Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Pedrina - Die Pute, die ein Pfau sein wollte / la perua quer quería ser pavo real
x
Pedrina - Die Pute, die ein Pfau sein wollte / la perua quer quería ser pavo real
Kritik

Ein finsteres Märchen

Brian Hodges Novelle „Ich hole dir die Vögel vom Himmel“
Hamburg

Brian Hodge sei „ein Schriftsteller von verwegenem, außergewöhnlichem Talent“, sagte der in solchen Fragen stets zuverlässige Peter Straub einmal. Das allein dürfte Grund genug sein, um einen Blick auf seine nun bei Festa in der Übersetzung von Heiner Eden erschienene Novelle „Ich hole dir die Vögel vom Himmel“ zu werfen. Fangoria bezeichnete Hodge als „literarisches Äquivalent zu David Cronenberg“, der Verlag stellt ihn in die Tradition von H. P. Lovecraft. Und die Novelle ist zumindest das: Eine deutliche Verneigung vor Lovecraft, bisweilen auch eine Hommage, was die finstere Stimmung angeht.

Dabei beginnt die Geschichte eigentlich recht harmlos: Die neunzehnjährige Nona findet im verfallenden Haus ihres Großvaters Cecil Conklin dessen gut erhaltene Gemälde und bringt eines davon zu Galerist Timothy. Nicht, weil sie auf das große Geld hofft. Aber sie hat die Idee, dass es vielleicht Touristen in das kleine Appalachen-Kaff locken könnte, wenn sich herausstellt, dass hier mal ein talentierter Künstler gewirkt hat. Im Gegensatz zu all ihren Freunden hat es Nona nie in die Ferne gezogen. Sie ist an dem Ort ihrer Kindheit geblieben, fühlt sich ihm verbunden, auch wenn die Menschen dort eher verschrobene Hinterwäldler sind, die jeden Besucher kritisch beäugen. Und sie möchte etwas tun gegen die Isolation des Ortes, will andere begeistern für die Hügel und die tiefen Wälder und ihre Schönheit – also auch für all das, was Cecil gemalt hat wie ein Besessener, bevor er mit gerade mal dreißig Jahren starb.

Timothys Neugier ist geweckt. Zumal die Bilder ihm Rätsel aufgeben. Sie wirken surreal, etwas Unbestimmbares schwebt unter ihrer Oberfläche. Und als er in der Sammlung zwei Teile eines Tryptichons entdeckt, will er es wissen: Wo ist das dritte Bildelement? Ist es der Schlüssel zum Verständnis von Cecils Gemälden? Dabei ist das Interpretieren eigentlich gar nicht sein Ding: „Es ist immer gefährlich, über die Motive eines Künstlers zu spekulieren. Ich habe schon genügend Klugscheißer mit heruntergelassenen Hosen dastehen gesehen, wenn die Künstler von ihren wahren  Absichten berichteten“, sagt er.

___STEADY_PAYWALL___

Nona vermutet, dass Cecil das Bild vielleicht bei seiner Geliebten Olivia in Broadwater Hollow gelassen hat. Es ist der nächste kleine Ort direkt hinter dem Hügel, der über Cecils Haus aufragt. Doch Broadwater Hollow ist seit Jahrzehnten verlassen. Ein Geisterort. Timothy besteht darauf, zu suchen. Und er ahnt nicht, dass sie dort weit mehr finden werden als nur das fehlende Gemälde. Schon Cecil hat aus Broadwater Hollow etwas mitgebracht, das in ihm wuchs. Und als Timothy erkennt, was die Gemälde wirklich zeigen, ist es längst zu spät.

„Ich hole dir die Vögel vom Himmel“ ist eine klassische Horrornovelle, in der das Grauen auf leisen Tatzen daherkommt, nur um dann umso heftiger zuzuschlagen. Und obwohl das Setting ein seit Lovecraft so ausgetretenes Terrain ist, gelingt es Brian Hodge mit lebhaften und auf wenigen Seiten vielschichtig gezeichneten Figuren sowie einer Idee, die dem Leser blanke Schauer über den Rücken jagt, dem Genre tatsächlich etwas Neues, höchst Originelles hinzuzufügen. Dass es zudem eine Geschichte über das gespaltene Verhältnis zur Heimat und der Frage, was dieser Begriff eigentlich bedeutet ist, eine augenzwinkernde Geschichte über Kunst an sich und nicht zuletzt ein düster-böses Märchen – all das erklärt, weshalb Peter Straub so begeistert ist von Hodge.

 

Brian Hodge
Ich hole dir die Vögel vom Himmel
übersetzt von Heiner Eden
Festa
2020 · 128 Seiten · 16,99 Euro

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge