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Kritik

Mit bucklig Männlein im Gärtlein

Carolin Callies zweiter Band „schatullen & bredouillen“
Hamburg

Das passt alles in ein Händchen, in ein Täschchen, das sind alles Kleinigkeiten, kleine Dinge, niedliche Kleinteilerei, eine Verkleinerung und Verteilung der Körperteile, Kinkerlitzchen, Märchenkram. Das ist ein Poesiealbum fleischiger Märchenversatzstücke, von Blumen (die zum einkleben in das bewusste Album, die künstlichen). Da wird viel gelacht, um Bauch und Kragen.

Mir fällt ein Kinderreim von früher ein:

„Will ich in mein Gärtlein gehn,
will mein Zwiebeln gießen,
steht ein bucklig Männlein da,
fängt gleich an zu niesen.“

Die Niedlichkeit, mit der hier gejätet wird und die Unheimlichkeit des bucklig‘ Männlein, beides sind Bilder, die sich hernehmen lassen für Carolin Callies‘ neuen zweiten Band „schatullen & bredouillen“. Da ist alles unglaublich verspielt und wuselig, es gibt so viele Verquickungen und Zusammenschlüsse von Bildern, die leicht und mal eben so daher genommen werden und zur Hand sind. Aber manchmal wird’s auch messerscharf, ohne Vorwarnung und wild geht’s da her.

In fünf Kapitel sind die fast 70 Gedichte angeordnet, in denen man verschiedene Richtungen ausmachen kann, Motive. Da sind z.B. die Karten im zweiten Kapitel „koordinaten aus flaum“, die Sprache von Anordnung, von Kästen und Formen und die Verteilung in Kammern, in Schatullen, in „bewohnbare kästen“:

„wir mieten uns stundenweise
in streichholzschachteln ein.

[…]

das hier ist ein kasten,
der kleiner wird.

winzig klein.“

Die Verkleinerung der Menschen, Dinge und Ansichten, die hier auf- oder zugemacht wird – manches muss man auch hören, sprechen, die „geräusche aus tierkörpern“ oder die „rinnsinnigkeiten“ etwas:

„wir spannten unsren arm vor den karren, darunter:
unsre büschel an knie, die beeren ge-
ronnen & rinnen & zinnen
& das gewirr.

in der entfernung zwischen boden & rinne sind wir’s
gespinst, das gerindete & gesinde & wir sind
ein gewinsel, weil uns ein rinnen
nie gelingen will.“

Was hier gesponnen wird, ist auch lautlich, das hat einen Rhythmus, das will wo hin. Oft hört man beim Lesen den Wechsel von zwei unbetonten und einer betonten Silbe, am Versanfang den Auftakt. Aber nie ist das konsistent, nie hat das feste Formen, das sind Knetknöllchen in Kinderhänden, aus allen Farben zusammengepappt.

Und das ist manchmal so wild, dass ich nicht mehr mitkomme. Wo mehr Ruhe und Behutsamkeit ist, wird es stärker:

„einerlei ist der mund doch aus mond
& nur dies: wir schlupften unter den kopf.

wir wiegten die augen & ja:
manches schlösse die seinen so gern.

die welt dann so stille,
auf dass ihr nichts fehle, so lagen wir leise und lind.

du wolltest dich endlich, ja, sonderlich grämen
& nicht vom ausplaudern lassen:

dass etwas nicht mehr funktioniert (schlaf in ruh)
& ja: die süße vielleicht.

geschwinde, geschwind
& bleibt es dabei: wir wissen gar nicht so viel –

wer hat diesen mond auf die blaue flur,
wer hat diesen mund auf die nacht angesetzt?“

Im vierten Kapitel wird’s körperlich. Und körperlicher als vorher. Heißt: ins Obszöne geneigte Bäuche, schamlose Innereienausstellung und stets mit viel Tanz und viel Gelächter, sodass du dir an den Bauch fasst und weißt nicht warum: tut er weh, fasst dir jemand beherzt ins Fleisch, ist es nur ein Geräusch?

„ich leg den bauch ins gehege der mäuse.
sie essen den bauch gänzlich auf
& falten den rest zu einem betttuch, das kleinste gedärm
noch kopfkissengroß & hängen sich’s an ihr so kleines bett.

ich leg mich in den gedärmen zur ruh.
dort träumt es sich fleischig,
dort träumt sich’s von dir
& ich mein’s nicht pikierlich.“

Vom Gedärm geht’s dann im letzten und kürzesten Kapitel nochmal zur Stippvisite ins Poetologische. Drei Gedichte liegen in der Schublade „das steht hier nicht geschrieben“. Und in „das tapfere schneiderlein“ passt dann vieles zusammen:

„du brauchst nicht mehr als ne nagelschere,
um das verslein zu schneidern“

Die Verquickung von Körperlichkeit, Handwerk, (aber eben jenem, an das wir uns aus den Märchen erinnern), und der Leichtigkeit, mit der das geschieht: keine zusätzlichen Vokale zur metrischen Fügungen, nein: simply abschneiden. Und nicht in Versen sprechen, in Verslein. Das leichte Handhaben von Sprache passt zu dieser Autorin, die sich hinten auf ihrem Foto (Dirk Skiba) fast nicht mehr halten kann: Sie lacht. Und das ist gut. Das ist frisch und anders und absurd und so eigen, dass man sich an vielen Eckchen stoßen kann, narrenfrei.

Zeitgleich zu ihrem neuen Buch hat Callies auch ein Album herausgebracht, das man jetzt zum Beispiel auf Spotify hören kann. Das „Neue Blumenbuch“ kommt in seiner Aufmachung ein bisschen daher wie Ulrike Almut Sandigs Text-Songs, in denen der Text mit größerer melodiöser Spannweite in Szene gesetzt wird: Nicht gesungen, nicht gesprochen und mit Sound unterlegt. Ist ganz nett, aber wirklich nur ganz nett. Warum gibt es dieses Album? Dass der elektronische Beat von „Reusen und Pech“ mich an Friedrich Lichtensteins „Supergeil“ erinnert und die „Kleine Grammatologie“ an eine Mittelalterserie, macht mich stirnrunzeln. Ist der Trash gewollt? Ist er Teil von den Niedlichkeiten, die Callies in ihren Gedichten so elegant-verspielt auffaltet und ins Fleischliche zieht? Ich komme nicht ganz klar damit. Und muss ja auch nicht. Muss ja erstmal mit dem bucklig‘ Männlein durchs Blumengärtlein vom physischen Buch.

Carolin Callies
schatullen & bredouillen
Schöffling Verlag
2019 · 96 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-89561-449-1

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