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Jakob Hessing  Auf der Grenze.  Eine autobiographische Wanderung.
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Jakob Hessing  Auf der Grenze.  Eine autobiographische Wanderung.
Kritik

suffering understanding – verständnis erleidend

Hales & Ames bei Brueterich
Hamburg

Catherine Hales, in Berlin lebende britische Lyrikerin und Übersetzerin, hat 2013 ihren Gedichtband feasible stratagems bei Veer Books UK, veröffentlicht. 2017 ist bei Brueterich Press als Band 016 eine deutsche Übersetzung von Konstantin Ames erschienen. Letztere ist ein Aktivbeitrag, Ames überträgt eigenwillig und bisweilen abwandelnd den Originaltext in eine Alternativversion des ganzen, derart dass hier teilweise zwei Gedichtbände in einem vorliegen. Hales' Original ist ein beunruhigender, unheimlicher Textapparat. Sie entwirft ein Panorama dunkler Bestandsaufnahmen von urbanem Sein unter einer namenlosen, oft technifiziert wirkenden Bedrohung. Deren Folgen, Splitter von Kapitalismus- oder Governancekritik mischen sich mit Blicken und Entdeckungen von Lyrischen Ichs oder Wirs, die durch Gebiete radeln. Ames überträgt die Bedrohung bzw. jenes freudlose Lasten mit den titelgebenden "08/15 Hegemonien", Hales schreibt von "day-to-day hegemonies".

organic shrapnel embodying these fundamental freedoms
gentrification starts when the artists move in     raising
the temperature by increments of cloud power     nanobots

knochensplitter hautfetzen sind ausdruck dieser grundfreiheiten
verbürgerlichung beginnt mit dem zuzug der künstler     es steigt
die temperatur bei gleichzeitigem zuwachs der wolkendecke     nanobots

Den Beginn machen einige schwer verbleite Langgedichte namens "city state" / "stadtstaat", "all the rage" / "der letzte schrei" und "prognosis of discontent" / "grollprognose", die fragmentisch und abstrakt so etwas wie das stachelnde Herz des Bands ausmachen könnten. Catherine Hales benutzt eine elaborierte Sprache mit seltenem Vokabular, der dennoch jeder Glanz abzugehen scheint. Die Verse, durchgängig von Satzzeichen befreit, stützen sich, durch Leerstellen geblockt, auf Lesbarkeiten verschiedener Richtungen. Das offene Ende (?) des einen ist der Anfang (?) des anderen. Hales' introvertierte Statements und kalte Beobachtungen scheinen sich auf eine merkwürdige, nur ihnen allein zu eigene, Weise fortzubewegen. Die Gedichte sind nicht leicht lesbar und brauchen Konzentration, zurück bleibt eine latent aggressive Trostlosigkeit. Ames' Übertragungen dagegen sind durchgehend gewitzt, arbeiten mit Fußnoten und setzen Hales' Sprache eine gewisse Rotzigkeit im Zusatz auf. So geht eine Verschiebung der Tonlage und des Tonfalls einher. Wo Hales z.T. eher spitz, minimal und nüchtern spricht, geht Ames in die Breite und in die Typographie, auch lexikalische Topographie.

the food thrown away after the party would have fed
two villages     the cant of the axis indicating something's
wrong burning towers collapsing rather too neatly into myth
with helminthic traders on the floor encased in glass & steel

old men scowling     serpentine curls whip back
revealing her birthmark like a love bite     fallacious
semantics derived from dodgy hegemonies     she cycles
through streets rendered more plausible by shards of syntax

die im müll gelandeten essensreste des fests hätten gereicht für
zwei dörfer     die neigung der achse zeigt etwas ist
faul brennende türme stürzen etwas zu proper ein in den mythos
mit parasitären händlern aufm parkett umrahmt von glas & stahl

die flunschen alter männer    das zurückschnellen der gewundenen
                                                                                                                     löckchen
entblößt ihr knutschfleckförmiges muttermal     abwegige
bedeutungspfade rühren her von dubiosen hegemonien     sie radelt
durch die straßen werden durch syntaxscherben plausibilisiert

Die späteren Gedichte im Band sind konkreter, detailliert und kürzer. Wenn man aus der Haltung der Anfangsgedichte Hales' liest, wird man einer anderen Richtung belehrt. Es geht raus in die Natur, Blüten, Schlachtbeschreibung, und um das Auflaufen vollkommen zu machen: Eine längere Rimbaud-Zusammenfassung ("abridging arthur rimbaud"), wiederum in einer veränderten Sphäre als zuvor, beschließt den Band.

Eine insgesamt undurchsichtige, bisweilen bizarre Reise, die durch die (in sich geschlossene) zweite Version von Konstantin Ames noch einmal stattfindet. Zwei originelle Stimmen in einem Haus.

Catherine Hales
08 / 15 HEGEMONIEN
Übersetzung:
Konstantin Ames
Brueterich Press
2017 · 98 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3945229163

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