Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
x
Kritik

Von Mäusen und Wörtern

Hamburg

Wer ist Brion Gysin? Kaum einer kennt Brion Gysin im deutschsprachigen Raum. Er gilt als der Erfinder bzw. Entdecker der Cut-up-Technik, bei der eigene oder fremde Texte zerschnitten und willkürlich wieder zusammengesetzt werden. Die Cut-up-Technik entstand so 1959 im legendären Beat Hotel in Paris. In den darauffolgenden Jahren, teils Jahrzehnten, hat Gysin mit anderen an dieser experimentellen Schreibtechnik gearbeitet, sie weiter entwickelt. Am intensivsten war die Kollaboration mit William S. Burroughs, der diese neue Technik am intensivsten einsetzte, die meisten Texte, die daraus entstanden sind veröffentlichte, und deshalb in der öffentlichen Wahrnehmung auch als erster mit der Cut-up-Technik in Verbindung gesetzt wird. Brion Gysin stand und steht immer noch im Schatten von Burroughs. 1960 erschienen die ersten Cut-ups:  Minutes To Go von William Burroughs, Brion Gysin, Sinclair Beiles und Gregory Corso, sowie The Exterminator von William Burroughs und Brion Gysin. Als weitere Kollaborationen bezüglich Cut-ups sind zu nennen: Brion Gysin Let the Mice In von 1973, sowie The Third Mind von William S. Burroughs und Brion Gysin erschienen 1978.

Von Brion Gysin (* 1916, † 1986 in Paris), der nicht nur Schriftsteller war, sondern auch Maler (seine Spezialität: Kalligraphien) und noch vieles mehr, sind eine ganze Reihe von Büchern erschienen. 1998 gab es eine große Werkschau in der Edmonton Art Gallery in Edmonton, Kanada, aus der die Publikation Brion Gysin. Tuning in to the Multimedia Age entstanden ist, die 2003 bei Thames & Hudson, London erschienen ist, und einen sehr guten Einblick in das vielfältige Schaffen von Gysin ermöglicht. Mit Nothing Is True Everyting Is Permitted. The Life of Brion Gysin von John Geiger, 2005, liegt auch eine umfangreiche Biographie vor.

Aber im deutschsprachigen Raum ist so gut wie nichts von Gysin erschienen. 1969 ist er mit dem kurzen Text In/Spiration in der Anthologie Cut Up. Der sezierte Bildschirm der Worte (herausgegeben von Carl Weissner und erschienen im Joseph Melzer Verlag, Darmstadt) vertreten. Und 1997 erschien erstmals eine Textsammlung von ihm in Deutschland: Brion Gysin, Umherschweifen, Beute Machen. Erzählungen aus Tanger (Edition Pixis bei Janus Press, Berlin). Aber seitdem nichts mehr. Und nun auf einmal erscheint Brion Gysin Let the Mice In als Faksimile beim Moloko Plus Verlag. Der Verleger Ralf Friel hat hierfür ein gut erhaltenes Exemplar in den USA für 160 € erstanden. Ein angemessener Preis für ein 78-seitiges Buch, da es nur in einer limitierten Auflage von 1.500 Stück erschienen ist.

Die Neuausgabe ist gegenüber der Erstausgabe von 1973 erweitert um ein Vorwort, die "cutting patterns" zum Bau einer Dreamachine sowie einigen weiteren Fotos. Der Hauptteil besteht unverändert aus drei Cut-up-Texten von Brion Gysin (sie sind übrigens alle auch nochmals in The Third Mind erschienen. In Brion Gysin. Tuning in to the Multimedia Age ist der Text Cut-Ups Self-Explained zum größten Teil abgedruckt). Die Cut-up-Autoren der frühen Stunde haben sich auch mit anderen bzw. angrenzenden Themen beschäftigt. Die sogenannte Dreamachine, eine Erfindung von Gysin, für die er 1961 sogar ein Patent erhalten hat, wird in den zwei Artikeln Flicker von Ian Sommerville und Dreamachine von Brion Gysin behandelt. Das Kapitel "Further Experiments" besteht aus drei Artikeln von Burroughs, bei denen es um Suggestion im Wachzustand, den Einsatz von tragbaren Kassettenrecordern zur Erzeugung von Unruhe und Revolten in der Bevölkerung, die Theorien von L. Ron Hubbard, dem Begründer von Scientology, insbesondere Engramme, sowie den Einsatz von Infra-Sound (Frequenzen kleiner 10 Hertz) als Waffe geht. Zwei dieser Texte sind eindeutig als Cut-ups zu erkennen. Im letzten Kapitel "Permutated Poems of Brion Gysin as put through a computer by Ian Sommerville" werden Permutationen von kurzen Sätzen dargestellt. Das Buch endet mit einigen Kalligraphien von Gysin sowie Fotos von 1959 bzw. aus den 1960er Jahren.

Im Vorwort der Neuausgabe schreibt Douglas Field, dass Brion Gysin Let the Mice In teils Bedienungsanleitung, teils Manifest ist, und das trifft zuallererst auf die drei Haupttexte von Brion Gysin zu. Hier legt er seine Theorie zu Cut-up dar. Dass das Schreiben in der Entwicklung 50 Jahre hinter der bildenden Kunst hinterher hinkt. Dass Cu-up gerade Methoden der bildenden Kunst auf das Schreiben anwendet. Dass Wörter niemandem gehören, man mit ihnen also alles machen kann und darf. Und dass es gerade die Aufgabe der Dichter ist, "to liberate the words - not to chain them in phrases."

Sein Ansatz sieht Parallelen zum Zen Buddhismus. In CUT-UPS: A Project for Disastrous Success heißt es: "I can tell you nothing you do not know. [...] You cannot cut up in your own head [...] Whatever you do in your head bears the pre-recorded pattern of your head. [...] Cut through the word lines to hear a new voice off the page. [...] 'It' speaks. Herrigel describes such an experience in Zen in the Art of Archery when 'It' shot the arrow." Es geht darum, Wörter als Waffen einzusetzen. Darum, das Skript des biologischen Films, den wir Realität nennen, damit einfach umzuschreiben. Auch ein christlicher Ansatz wird weiter geführt: "If, indeed: In the Beginning was the Word, then the next step is: Rub out the Word."

In der Editors Note von Jan Herman, dem Herausgeber der Originalausgabe, steht etwas davon, dass Gregory Corso im Originaltext enthalten war. Da sich Corso aber später von der Idee des Cut-ups distanziert hat, wurde er "heraus editiert". Diese Anekdote wird aber erst voll verständlich, wenn man in dem Text Brion Gysin Let the Mice In folgende Stelle liest: "By the great Go, Brion Gysin let Corso 1960 the mice in." Hieraus kann man ersehen, dass der Titel Brion Gysin Let the Mice In selbst Resultat eines Cut-up-Experiments ist.

In dem Text Cut-Ups Self-Explained wird der Vorgang des Cut-ups beispielhaft visualisiert. Hier kann man deshalb auch am praktischsten nachvollziehen, was sich hinter dieser Schreib-Methode verbirgt bzw. wie sie konkret arbeitet. Wenn man genau hinschaut, kann man auch sehen, dass in einem Cut-up-Text auch wirklich neue Worte entstehen können. Dazu zwei Beispiele, die mir aufgefallen sind. Das Wort sage, also klug, weise, taucht im neu entstandenen Text auf: "Use any system sage." Im Ursprungstext ist es aber durch das Zerschneiden des Wortes message entstanden, denn dort steht lediglich: "read the newly constituted message." Ähnlich ist es mit der Elfe. Cut-up-Text: "Do it for yours which suggests itself elf." Im Ursprungstext: "Do it for yourself."

Damit wären wir auch beim Thema Sprachen. In der englischen Sprache ergeben Cut-ups wesentlich leichter sinnvolle Texte und Worte. Es gibt eine ganze Reihe von Wörtern, die sowohl als Sustantiv als auch als Verb gleich geschrieben werden. Dabei hilft zusätzlich, dass Substantive und Verben beide kleingeschrieben werden. Beispiel need bzw. to need heißt sowohl Bedürfnis/Bedarf, als auch benötigen/brauchen.

Dann wäre noch die Frage, ob man Cut-ups überhaupt in andere Sprachen übersetzen kann. Die Frage wird ja bereits bei Gedichten kontrovers diskutiert. Man spricht dort eher von einer Neudichtung als von einer Übersetzung. Bei Cut-ups ist das aber noch ausgeprägter, da durch den Schnitt-Vorgang auch immer wieder Wörter auftauchen, die es im Englischen (zum Beispiel) gar nicht gibt. Sie machen aber durchaus Sinn, denn der Leser erkennt in ihnen ein oder auch mehrere ähnlich geschriebene Wörter, und kann sich daraus "seinen eigenen Reim drauf" machen. Das funktioniert beim Leser aber nur dann zufriedenstellend, wenn er über einen ausreichend großen Wortschatz verfügt. Deswegen hier meine Meinung und mein Rat: Ich finde es gut und richtig, solche Cut-up-Texte in der englischen Originalfassung zu veröffentlichen. Aber solch ein Buch kann auch nur dann von einem Deutschen mit Gewinn gelesen werden, wenn er zum einen genügend gut Englisch beherrscht, zum anderen aber auch einen großen englischen Wortschatz besitzt.

Es gab solche Versuche der Übersetzung von englischsprachigen Cut-ups ins Deutsche, auch bezüglich Brion Gysin Let the Mice In. Der eingangs erwähnte Text In/Spiration in der Anthologie Cut Up. Der sezierte Bildschirm der Worte ist die deutsche Übersetzung des Anfangteils des Texts Brion Gysin Let the Mice In. Das ebenfalls erwähnte Buch Umherschweifen, Beute Machen. Erzählungen aus Tanger enthält unter anderem die beiden Texte Brion Gysin lässt die Mäuse rein sowie Cut-ups, ein Projekt für verhängnisvollen Erfolg (hierbei handelt es sich nur um einen kleinen Teil des gesamten Texts). Diese Übersetzungen lassen sich sogar recht gut lesen. Aber das Problem dabei ist, dass bei Mehrdeutigkeiten von Worten oder Sätzen, wie sie bei Cut-ups ja gerade auftreten, sich der Übersetzer für eine mögliche Variante davon entscheiden muss. Es geht also viel von der Vagheit verloren. Und diese Offenheit eines Textes ist es ja gerade, die gute Literatur auszeichnet!

Der Einstieg in Cut-up-Texte ist nicht einfach. Manchem Leser hilft es, wenn er solche Texte gelesen hört, und das möglichst vom Dichter selbst. Denn viel vom Verständnis vermittelt sich über die Betonung der Worte und Sätze. Und so ist es ein  Glück, dass seit 2012 die Audio-CD The Spoken Word: William S. Burroughs and Brion Gysin bei The Britisch Library Board erschienen ist. Hierauf findet man Cut-Ups Self-Explained sowie alle vier in Brion Gysin Let the Mice In abgedruckten "Permutated Poems" als Audioaufnahmen vom Anfang der 1960er Jahre. Gerade bei den permutierten Gedichten, teilweise unterlegt mit echten Pistolenschüssen und aufgenommen im BBC Sound Effects Studio, trägt die gekonnte Betonung der Wörter durch Brion Gysin selbst viel zum Verständnis bei.

Zu guter Letzt wäre noch die Frage offen, warum gerade jetzt Brion Gysin Let the Mice In neu erschienen ist? Das hat meiner Meinung nach mit dem von der Öffentlichkeit fast unbemerkten Jubiläum zu tun: 60 Jahre Cut-ups. Gefeiert wird aber erst in 2020, nämlich das Erscheinungsdatum der ersten Cut-up-Bücher Minutes To Go und The Exterminator. Im September 2020 wird es deshalb die Konferenz "CUT-UPS@60" geben, zwei Tage in London und zwei Tage in Paris. Übrigens gehört auch der Verlag Moloko Plus zu den Sponsoren dieser Konferenz. Und es ist bereits angekündigt, dass bei Moloko Plus diese beiden ersten Cut-up-Bücher neu herausgegeben werden, und zwar in 2020, dem Jubiläumsjahr.

Brian Gysin
Let the Mice In
Edited By Jan Herman
Moloko plus
2019 · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-943603-46-0

Fixpoetry 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge