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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

Gestern Schnee, heute Sonne

Hamburg

Ich ließ sie herumschreien; ich wusste, was Sache war. Dann begann ich, Tarantella, Tarantella zu zupfen, und bald fielen alle mit ein. Das ist das Schöne am Spielen: Du siehst lustlose Leute und reißt sie gegen ihren Willen mit. Schön ist auch, wenn du aufhörst und sie zu dir sagen: „Spiel weiter.“ Dann tust du so, als hättest du genug. Es ist ein Komödiantenberuf. Aber irgendjemand ist immer dabei, der sagt, ja, es gefalle ihm; und dann hört er gar nicht mehr zu und denkt an etwas ganz anderes. Wenn du den nicht sofort packst, hast du keine Chance.

[...]

Später kam ein Gitarrenspieler mit Blume im Knopfloch :___STEADY_PAYWALL___und spielte hundsmiserabel. Alle forderten, er solle aufhören und mir die Gitarre überlassen. Doch er merkte, dass ich etwas weiter nördlich geboren war und fauchte mich an: „Du Schwein.“ Anschließend warf er mir einen Stuhl an den Kopf. Dann schrie er: „Du Bastard.“ Als die Polizisten eintrafen, lag er rülpsend am Boden. Da ich in verprügelt hatte, musste ich meinen Namen und den Rest angeben, und das tat mir leid. Wer hatte bis dahin schon etwas von mir gewusst?

Das sind zwei Episoden aus dem Leben Pablos, Gitarrist, erzählt von ihm selbst. Autor Cesare Pavese schreibt in Der Genosse, einem wichtigen Roman seiner kurzen, intensiven Schaffensphase, über die beiden Städte Turin und Rom zur Zeit des italienischen Faschismus in den 1930er Jahren. Der mehr oder weniger Herumtreiber Pablo, der von nichts etwas wissen will, besser gesagt: genauer wissen will, spielt sich durch sein Leben aus Nächten, Frauen, Wein, ohne dass etwas diesen Strom aus leeren Ritualen unterbricht. In Rom allerdings, wo er als radfahrender Drifter in Kontakt kommt mit dem politischen Widerstand, vollzieht sich die angedeutete Wende seines Lebens, die nach Verhaftung Pablos durch die Schwarzhemden und seiner anschließenden Entlassung infolge geschickten Herumdrucksens vom plötzlich hereinbrechenden Romanende unterbrochen, beziehungsweise offen gelassen wird.

Die teils autobiografisch wirkende Erzählung besitzt viele Überschneidungen zu Paveses Leben, der, von Turin vorübergehend nach Rom zog, in die Kommunistische Partei eintrat, verhaftet wurde, dort den Verlag Einaudi leitete, bis er 1950 freiwillig aus dem Leben schied.

Die erneut sehr frische Neuübersetzung Maja Pflugs des Stilisten Paveses setzt die wichtige Reihe der Edition Blau fort mit der bereits dritten Publikation aus Cesare Paveses Werken. Wieder fällt auf, dass Pavese nahezu keinen italienischen „Rivalen“ hat, sondern vielmehr amerikanische. Carver (später) oder Chandler, die Crime-Story, oder Steinbeck bis Gertrude Stein, die Pavese alle selbst ins Italienische übertrug, stehen Pate für einen vollkommen klaren, fast gespenstischen Stil, der nicht die geringste Emotion in die Syntax holt. Stattdessen kontraststarke Landschaften formt wie ein Gemälde de Chiricos, reich an Fluchten im Text, Andeutungen und Schwarz-Weiß-Belichtungen. Stets treffen die Beobachtungen, ergibt sich über die Synchronizität der Ereignisse ein anschaulicher Teppich beim Lesen. Nichts wird verurteilt, es findet einfach statt. Und doch ist in der Subtilität des scharfen Blicks, Auswahl von Ereignis und Bild die Haltung als Autorschaft am Werk. Und wird Statement, wenn ein transienter Typ wie Pablo nicht mehr drumherum kommt, sich politischer Farbe zu bekennen. Ganz heute.

Cesare Pavese
Der Genosse
Übersetzung:
Maja Pflug
Rotpunktverlag
2019 · 224 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-85869-841-4

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