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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

Atmen, Muse, Motor, Partner

Hamburg

Ich denke nicht, dass Alkohol Schriftsteller zerstört. Ich denke eher, dass sie durch ihre Selbstzufriedenheit und ihr gottverdammtes Ego zerstört werden. Ihnen fehlt es an Durchhaltevermögen, weil sie davon nur wenig Gebrauch machen müssen – vielleicht hatten einige zu Anfang ein wenig davon. Sie legen einen zu schnellen Start hin, resignieren zu schnell und sind in der Regel eher unterentwickelte Zeitgenossen.
[...]
Starker Alkoholkonsum ersetzt tiefe Freundschaften und bewahrt einen vor Selbstmord. Es ist sozusagen ein alternativer Lebensstil. Ich mag keine Betrunkenen, aber ich gebe zu, dass ich selbst auch hin und wieder ein Gläschen trinke. Amen.

Dies schreibt/ antwortet eine als literarische Kunstfigur höchst ___STEADY_PAYWALL___erfolgreiche Seele, deren Namen wir alle irgendwie irgendwann einmal aussprechen, um etwas ganz Bestimmtes zu meinen. Und zwar einerseits den sogenannten „Lebensstil“, der von Bukowski selbst mystifiziert worden ist, aber vor allem das typische BUK-Schreiben an sich: Verfallene in allen erdenklichen Situationen in der Nähe von Flaschen oder Dosen, mit dem einen wesentlichen Unterschied zu (fast) sämtlichen anderen TrinkerInnen-Taten der Literaturgeschichte, sie sind immer ganz gut gelaunt, sehen den komischen, mithin bejahenden Aspekt ihrer oft wenig aussichtsreichen (Lebens-) Situation.

Gerade ist etwas sehr Verblüffendes passiert
meine Bierflasche hat einen Rückwärtssalto gemacht
und ist stehend auf dem Fußboden gelandet
und ich hab sie auf den Tisch gestellt, damit sich der Schaum setzt
aber die Fotos sind heute nicht so geglückt
und da ist ein kleiner Riss im Leder
meines linken Schuhs, aber es ist alles ganz einfach:
wir können nicht alles erfassen: es gibt Gesetze
von denen wir keine Ahnung haben, all diese Tritte
lassen uns schwitzen oder frieren; wir sollten nicht fragen
weshalb die Amsel im Maul der Katze gelandet ist
oder warum einige Männer wie
zahme Eichhörnchen gehalten werden
während sich andere in endlosen Nächten
an gigantische Brüste schmiegen – dies ist der
Auftrag und der Schrecken und niemand hat uns
beigebracht warum. Trotzdem ist es ein Glück, dass
die Flasche stehend gelandet ist und obwohl
ich noch eine mit Whisky und eine mit Wein habe
verspricht es irgendwie eine gute Nacht zu werden
und vielleicht wird meine Nase morgen länger sein:
neue Schuhe, weniger Regen, mehr Gedichte.

Gewiss, Bukowski hantiert zu seinem hundertsten Geburtstag, gefeiert bei Maro mit einer neuen Themensammlung Ein Sixpack zum Frühstück, wie immer mit Macho-Aspekten von gestern, Bad Habits, all things Laster herum, doch es ist keine Literatur in irgendeinem Sinne, die zum Nachmachen zu Hause auffordert, schon gar nicht eine, die glauben macht, bloß weil man eine Tippmaschine, ein paar Bier oder den Klassiksender im Radio an hat, könne man in derselben Liga spielen wie der einzige Teilnehmer dieser Liga, BUK, wenn man über das ungerechte Leben schriftlich / mündlich (egal wo) heule. Das Besondere an Bukowski ist, ohne Bedeutung ob im Interview, im Gedicht, im Roman, im Drehbuch oder was-auch-immer, dass stets jenes erstaunliche überhaupt Leben/ Überleben können durchs Schreiben als ein Ausweg durchscheint, nicht als Luxus, indem sich hier ein eigener Markt von der Seele geschrieben worden ist, der explizit alle Konventionen (außer die Regeln von Inszenierung), und praktisch zunächst chancenlos, einer etablierten Hackordnung von unten aufweicht / unter den Tisch trinkt.

Der Band zeigt unter anderem in Briefen, die eine etwas andere Stimme Bukowskis abbilden, nämlich die eines persönlich Getroffenen, den nichts mehr schocken konnte, weil er selbst an der Schwelle des Todes gestanden (Magendurchbruch infolge „von Fusel und Agonie“ noch vor seinem 30. Geburtstag) und „etwas entspannter“ seitdem aufs Leben hat blicken können, wie der Weg des Autors eben doch dem des Sisyphos gleicht. „Ich sitze und sitze wie ein stupider Waldschrat, der auf einer Fichte hockt und darauf wartet, dass der Blitz einschlägt“. Bukowski hat von Anfang geschrieben, es über Jahre wieder aufgegeben, man könnte sagen im „Betrieb“ gescheitert, um es später eben von der anderen Seite her zwanglos erneut zu versuchen. Diesmal mit dem inszenatorischen Glück, eine völlig neue Figur und Selbstverständnis in den Ring werfen zu können, dem es infolge keiner Konkurrenz gelang, totale Narrenfreiheit zu genießen.

Dass innerhalb des wie zufällig, und unter erheblichem Einfluss von Alkohol, Klassikradio und Nacht, entstandenen Riesenwerk des BUK eine Menge Privatsumpf entstanden ist, entkräftigt auch vorliegender Band nicht. Von allem Versammelten ist immer ein gewisser Prozentsatz „Müll“ dabei, redundant, schwach, nicht neu oder auf eine inakzeptable Weise dumpf-machesk, doch niemals entsteht das Gefühl von Unehrlichkeit in den Texten, denn es sind eben nicht immer Texte, sondern wie erläutert, viel eher eine personale Medizin als Produkt einer Nacht, um mit diesem Leben als geborener Außenseiter fertigzuwerden.

Der Band zeichnet jenes Empfinden Bukowskis wie auch seinen Werdegang nach, seine echten Krisen, ziemlich anschaulich und mit Gespür für die Doppeldeutigkeiten, die Ambivalenz dieses Dichters. Er trifft ins Schwarze. Die Szenen aus dem unsteten Leben des Wanderarbeiters, Elternfliehers, Bindungsversehrten aus frühen Briefen gleichen viel eher Reportageauszügen aus der Feder Joseph Mitchells o.ä.

Ich ging auf dem Rangierbahnhof arbeiten und schrubbte Waggons mit so einem Putzmittel. Abends und nachts habe ich getrunken und gezockt. Hatte ein kleines Zimmer über einer Bar in der Temple Street, im Filipino-Viertel, und da pokerte ich mit Zuhältern und den Arbeitern aus den Flugzeugwerken usw. Meine Bude wurde bekannt und war jeden Abend rappelvoll. Schlafen wurde ein Problem. Eines Nachts sahnte ich groß ab. Groß für mich; zwei- oder dreihundert. Ich wusste, sie würden wiederkommen. Es gab eine Schlägerei, ich ließ einen Spiegel und zwei Stühle zu Bruch gehen, rettete aber das Geld und stieg am frühen Morgen in einen Bus nach New Orleans.
Im Bus saß eine junge Dame, die sich mit mir angefreundet hatte. Ich ließ sie in Fort Worth aussteigen, aber kaum war ich in Dallas, bin ich umgekehrt. Einige Zeit mit ihr verplempert, dann nach New Orleans. In einem Zimmer gegenüber vom Gangplank Café fing ich an zu schreiben. Short Stories. Arbeitete im Lager eines Comicbook-Verlags, vertrank mein Geld und zog weiter. Miami Beach. Atlanta. New York. St. Louis. Philly. Frisco. Zurück nach L.A. Immer im Kreis. Zwei Nächte in East Kansas City. Chicago. Schreiben eingestellt und aufs Trinken konzentriert. Meine längsten Aufenthalte waren die in Philadelphia. Ich stand frühmorgens auf und ging in eine Kneipe, und dort blieb ich, bis sie in der Nacht Polizeistunde hatten. Wie ich über die Runden kam, weiß ich nicht mehr. Schließlich zurück nach L.A. zu einer verrückten Freundin, mit der ich sieben Jahre um die Wette trank. Landete im bereits bekannten Krankenhaus [...]
Wir waren zu viert oder fünft da unten. Einer der Männer war betrunken und nicht mehr ganz bei Verstand, aber er schien noch bei Kräften zu sein. Er stand von seiner Pritsche auf und lief herum, stolperte herum, fiel auf die anderen Männer drauf, warf Sachen herunter. „Wa wa was, I am wawa the joba, I am juba I am Jumma jubba wasta, I am juba.“ Ich wollte ihm den Wasserkrug über den Schädel ziehen, aber er kam nie nah genug an mich ran.

Charles Bukowski
Ein Sixpack zum Frühstück
Übersetzung:
Carl Weissner, Esther Ghionda-Breger und u.a.
Maro Verlag
2020 · 256 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-87512-495-8

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