Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Ich habe erlebt, was sich Dante nur vorgestellt hat, die Hölle.

Hamburg
Von

In den 1960er Jahren war das Tagebuch der Anne Frank fast so etwas wie eine Pflichtlektüre für uns. Darüber übersahen wir andere wichtige Zeugnisse der Zeit, doch drängten sich uns etwa Wolfgang Langhoffs „Moorsoldaten“ oder Karl Kraus‘ „Dritte Walpurgisnacht“ bald ganz von selbst auf. Ein früher Zeugenbericht der Vernichtungsmaschinerie des sogenannten Dritten Reichs blieb allerdings zumindest mir bis vor kurzem unbekannt: Carl Laszlos bereits 1955 veröffentlichte Erinnerungen „Ferien am Waldsee“, die nun aber dankenswerter Weise vom jungen Wiener Verlag „das vergessene buch (dvb verlag)“ wieder zugänglich gemacht wurden.

Ferien am Waldsee“ – hätte den Titel nicht ein Überlebender mehrerer Konzentrationslager für sein Erinnerungsbuch gewählt, man würde ihn zumindest als zynisch empfinden. Tatsächlich ist es aber keine Eigenkreation des Autors, sondern geht auf die Tatsache zurück, dass

einige ihrer Familienmitglieder gelegentlich Postkarten mit vorgedrucktem Text und eigenhändiger Unterschrift der Deportierten [erhielten]. Dies vermochte die Angehörigen umso mehr zu beruhigen, als der Stempel der Karte lautete: »Am Waldsee«.

Der erste Eindruck hat allerdings nicht getäuscht, der Titel ist purer Zynismus, aber nicht der eines Überlebenden, sondern eines Systems, dessen Grausamkeit selbst „Berufsverbrecher, meistens ziemlich harmlose Mörder und Diebe, […] nicht selten [als] Menschen mit angenehmen Charakterzügen und gelegentlich von höchster sittlicher Gesinnung“ erscheinen ließ.

Bleiben wir kurz beim äußeren Erscheinungsbild des Buches. Ein befreundeter Künstler hat mir gesagt, man hätte beim ersten Betrachten des Coverbilds „kein gutes Gefühl“. Tatsächlich ist es befremdlich und kommt einem doch irgendwie bekannt vor. Die oberen zwei Drittel werden von einem Abendhimmel eingenommen, dessen Farben von einem dunklen Blau über ein Gelb-Orange in ein graues Rot übergehen. Die tiefe Horizontlinie wird von einem, sich gegen den Abendhimmel schwarz abhebenden langgestreckten Gebäude gebildet, dessen Silhouette und die angrenzende Baumreihe um einen in der Mitte befindlichen Turm wie gespiegelt erscheinen. Unter diesem schwarzen Band sieht man einen See, in dem sich Gebäude, Wald und Abendhimmel spiegeln und auf den in der Bildmitte ein Steg, dem jede zweite Planke fehlt, hinausreicht. Die Silhouette eines Ruderboots mit einem stehenden Ruderer darin schwebt quasi an der Grenze zwischen den Spiegelungen des Gebäudes und des Himmels.

Der Blick wird von einer hinter dem Turm untergehenden Sonne angezogen. Einer völlig weißen, nicht der erwarteten orange-roten, und daher befremdlichen Halbscheibe. Ebenfalls befremdlich, dass sich diese weiße Sonne nicht im See widerspiegelt, dass anstelle dieser so typischen Spiegelung als Sonnenschwert der dunkle Steg tritt, der sich mit der Spiegelung des Turms trifft.

Das Bild erzeugt tatsächlich kein „gutes Gefühl“ und weckt Erinnerungen aber auch Assoziationen mit anderen Bildern. So ist die Silhouette des Gebäudekomplexes mit seinem zentralen Turm sofort als das Lagertor von Auschwitz zu erkennen und der kaputte Steg evoziert eindeutig die auf den zentralen Eingangsturm zulaufenden Gleise.

Der eigenartige, sehr aufdringliche Farbverlauf wiederum erinnert mich an den des Holzschnitts „Klare Morgendämmerung bei Südwind“, auch bekannt als „Roter Fuji“, von Katsushika Hokusai. Die weiße, wie bei einem alten Geschäftsschild stellenweise verblichene Schrift des Titels evoziert zusätzlich die unregelmäßigen Wolkenbänder bei Hokusais Holzschnitt.

Möglicherweise sind diese Assoziationen zu weit hergeholt, die Überblendung der beiden Bilder Einbildung und somit das Ganze eine „bemühte Überinterpretation“, doch wird es nicht die erste und letzte sein, die einem grafischen Werk, hier dem des deutsch-italienischen Werbedesigners Gianluca Coscarelli, widerfährt. Jedenfalls befremdet das Bild mit (aber auch ohne) seinen (hineininterpretierten) Verfremdungen und nimmt auch damit oder trotzdem sehr starken Bezug auf Carl Laszlos Text.

Dieser wird von zwei aktuellen Essais umrahmt, zum einen von Albert C. Eibls „Zum Geleit“, der eine hervorragende Rezension darstellt und auf den ich zum Schluss zurückkommen möchte. Zum andern von den mit „Liebesdienst“ übertitelten persönlichen Erinnerungen Alexander von Schönburgs an die schillernde Persönlichkeit Carl Laszlo. Es sind sehr persönliche Erinnerungen, die allerdings manchmal etwas befremden, vor allem, wenn von Schönburg seine innere Distanz zu seinem Freund zu erklären, ja fast zu entschuldigen sucht. Es ist zugegebenermaßen sehr schwierig, einen Freund der Nachwelt zu beschreiben und zu charakterisieren, vor allem, wenn es sich um eine derart komplexe Persönlichkeit handelt, wie bei Carl (Karcsi) Laszlo:

Er hielt Gesetze, Regeln und Konventionen für den unverzichtbaren Kitt der Gesellschaft, was ihn zu einem Konservativen machte, gleichzeitig bereitete es ihm vor allem Vergnügen, sich Gesetzen, Regeln und Konventionen zu entziehen: Hierin bewies er, dass er Avantgardist war.

Einer Persönlichkeit, die auf ihre Umgebung und vor allem auf Jüngere durchaus prägend sein konnte, von der auf von Schönburg aber,

obwohl ich ursprünglich meiner Erinnerung nach ein eher ernster Mensch war, leider wohl auch Karcsis Hang zu genussvoller Oberflächlichkeit [abgefärbt hat].

Carl Laszlo widmet sein Buch „[der] Erinnerung an / BENNO HELLER / Arzt aus Berlin / Zuletzt gesehen in Oranienburg, vermutlich / umgekommen im Konzentrationslager Groß-Rosen“. Diese, sich auf reine Tatsachen beziehende, völlig unsentimentale, kühl erscheinende und staccatohafte Zueignung nimmt auf eigenartige Weise den Stil der nachfolgenden Seiten vorweg: Die Erzählung über fünfzehn Monate Überlebenskampf in mehreren Konzentrationslagern und auf mehreren Transporten wirkt, trotzdem sie in der ersten Person erzählt wird, wie der nüchterne Tatsachenbericht eines Dritten.

Fünfzehn Monate, das klingt nach nicht viel, doch genügt seine wie nebenbei und fast zum Schluss fallengelassene Bemerkung, „[i]ch wog etwa achtunddreißig Kilo, bei einem Normalgewicht von siebzig“, um das unvorstellbare Ausmaß des erlebten Schreckens in dieser einen, einfachen, messbaren Tatsache erahnen zu lassen.

Das Nüchterne, Beobachtende, wie unbeteiligt Wirkende scheint nicht allein Carl Laszlos Erzählstil, sondern vielmehr der Schlüssel zu seinem Überleben zu sein. Albert C. Eibl sieht darin die Entwicklung einer »kalten persona« – einen Begriff, den er Helmut Lethens „Verhaltenslehren der Kälte“ entlehnt. Mir erscheint dies eher wie ein emotionaler Schutz, den er noch mit der Abspaltung der fiktiven Figur des Aliego (man denkt sofort an eine Kurzform von Alter Ego) verstärkt, mit dem er das Erlebte reflektiert, der den kurzen Anflügen der eigenen „Sentimentalität“ spöttelnd die Wirklichkeit entgegenhält und der auch seine böse Seite übernimmt oder zumindest zu übernehmen scheint:

„Glaubst Du“, wandte er sich plötzlich zu mir, „dass man jemanden, den man sehr liebt, zu Tode quälen kann? […] In Wirklichkeit, nicht im Roman!“

Schaurig interessant, als Aliego eine Geschichte erzählt, in der er wähnt, sich selbst in einen, seinen, Teufel aufgespaltet zu haben, von dem er zwar behauptet, dass er »mit dem [sympathischen Mephistopheles] nichts zu tun [hat]«, der mir allerdings sehr wohl als der Geist, der stets verneint und der– „Herr Doktor, nicht gewichen! […] Nur zugestoßen! ich pariere!“ – auf heimtückische Weise auch zu töten versteht, erscheint.

Dass Aliego ein wesentlicher Teil von Carl Laszlos Überlebensstrategie in den Konzentrationslagern ist, wird auch daraus ersichtlich, dass er für sich feststellt:

Ich meinerseits möchte nur so lange leben, bis diese Lager wieder verschwinden. Dann will ich zu denen hinuntersteigen, zu denen ich schon lange gehöre, die mich nicht missverstehen werden, die ich treulos verlassen habe, zu den Toten.

Dies wird umso klarer, als sich dieser Wunsch schlussendlich im Augenblick der Befreiung auch tatsächlich erfüllt: „Ich fand keine Antwort, ging weiter und sah ihn nie wieder“.

Vom Literarischen oder Kompositorischen her gesehen ist wahrscheinlich das Kapitel „Romeo und Julia“ das stärkste, werden darin doch einerseits die entsetzliche Wirklichkeit in der Form des Krematoriums und andererseits die Fiktion der vielleicht berühmtesten Liebesgeschichte überblendet:

Das Feuer, in dem Hunderte tot, halb tot, die kleinen Kinder meistens lebendig brannten, wirkte wie ein Rauschgift auf Körper und Geist, die Buchstaben und Sätze gruben sich unverwischbar ins Gehirn ein:

(Romeo)

»Der Narben lacht, wer Wunden nie gefühlt.«

Doch am beeindruckendsten sind jene Stellen, die Poesie anklingen lassen, um unvermittelt in die kalte Beschreibung der grausigen Wirklichkeit überzugehen:

Die Natur erwachte, der Schnee verschwand, die Bäume wurden zartgrün und die Vögel besuchten den Stacheldraht; die Überlebenden vieler anderer Vernichtungslager verschwanden einer nach dem anderen als Leichen aus den Baracken, die übrigen waren müde, hungrig und abgemagert.

Wie mächtig doch ein simpler Strichpunkt ist!

Beeindruckend auch die messerscharfe, illusionslose Analyse der Lage:

»Sag es Dir lauter, […] wiederhole es brüllend, jeden Tag, mach‘ daraus eine Coué-Übung, flüstere es Dir selber in die Ohren vor dem Einschlafen, hundertmal: ›wir werden überleben‹. Aber glauben wirst Du es nie.«

Ebenso zum Staunen die desillusionierende Einschätzung der Zukunft, die, nicht zufällig, auch von Aliego gemacht wird:

»Nein mein Lieber, wir haben in dieser Welt nichts mehr zu suchen; zwischen uns und den anderen hat sich eine undurchdringliche Wand aufgerichtet und trennt uns von allen denen, die nicht hier waren. Dies gilt nur für uns Häftlinge, wohlverstanden, die SS wird ihren Platz in der Welt wieder finden. «

Nur ganz selten leistet sich Carl Laszlo eine sentimentale Note. Eigentlich ein einziges Mal, wenn er das Dahinscheiden eines französischen Mithäftlings schildert. Sentimental ist allerdings lediglich der Liedtext des Chansons „J’attendrai“, das Anfang der 1940er Jahre nicht nur im besetzten Frankreich populär war, und dessen Refrain der Franzose nur noch mühsam hervorbringt:

» Le temps passe et court … en battant … tristement, dans mon cœur plus lourd … et … pourtant … j’attendrai ton … retour. « Beim letzten Wort brach er zusammen und verstummte für immer.

Für mich kommen da persönliche Erinnerungen hoch, hat doch die 78er-Shellack mit Rina Kettys Interpretation des Chansons (Pathé 1477 aus 1938), die mein Vater aus Frankreich heimgebracht hat, bis heute bei uns überdauert.

Carl Laszlos „Ferien am Waldsee“ sind, trotz des verheißenden Titels, keine Ferienlektüre. Sie sind ein eindrucksvoller Bericht über das Überleben in den Konzentrationslagern, ohne Beschönigung, ohne Revanchegedanken, ohne Effekthascherei. Sie sind auch ein schonungsloser, fast wissenschaftlich akribischer Bericht über die Vernichtungsstrategie der Konzentrationslager, in denen

[d]ie Liquidierung der Häftlinge […] den SS-Ärzten übertragen [war]. Ihre Aufgabe beschränkte sich auf zwei Dinge: einmal auf die sofortige Vernichtung der großen Masse der Ankommenden […]; zum anderen bestand die ärztliche Tätigkeit dieser SS-Offiziere in der weitern Ausrottung derjenigen, die durch das erste Sieb durchgeschlüpft waren. Dieses zweite Vernichtungssystem innerhalb des Lagers baute sich wieder auf zwei Fakten auf: auf den schlechten Lebensbedingungen, dem Fehlen von ausreichender Nahrung und Kleidung und auf dem gegenseitigen Kampf ums Dasein der Häftlinge.

Mit Aliegos Warnung in den Ohren, »[a]lles, was Du ihnen sagen wirst, werden sie missverstehen, […], und es wird ihnen auf die Nerven gehen, dieses nicht in ihren Kram Passende«, wundert es nicht, dass Carl Laszlos Erinnerungen „Ferien am Waldsee“ sofort und gründlich in Vergessenheit geraten sind. Doch möchte ich dem, wie weiter oben angekündigt, Albert C. Eibls Geleitwort entgegenhalten und mit seinen letzten Sätzen auch diese Rezension schließen:

Carl Laszlos 1955 im Selbstverlag erschienener, auf Deutsch verfasster Überlebensbericht ist bis heute, trotz zweier durch den Autor finanzierter Neuauflagen in den Jahren 1981 und 1998 so gut wie unbekannt, obwohl er zu den frühesten und zweifellos eindrücklichsten literarischen Zeugnissen des Holocaust zählt. Es ist zu hoffen, dass mit der hier nun vorliegenden Neupublikation von Ferien am Waldsee endlich eine bedeutende Wende in der Rezeption dieses mehr als außergewöhnlichen Schriftstellers und (Über-)Lebenskünstlers eintritt. Die unbeugsame Stimme, die uns aus diesen Seiten entgegenhallt, hat es verdient, gehört zu werden.

Carl Laszlo · Albert C. Eibl (Hg.)
Ferien am Waldsee
Erinnerungen eines Überlebenden
Nachwort: Alexander von Schönburg
das vergessene buch
2020 · 160 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-903244-04-7

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