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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
Kritik

"obris" – Gliederung

Hamburg

Das allererste, was auffällt, ist das wiederholte Auftauchen von (ich vermute) serbischen1 Wörtern im Textfluss – und zwar nicht besonderes hervorzuhebenden Wörtern, sondern einfachem Alltagsvokabular. Dies geschieht ohne nähere Erklärung, ohne Übersetzung, es handle sich bei dem abgebildeten Sprachschatz zwischen Deutsch und Serbisch eben um den verfügbaren.  Auch die Namen der vier Kapitel sind serbisch. In dieser Reihenfolge lauten sie2: "obris" - Gliederung, "utopija" - Utopie, "tjelo" - Körper, "iluzija" - Illusion. ___STEADY_PAYWALL___Dass nun der erste Teil der Gliederung selbst "Gliederung" heißt, und zwar in einer Sprache, die dies nicht unmittelbar offensichtlich sein lässt, darf als Beispiel für das zweite konstitutive Element von "Teilchenland" gelesen werden:

Im Klappentext steht nämlich u. a.

Aus ihren Brüchen und Fragmenten3 erschreibt sich Caca Savic ein Ich, das kein unteilbares Ganzes ist – Savic erschreibt ein Teilchenland

und das heißt, wir lesen einen langen, in handhabbare Teilchen zergliederten Textfluss, der lange, bevor er ein "Ich" aufweist, als ein "System" existiert, welches um ein impliziertes "Du" gruppiert ist (das erste Wort im ersten Abschnitt lautet:

formst

…) Dieser Textfluss umfasst dann auch alles Mögliche, stellt durchaus lustvoll vieles aus, aber das ist nicht der Punkt bei der Lektüre, denn der Punkt ist, dass der Text immer wieder insistiert, die Übertragungsoperation zwischen "Karte" und "Territorium" zu machen, zwischen Zeichen und Bezeichnetem, in beide Richtungen – z. B., siehe oben,  das Wort "Gliederung" als Gliederungselement verwendend. Ganz nebenbei spricht der Text diese Programmatik auch aus, etwa hier –

erkläre den entspannten Wohlklang ohne
Erfindungen. aus winzigen Kommandan-
turen strömen im Vorgarten die Ahnungen,
hinten stehen die Ereignisse verpflanzt, er-
scheinen als Kopien schön gezeichneter Pläne
in Utopistenmappen abgeheftet, für den
Jahreswechsel die Wärme aus Kraftwerken
als Inhalat 5mg zerstäubt

– und das, was vom Lesen hängen bleibt, sind eben die Übertragungs- oder Projektionsoperationen: Leibhaftig auf der Wandtafel spazierengehen, bzw. das Land als Karte lesen; oder sagen wir: "Ich" ist nicht einfach, wie im Genie-, Außergewöhnlichkeitsprogramm Rimbauds, "ein anderer" – "Ich" ist genau die Abbildung von Muster X auf Medium Y, welches Muster dann wiederum das Medium darstellt, wie es usw. Wenn wir das nun betulich-lehrerhaft umlegen, ist "teilchenland" so etwas wie die Dokumentation von subkutanem Sprachgeschehen, dem sich "Muttersprachlichkeit" verdankt – oder schlimmer: "Heimat"

Letzterer Begriff ist sicherlich bei Produktion des Buches mitgedacht worden: die gewählte Type der Titelschriftsätze, "Blackhouse", ist eine eigenartig modernisierte altdeutsche Fraktur, und die hervorragenden Illustrationen, vom Umschlagbild an, zeigen Ausschnitte eines Kinderbuch-Märchenwaldes mit Emphase auf Jagd, Jagdhaus, Jagdhäuslichkeit …

Ob in der Kombination dieses theoretisch determinierten Illustrationsschemas bei der Präsentation gerade eines deutsch-serbischen Textflusses, der außerdem die Unerreichbarkeit von "eindeutiger" Identität im Text selbst ausstellt – ob in dieser Kombination also so etwas wie eine literaturpolitische Äußerung unterschwellig mitgeliefert ist – 

als Kritik an der "literarischen  Außenpolitik" der Goetheinstitute und vieler deutschsprachiger Zeitschriften und Verlage, welche "Nationalliteraturen" in Ost- und Südosteuropa fördern, was den in der Geschichte deutscher Sprache selbstverständlichen Konnex von Nation, Sprache, Schriftliteratur, Rolle-des-öffentlichen-Intellektuellen weniger anwendet als vielmehr erst exportiert, ggf. zum Nachteil konkurrierender Konzeptionen davon, wie dieses Kräftefeld aussehen könnte –

oder ob diesen Subtext der Aufmachung nur der Rezensent hier hineinliest – das bleibt offen. Im Text selbst steht viel, und weil Savic formal firm in der Kunstsprache der Moderne steht, steht dieses Viele, wie Planktonpartikel einer Ausstellung (oh weh –  mixed metaphor!), gleichrangig beisammen. Größe und Kleinheit von Objekten erscheinen suspendiert. Wir können uns getrost dieser meditativen Grundstimmung überlassen.  

  • 1. Ich habe inzwischen die Autorin auf diese Frage angesprochen, und sie lässt mich wissen, dass es sich genau genommen um serbokroatisches Vokabular handle, mithin um Vokabular, welches als Schauplatz einer zeitgenössischen sprachpolitischen Auseinandersetzung dient: zwischen nationalstaatlich-Serbisch bzw. -Kroatisch und der Sprache des untergegangenen Jugoslawiens …
  • 2. … die Übersetzungsversuche stammen von mir selbst, und sollten sie danebenliegen, so bildet auch das doch gut ab, wie es gerade diesem Text geht, wenn er in die Hände eines Normalsterblichen gerät, also: …
  • 3. denen der Sprache
Caca Savic
Teilchenland
Nina Kaun
Verlagshaus Berlin
2020 · 104 Seiten · 17,90 Euro
ISBN:
978-3-945832-37-0

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