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edition noak Jean-Pierre Siméon: Die Poesie wird die Welt retten
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edition noak Jean-Pierre Siméon: Die Poesie wird die Welt retten
Kritik

Mehrsamkeiten

Hamburg

Wenige Schlüsselworte ziehen sich durch Caca Savics Lyrikdebütband Teilchenland. Inmitten eines ambitionierten, dichten und strengen Stroms ziemlich vielgestalter Bildwucherungen fallen einem Konstanten wie die „Stimme aus Kreide“, „Würger“, „Echo“ oder „Fleisch“ auf, anderen LeserInnen gewiss andere von jenen wenigen, sich wiederholenden Worteinheiten. Savics Gedichte versuchen, jeder Pinnung aus dem Weg zu gehen, „das Ganze“ nur in ständig neu vermessenden, eben den titelgebenden, Teilchen anzuleuchten. Es ist nicht ganz einfach, den Gedichten zu folgen. Sie gabeln sich an praktisch jeder möglichen Stelle, zudem sorgt eine mehrfach gebrochene Zeichensetzung aus methodischen Inkonsequenzen und absichtsvollen grammatischen Wortverbiegungen wie „gegürtelt“, „Hälser“ für einige Überraschungen. Wenn Teilchenland eines nicht ist, dann gefällig.

In den Mischungen aus hergebrachten, wenn nicht verbrauchten Bildern, mit neuen, ungewöhnlichen Paarungen schält sich eine oft brutal oder aggressiv anmutende Stimmung heraus. Ein forsches lyrisches Ich beschwört aufgeregtes Sprachmaterial wie: „Ausatmen und Eindrücken“, „Ahnenschmutz“, „verrenkte Kinder“, „Ungeziefer beziehen Rachenraum“, „schaumschlagende Vipern atmende Aufbrüstung“, „verschorfte Füße“, „spiralförmiges Moor“ oder „zugemauerte Ausgänge“. In zum Teil kämpferisch wirkender Ansprache einer zweiten Person Singular, wobei das „Du“ nicht fällt, wird etwas angegriffen, etwas biografisch zu wirken scheinendes. Wutwuchernder Sprache steht allerdings eine äußerst strenge Blocksatzform entgegen, die titellos auf jeder Seite ihr grafisches Säulenkorsett den Gedichten angelegt hält, dazu eingeleitet, ausgeleitet von Pfeilsymbolen, die zusätzlich Unrast im Lesen erzeugen. Die gewählte Schrift wiederum ist verspielt, mit etwas gewöhnungsbedürftigen Lettern, sodass ein eigentümliches Leseerlebnis sich einstellt nach dem „Startschuss auf die verhallten Glocken“.

                [...] eine Übung gegen den
Aufstieg entlang von Kollisionen hängt sie
steil gegen die Bodenhaftung, verlässt die
Biografie. [...]

Oder:

      [...] Kolchosenwärter Straflager Wider-
wärtigkeiten, Umspurungen für die Nach-
kommenschaft aufs Kampfvlies geschneidert,
alle Schnüre bis auf Schmerzgrenze genetski
gedreht in Übelkeit gekrümmt, zu unterst
vernäht verwandelt in diese dritte Person
Einzahl, Nähte sind kein Ersatz für Schiffs-
taue, doch Matrosengeschütze in erregtem
Zustand halten die Arme still

Bisweilen frustrierend, stellt sich manchmal durchaus ein Gefühl der totalen Überladung der Zeilen auf, in denen man vergeblich angelegten Rhythmus oder Sprachzwinkern sucht, doch scheint dies mehr als Methode zu haben. „Treibst die Säue gegen meinen Willen“ könnte eine Art Statement der hier handelnden Sprache sein. Verselbständigt, aufgeworfen, losgelassen rennen die Gedichtbestandteile gegeneinander an, kreuzen sich aus, wie die permanente Reibung von Teilchen, erzeugen einen disparaten Zustand. Eingeschobene slawische „Teilchen“ schwimmen mit in den Gedichten, sind möglicherweise Angelpunkte des in insgesamt vier Apparate aufgeteilten Bandes, namens: obris, utopija, tjelo, iluzija.

Die Illustrationen von Nina Kaun bedienen Tiere, Figuren, Tannen und Schränke, die man in den Gedichten findet, aber ohne sie visuell in einen anderen Zusammenhang zu stellen. Eine abstrakte, bockige Vagheit strahlt das durchkonzipierte Teilchenland aus. „Aufwand ist ein Stoß“. In die Hermetik? Savics Gedichte entziehen sich der Nachverfolgung, an einer einzigen Stelle bricht das mit „5“ überschriebene Teilgedicht mit dem Blockkorsett, schreibt von „orbis“:

orbis gibt vor, ist wandelbar, geschieht nicht
mehr

Die einzige aufgerufene Referenz, schwach gestreift, im Band ist Francis Bacon, genauer „im Gespräch mit Francis Bacon“, an dessen Bildersprache man durchaus denken könnte. Liegt hier ein Portrait vor? Doch das nur als Marginalie zum fragmentierten, strukturierten Sound von Teilchenland, der zum Beispiel folgendermaßen sich verbreitet:

sollst den Raum senkrecht abschließen
beginnst dort Gestalt und legst die Blick-
richtung aus: ihr ins Unaussprechliche. auf
gestampften Böden Unrat alter Viecherei,
könntest Triebige nicht bekehren oder ver-
stellen. ihr Durchschauen im Widerspruch,
wollen Angeber klargewaschen ausstellen.
Trägst säckeweise verrottete Absperrungen
dir Finger zu lahmen

Caca Savics Debüt im Verlagshaus Berlin hat eine sehr eigene Stimme. Völlig losgelassen, aber in strenge Struktur („Grenzen“?) gelegt, wabern die Widersprüche und Impulse dieser Sprache umher zwischen Tieren, Menschen, nicht mehr unberührter Landschaft. Sie biedern sich nicht an, wirken aber mitunter etwas gewollt verwuchert. Die Stärke von Teilchenland liegt in seiner komponierten Konzepthaltigkeit. Hier ist nicht wirklich etwas herauslösbar, sondern nur die Gänze mitzunehmen. Wild.

Caca Savic
Teilchenland
Nina Kaun
Verlagshaus Berlin
2020 · 104 Seiten · 17,90 Euro
ISBN:
978-3-945832-37-0

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