahn hackt Frieder an Heiligabend den Weihnachtsbaum auf dem Dorfplatz um. Dann steigt die legendäre Silvesterparty, zu der sich die komplette Oberstufe, die halbe Psychiatrie und „alle Schwulen zwischen München und Paris“ im Auerhaus versammeln. Pauline bandelt mit Höppner an, Vera mit Harry. Und als gegen Mitternacht „The Final Countdown“ erklingt, ist klar, dass auch die Tage des Auerhauses gezählt sind.

Bjerg, Jahrgang 1965, lebt seit über 30 Jahren in Berlin. Doch geboren ist er in einem Kaff am Fuße der Schwäbischen Alb. Er weiß also, wovon er schreibt. Die Telefonzelle in der Mitte des Ortes, vor der abends die Gastarbeiterfamilien Schlange stehen, um nach Hause zu telefonieren. Die „Auschwitzapotheke“, deren Besitzer sich Gerüchten zufolge an den Goldzähnen von KZ-Häftlingen bereichert hat. Die neuen Sitzschalen in der Fußgängerzone, die Obdachlose vom Schlafen und Pärchen vom hemmungslosen Knutschen abhalten sollen. Mit wenigen Sätzen skizziert Bjerg eine Epoche, an die sich manche von uns nur allzu gut erinnern.

Etwas gewöhnungsbedürftig hingegen ist der bemüht naive Stil, aus dem nur gelegentlich ironische Spitzen („Man konnte die Prüfung bloß bestehen, wenn man so tat, als ob man ein Gewissen hätte, das es einem quasi unmöglich machte, ein normales Leben zu führen“) oder poetische Kondensate („Die Atemwolken standen in der Luft wie leere Sprechblasen“) herausstechen. Die langjährige Lesebühnen-Erfahrung ist dem Autor allzu deutlich anzumerken. Was dafür sorgt, dass das Buch stets einen guten Flow hat – am besten stellt man es sich laut gelesen vor – doch die Balance zwischen Feelgood-Passagen, ernsten Botschaften und melancholischem Grundton wirkt etwas zu konstruiert und damit auch vorhersehbar. Zu offensichtlich ist das Buch als Requiem auf den zentralen Protagonisten, aber auch als Hommage an die unwiederbringliche Jugendzeit angelegt. Natürlich reifen die Figuren an ihrer Verantwortung, und natürlich bricht am Ende der Ernst des Lebens über sie herein. Höppner mag es gelingen, dem F2M2 zu entkommen und Harry seinem homophoben Vater. Schlussendlich jedoch kann das Auerhaus Frieder nicht vor seiner Depression bewahren und Harry und Pauline nicht vor Haftstrafen. Und das wusste man eigentlich von Anfang an.

Trotz seiner eingängigen Sprache, den bisweilen etwas müden Gags, über die man nur in einem gewissen Alter lachen kann, ist „Auerhaus“ nicht für 17-Jährige geschrieben. Sondern für Nostalgiker. Für eben diejenigen, die heute fest in den Fängen von Job und Familie stecken, und die das Stückchen Freiheit, das sie in den 80ern mal hatten (oder meinen, gehabt zu haben), nun automatisch verklären. Da kann noch so oft betont werden, dass früher auch nicht alles besser war. Ein wehmütiges Seufzen lässt sich beim Lesen nur schwer unterdrücken.

Ohne Frage liest sich „Auerhaus“ gut weg – nur hätte das Buch ein paar mehr Ecken und Kanten, sperrigere Charaktere und eine weniger vorhersehbare Dramaturgie vertragen.

 

 

 

 

 

Bov Bjerg
Auerhaus
Aufbau, Blumenbar
2015 · 240 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-351-05023-8

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