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Pedrina - Die Pute, die ein Pfau sein wollte / la perua quer quería ser pavo real
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Pedrina - Die Pute, die ein Pfau sein wollte / la perua quer quería ser pavo real
Kritik

Schwarze Sonne Baudelaire

Hamburg

Baudelaires Lyrik gilt als die bedeutendste im 19. Jahrhundert; ihr Einfluss auf die moderne Poesie nicht nur Frankreichs sondern Europas ist unbestritten“, schreibt Gert Sautermeister im Nachwort zu vorliegendem Band. Schon hier stocke ich. Zumindest was die deutsche Lyrik betrifft ist Baudelaires Reichweite zunächst sehr begrenzt und seine Rezeptionsgeschichte sollte einer Behauptung seiner Wirkung vorangehen. Er ist erst um den Anfang des 20. Jahrhunderts hierzulande gedruckt vorhanden, in sehr zweifelhaft, um nicht zu sagen bisweilen schlecht und schlampig, oft originalfern übersetzten, kleinauflagigen Privatdrucken von Stefan George, denen 1901 ein Buch im George-Verlag Bondi folgt. Erst 1907 erschien Baudelaire in einer gut erreichbaren Insel-Ausgabe und es war Walter Benjamin in den 20er Jahren, der dessen Modernität propagierte und in Deutschlands Intellektuellenszene verankern half - und da befinden wir uns längst im 20. Jahrhundert und haben bereits den Expressionismus hinter uns.

Baudelaires existentielle Erfahrung ist die eines Verdammten, dem keine Macht gegeben ist, seinen Zustand zu ändern. Das ist prinzipiell nicht weit weg vom fatalistischen Existenztypus der Moderne, in den der Mensch sich ergeben muß: Entweder du bist Teil der Maschinerie, oder sie läuft gegen dich, bei Baudelaire aber bedingungsloser Weltschmerz im Spleen, im Lebenswahn, der entsteht, wenn sich die Ideale an der Realität stoßen müssen. Ein dipolares Leben, das Baudelaire formuliert in den Begriffen Spleen und Ideal, womit er die Schwerkräfte der Welt setzt. Hier die Fallhöhen der Ideale und dort die Welt, die alles Leben unausweichlich mit Dunkel, Trübsinn und Melancholie beantwortet. „Ich bin ein Gelass voll verblühter Rosen / Ein fahles Mischmasch aus verblassten Moden“, schreibt Baudelaire in LXXVII Spleen. Der hundertfach gescheiterte Anlauf führt zum Verdruß, das Leben gelingt nicht. Nicht in einer Weise, die Glück aufbrächte. Diese schwer depressive Weltsicht ist das Ausgangsmaterial.

Davon also müssen wir ausgehen und erst recht der Übersetzer. Und schon sind wir mittendrin in der Kritik an den Versionen, die Marlis Thiel uns anbietet. Nehmen wir als Beispiel den achten und letzten Teil des mehrteiligen Gedichts CXXVI Die Reise:

VIII

O Mort, vieux capitaine, il est temps! levons lʹancre!
Ce pays nous ennuie, ô Mort! Appareillons!
Si le ciel et la mer sont noirs comme de lʹencre,
Nos cœurs que tu connais sont remplis de rayons!

Verse-nous ton poison pour quʹil nous réconforte!
Nous voulons, tant ce feu nous brûle le cerveau,
Plonger au fond du gouffre, Enfer ou Ciel, quʹimporte?
Au fond de lʹInconnu pour trouver du nouveau!

In der Übersetzung von Marlis Thiel wird daraus:

8

Oh Tod, alter Kapitän, den Anker lichte
Dies Land betrübt uns, oh Tod! wir fahren!
Durch Himmel und Meere, schwarz wie Tintenstriche,
Unsere Herzen, die du kennst, dennoch strahlen!

Reich uns dein Gift, mach den Körper zu Stahl!
In diesem Feuer soll verbrennen alles Alte,
Herz fall, ob in Hölle oder Himmel, egal?
Am Grund des Unbekannten das Neue walte!

Ich sehe gleich hier einige Probleme: Schon zu Anfang fehlt diese kuriose Mischung aus Ende und Neubeginn – il est temps! - die Zeit ist gekommen, die Zeit ist da! Laß uns aufbrechen aus der ennui, diesem sehr speziellen Begriff für Baudelaire, der nicht einfach für eine betrübende Langeweile steht, sondern für ihn die Sinnlosigkeit und Leere abbildet, dem der Mensch der Moderne gegenübersteht, in dem Wissen, daß 'Welt' ein ästhetisches Konstrukt des Ichs sei, die ihn vom Wahren trennt und dem er nur durch den Sprung ins Nichts entkommt. Jede Reise muß - zunächst - ins Leere gehen, in der Leere beginnen, ansonsten bleibt sie eine Odyssee in der ennui

„Dies Land betrübt uns!“ ist ein viel zu schwaches Statement, obwohl es perfekt übersetzt scheint. Baudelaire meint: dieses Land, ach was, das Sein auf der Erde, kettet uns in die ennui. Und daraus hilft nur Tod! Vertrübt durch dieses Land, laß uns aufbrechen, Tod! Wenn der Himmel und das Meer schwarz wie Tinte sind, strahlen unsere Herzen. Es ist nicht die Rede vom Fehlen von blauem Himmel und guter See und einem Dennoch, sondern vom Wenn/Dann, von Schwarz, in das man gerne hineinbricht, mit dem Tod als Kapitän. Ein sehr gewalttätiges Bild, das Baudelaire hier aufmalt. Etwas das Aufbrechen Wollendes strahlt aus den originären Versen, aber nur schwach aus der Übersetzung.

Ich schreibe eine eigene Übersetzung mit:

Ach alter Kapitän Tod, Zeit den Anker zu lichten!
Vertrübt von der Erde, brechen wir auf!
Sind Himmel und Meere schwarz, wie Tinten dichten,
weißt du unsre Herzen als Strahlen darauf!

Das ist vielleicht zu fett, aber es die Richtung, die Baudelaire gehen wollte mit seinem Text und in die eine Übersetzung gehen sollte.

Auch die nächste Strophe zeigt Schwächen.

Eine simple (hier unkorrigiert wiedergegebene) deepL Übersetzung gibt uns eine Ahnung, wo's langgehen könnte:

Gieße uns dein Gift, damit es uns trösten kann!
Wir wollen es, so sehr uns dieses Feuer auch das Gehirn verbrennt,
Tauchen Sie auf den Grund des Abgrunds, Hölle oder Himmel, was macht das schon?
Am Fuße des Unbekannten, um etwas Neues zu finden.

Der Tod soll uns sein Gift spendieren, es möge uns Trost tun. Ein Gift, das uns zwar das Gehirn verbrennt, aber uns hilft nach überallhin zu tauchen, Abgrund, Hölle, Himmel, einerlei. Hinein ins Unbekannte, wo Neues zu finden ist – denn nirgendwo sonst ist wirklich Neues. Nur mithilfe des Giftes kommen wir an. Von hier aus ist der Gedanke an Rausch und den dafür zuständigen Giften nicht fern. “Man muß immer trunken sein”, bemerkt Baudelaire andernorts und meint es völlig ernst: “Um die gräßliche Last der Zeit nicht zu spüren, die euch die Schultern zerbricht, müßt ihr euch unaufhörlich berauschen”.

Nun ahnen wir, woher das Thielsche „Alte“ kommt, nämlich nicht aus dem Text -  es soll den Reim brücken, weil jener aufs Gehirn nicht gelingt. Es gibt Schwierigkeiten passende reimfähige Worte zu finden. Also entschließt sich Marlis Thiel einen Weg weg vom Gehirn zu finden, weg vom Rauschgift und hin in Richtung Spannungsfeld Alt/Modern, wo sie wahrscheinlich den Sinn des Gedichtes ausmacht und zerstört leider damit den Strauß, den Baudelaire uns geschnürt hat.

Reich uns dein Gift, mach den Körper zu Stahl!
- Nein, es soll nicht abhärten oder immun machen
In diesem Feuer soll verbrennen alles Alte,
- Nein, es soll das Gehirn verglühen, das alt denkt
Herz fall, ob in Hölle oder Himmel, egal?
- Nein, kein Herz fällt, sondern der Mensch in Gänze taucht weg/ab/hinfort
Am Grund des Unbekannten das Neue walte!
- Nein, nicht die Herrschaft des Neuen ist das Ziel, sondern das Entdecken

Die Schwierigkeiten sind verständlich. Was zunächst aussieht wie nicht unelegant gelöst, verändert aber den Pfad zum Sinn, den Baudelaire installiert hat. Und es ist auch nicht ersichtlich, daß dieser Sinn erfasst wurde. In der Literaturwissenschaft ist man sich nicht immer einig über die Intensität von Baudelaires Drogenkonsum (und ich frag mich warum? - Man sagt zwar, er habe gesoffen, aber beim Schreiben, ja da sei er nüchtern gewesen ….).

Hat man es einmal verstanden, liest man es besser. Ein Zitat von E.T.A. Hoffmann ist dem Verständnis hilfreich, Tratschke notierte in der ZEIT (31. Januar 1975): „Auch E.T.A.Hoffmann trank, um dem Alltag zu entfliehen. Der Dreißigjährige schrieb in sein Tagebuch: „Das Alltagsleben ekelt mich an!“ Wenn er trank, vergaß er es. Dann stiegen Bilder in ihm auf, die ihn begeisterten; er trank – so schrieb er einmal –, bis zum „Zustand des Delirierens“, und dann empfand er „eine Übereinkunft der Farben, Töne und Düfte“: „Nun zogen die Töne wie Lichtstrahlen aus meinem Haupte zu den Blumen, die begierig sie einsogen. Größer und größer wurden der Sonnenblume Blätter – Gluten strömten aus ihnen hervor – sie umflossen mich –, das Auge war verschwunden und ich im Kelche.““

Also ginge meine hier parallel mitgewachsene Version fürderhin in etwa so:

Ach alter Kapitän Tod, Zeit den Anker zu lichten!
Vertrübt von der Erde, brechen wir auf!
Sind Himmel und Meere schwarz, wie Tinten dichten,
weißt du unsre Herzen als Strahlen darauf!

Reich uns dein Gift, und gib damit Trost!
Lass uns, indem es lodert in unsrem Gehirn,
in alle Abgründe tauchen, ob Hitze, ob Frost,
tief ins Unbenannte und dort das Neue erspürn.

Je mehr ich mich den möglichen Inhalten nähere, die man sich anlesen kann in kürzester Zeit, und je mehr ich im Selbstversuch anstrebe, diese Inhalte mitzuverdeutschen, umso mehr figuriert sich ein Urteil: Nein, eine wirklich neue Übersetzung von Baudelaires Blumen des Bösen ist das nicht, nicht mutig genug und nicht näher am Original als andere zuvor.

Ich habe diesen Check auch mit ein paar weiteren Texten gemacht und bin immer wieder zu diesem Ergebnis gekommen: Nur ein stärkeres Studium der Person Baudelaire und die Berücksichtigung seiner Lebensumstände könnten helfen Übersetzungen dichter dorthin zu bringen, wohin sie der Autor gedacht hat. Vereinfacht gesagt: wer Baudelaires Leben kennt und nachvollzieht, ist tiefer in seinen Texten – weil Texte, auch das ist eine Erkenntnis, immer auch Erzeugnisse einer Persönlichkeit sind, Auswüchse eines Baums und es beim Übersetzen auch darauf ankommt, sich dem Wuchs und seinen Intentionen anzunähern.

Ein letzter Vergleich hier von einigen der frühen Übersetzungsversionen mit der aktuellen von Marlis Thiel. Man sieht: es ist nichts gewonnen. Wer noch dazu die moderneren ungereimten, aber inhaltlich reicheren Übersetzungen von Friedhelm Kemp kennt oder die neuerdings dann wieder gereimten von Simon Werle, kommt noch eindeutiger und schneller zu dem Urteil: nötig wars nicht. Der Schaden, den es bei sehr intensiver Betrachtung fast immer gibt, ist nicht neu.

Übersetzung Stefan George (1901 bei Bondi erschienen):

Tod! alter seemann · auf zum ankerlichten!
Dies land hier sind wir müd · o Tod voraus!
Mag luft und meer zu tinte sich verdichten ·
Sind unsre herzen doch ein strahlenhaus.

Gieb uns dein gift! es soll von trost uns reden ·
Lass uns – ein wildes feuer uns durchfuhr –
Zum abgrund tauchen · hölle oder eden ·
Zum Unbekannten nach des Neuen spur!

*Übersetzung Wolf von Kalckreuth (1907 Insel Verlag):

Tod! Greiser Kapitän! Zeit ist zum Ankerlichten!
Dies Land sind müde wir. O Tod, in See hinein!
Dräun, schwarz wie Tinte, Meer und Luft uns zu vernichten, —
Im Herzen, das du kennst, strahlt doch ein lichter Schein!

Laß zu erneuter Kraft dein eisig Gift uns trinken!
Wir wollen — uns verbrennt das Hirn in Glut und Graun —
Tief in des Abgrunds Nacht, ob Höll, ob Eden, sinken,
Ins unbekannte Sein, um Neues zu erschaun!

* Übersetzung Terese Robinson (erschienen 1925 im Georg Müller Verlag):

Tod, alter Fährmann, komm die Anker lichten!
Segel gehisst! – Wir sind der Erde satt.
Wenn schwarz auch Meer und Himmel sich verdichten,
Du weisst, dass unsre Seele Strahlen hat.

Reich uns dein Gift, dass Tröstung wir erfahren!
Noch brennt das Feuer – lass zum tiefsten Schlund,
Lass uns zu Himmel oder Hölle fahren!
Nur Neues zeig uns, Tod, im fremden Grund!

* Übersetzung Marlis Thiel (2018):

Oh Tod, alter Kapitän, den Anker lichte
Dies Land betrübt uns, oh Tod! wir fahren!
Durch Himmel und Meere, schwarz wie Tintenstriche,
Unsere Herzen, die du kennst, dennoch strahlen!

Reich uns dein Gift, mach den Körper zu Stahl!
In diesem Feuer soll verbrennen alles Alte,
Herz fall, ob in Hölle oder Himmel, egal?
Am Grund des Unbekannten das Neue walte!

Charles Baudelaire · Marlis Thiel
Les Fleurs du Mal
Neu übertragen von Marlis Thiel
Könighausen & Neumann
2018 · 322 Seiten · 16,80 Euro
ISBN:
978-3-8260-6371-8

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