Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Pedrina - Die Pute, die ein Pfau sein wollte / la perua quer quería ser pavo real
x
Pedrina - Die Pute, die ein Pfau sein wollte / la perua quer quería ser pavo real
Kritik

Türkische Perspektive: Das Ich und das Vergessen

In seinem zweiten auf deutsch erscheinenden Roman führt der türkische Autor Burhan Sönmez den Leser in eine labyrinthartige Welt des Vergessens und zeichnet zugleich einen vielschichtigen, bildreichen Kommentar zur Türkei der Gegenwart.
Hamburg

Burhan Sönmez gehört zu den meistübersetzten und erfolgreichsten kurdisch-türkischen Gegenwartsautoren. Dass der studierte Jurist und Dozent an der Technischen Universität des Mittleren Ostens in Ankara ein Verfechter von Humanität und Menschenrechten ist, zeigt nicht nur sein zivilgesellschaftliches Engagement, sondern spiegelt sich auch in seinen Büchern. Nach „Istanbul Istanbul“ liegt nun in der Übersetzung von Sabine Adatepe mit „Labyrinth“ ein zweiter Roman von ihm auf Deutsch vor.

Und auch diese schmale Roman ist ein Istanbul-Buch, eine Geschichte, in der die Stadt am Bosporus eine heimliche und hochaktuelle Hauptrolle spielt – wie schon im Vorgänger, in dem eine Gruppe politischer Häftlinge in einer finsteren Zelle sich ihr eigenes Istanbul imaginierte, Traumreisen in die geliebte Stadt unternahmen, die sie im Stich gelassen hat. Istanbul als Geliebte, als Hassliebe, als Sehnsuchtsort und als Moloch zugleich, das sind Motive, die prägend sind für die gesamte türkische Literatur. Während Nobelpreisträger Orhan Pamuk meist von einem längst verschwundenen Istanbul, dem seiner Kindheit und Jugend, dem Istanbul auf den Bildern Ara Gülers, erzählt, bleibt Burhan Sönmez im Hier und Jetzt. Sein Istanbul ist stets greifbar, und doch verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Metapher.

„Nicht heute ist kostbar, sondern gestern, und vorgestern ist noch wertvoller“, sinniert Sönmez' Protagonist Boratin beim Blick auf die Auslage eines Antiquariats in Beyoglu. „Er könnte fragen, ich existiere heute, dann kann ich es auch morgen, aber wie kann ich gestern da sein?“

Boratin hat sein Gedächtnis verloren. Der Name im Ausweis, das Gesicht im Spiegel, die Wohnung voller Platten und Gitarren sind ihm fremd. Von engen Freunden lässt er sich überzeugen, sie anzunehmen, zu glauben, dass sie zu ihm gehören. Aber eine Vergangenheit hat er nicht mehr. Die Songs, die er mit seiner Bluesband schrieb sind die eines Mannes, den er nicht kennt. Was ihm bleibt ist nur die Gegenwart. Was ist passiert? Auf der Bosporusbrücke stieg er im Stau aus einem Taxi und sprang in die Tiefe. Warum? Er weiß es nicht mehr. Und es ist auch nicht mehr wichtig. Die Gründe, die er gehabt haben mag sind mitsamt seinem bisherigen Leben einfach verschwunden.

Boration streift durch Istanbul. Gelegentlich wirken Orte und Menschen seltsam vertraut, und dann wieder sprechen ihn Personen an, die ihm so fremd sind wie sein Spiegelbild, das er stundenlang grübelnd betrachtet. Seine Schwester ruft aus Anatolien an. Sie weiß nicht, was passiert ist. Er spielt ihr eine heile Welt vor. Eine Welt, in der Simits und Möwen und der Bosporus immer dort sind, wo man sie erwartet. Was Zeit ist, muss Boratin neu lernen. Er lauscht einem alten Uhrmacher, der die Uhr und den Spiegel für die größten Erfindungen der Menschheit hält: „Die Welt außerhalb des Spiegels sei eine andere als die Welt darin. Zusammen ergeben sie eine einzige. Bei einem Blick sei der Spiegel ein Schloss, schaue man später noch einmal hin, ein Schlüssel. Er ist die Quelle unseres Lebensmutes wie auch unserer Angst.“

Ist die asiatische Seite Istanbuls ein Spiegel der europäischen? Das fragt sich Boratin, als der am stillgelegten Bahnhof sitzt, von dem aus er nun doch nicht fahren und seine unbekannte Schwester besuchen wird. Er wundert sich, warum überall Plakate mit dem Gesicht des Sultans hängen, bis er erfährt: Das ist der aktuelle Sultan. Gegenwart und Vergangenheit – er bringt sie immer wieder durcheinander, und so wird sein blindes Tasten im Jetzt, seine Suche ohne Erinnern, zum Spiegelbild der türkischen Verhältnisse unserer Zeit: eines Landes, das seine Vergangenheit verleugnet, das sich nicht zuletzt mit der Schriftreform von ihr abgeschnitten hat, und in der nun ein Präsidentensultan ein fiktives osmanisches Disneyland an die Stelle des Vergessenen setzen kann.

„Die in der Schlafzimmergardine verkantete Nacht gerät ins Trudeln und verwandelt sich in einen bodenlosen, nervösen Höllenschlund aus Teer. Diese Nacht ist nicht transparent wie die anderen. In dieser Nacht ist die Decke niedriger als zuvor.“

Die enorme Wirkung, die Burhan Sönmez mit seinem Labyrinth des Geistes entfaltet, ist auch seiner absolut präzisen, dabei sehr poetischen Sprache zu verdanken, die Sabine Adatepe mit großem Feingefühl ins Deutsche geholt hat. Ein simpler und doch verschlungener Roman, der, wie der Erzähler, in Sackgassen und dunkle Straßen tappt und nie weiß, in welche Richtung sein Weg führt. Ein Kunstwerk in jedem Satz.

Burhan Sönmez
Labyrinth
Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe
btb
2020 · 160 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-442-75838-8

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge