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Mosaik Literaturzeitschrift
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Kritik

Hank, expolitation unlimited

Hamburg

"Schriftsteller sein heißt, man macht viele Sachen, damit das Schreiben nicht armselig von einer einzigen Basis ausgeht, und man entscheidet sich nicht immer für das Naheliegende wie Paris, San Francisco oder ein Treffen der Herausgeber kleiner Zeitschriften – daher schreibe ich gerade à la Hemingway im Stehen, wenn auch an einer umgedrehten Kabeltrommel irgendwo in der Wüste Arizonas, während über mir ein gelber Eindecker mit Propeller schwebt. Afrika und die Löwen sind weit weg – Gertie Steins Lektionen verdaut und verworfen – gerade habe ich einen Kampf zwischen einer kleinen Promenadenmischung und einem Deutschen Schäferhund beendet – und ein bisschen Mumm braucht man dafür schon – und der Promenado liegt zu meinen Füßen unten auf der Kabeltrommel – dankbar, staubig, angekaut – und ich habe meine Zigaretten irgendwo liegen lassen – ich stehe unter einem Trauerbaum mit hängenden Zweigen im Paradise Valley und reiche die Pferdescheiße und denke an meinen verwitterten Bungalow in Hollywood und die neuntklassigen Schreiber, mit denen ich da Bier und Wein trinke und die ich vor die Tür setze, wenn ich ihnen das bisschen, was sie draufhaben entlockt habe.

Jetzt kommt ein kleines Mädchen an und sagt: "Bukowski, du Blödi, was machst du?"

So der ungekürzte Anfang aus einem Eintrag der Notes of a dirty Old Man, die überall verstreut und wie Rohstoff gedruckt und vertrieben worden sind. Erneut hat die Ausschlachtung seines unübersichtlichen Nachlasses zugeschlagen. Und wie immer ist es verblüffend, wie packend Bukowski schreiben konnte. Egal über was. Egal wo. Obgleich tendenziös, markenbewusst und doch unprogrammatisch, war sein Schreiben, uneingedenk des Inhalts, auf Basis der Syntax, der Sprachverwendung und trotz der völlig willkürlichen Spannungsbögen doch ein sehr bescheidenes. Er konnte sich derart zurücknehmen, dass rückhaltlose Effizienz in jedem seiner Sätze von Anfang steckt und beim Leser dieses Vertrauen schafft, schon ab der ersten Zeile weder überfordert zu werden noch gelangweilt oder von idiosynkratrischen Sprachbeweihräucherungen als Statusmeldungen aus den geilen eigenen Gehirngängen gefoltert zu werden. Er schreibt im Dienst der Sache. Mit einer Natürlichkeit, die von Hemingway bis Capote, Talese und Sontag, nur wenige aber dafür die größten amerikanischen Autoren auszeichnet. Was einem letztlich dargeboten wird und wie sehr er sich darin wiederholt, verkürzt gesprochen von Gammeln, Kein Bock und Sex zu sprechen, das Thema zu variieren und jede Menge uncorrectness in allem zusätzlich dazu zu servieren, ist letztlich nicht unbedingt die Essenz. Das Besondere, und dieser neue Band, im Übrigen ausgezeichnet übersetzt von Malte Krutzsch, der Carl Weissner, der deutschen Ur-und Parallelstimme Bukowski, in nichts nachsteht und mehr noch, einen Tick behutsamer versucht, den Sound des Amerikaners zu umreißen, zeigt wiederum auf, dass man es in der Literatur tatsächlich schaffen kann, vom Maul am Tresen zum Autor, der vom Schreiben leben kann, nur aufgrund des nie zurückweichenden Drangs, sich schreibend ausdrücken zu wollen – das Training und der Wille, jede Nacht, in welchem Zustand auch immer zu schreiben. Bukowski konnte es im Alter von 50 Jahren, etwa zu dem Zeitpunkt als jene Notes sich viral vom Underground in die Tagwelt verbreiteten, also ausschließlich vom Schreiben leben. Ohne jedes übergeordnete Programm, einzig durch die Sturheit, das Standvermögen und die selbsterfundene Marke Bukowski, der an der Schreibmaschine keine Angst hatte. Sicherlich war ihm seine selten geäußerte Belesenheit nicht unabträglich. Zusätzlich sind im vorliegenden Band, mit Namen Keinem schlägt die Stunde, neben einem Haufen Schätze und allerdings auch völlig misslungenen Texten und mäßig interessanten Beiträgen, jede Menge Zeichnungen Charles Bukowskis enthalten. Dies war sein zweites (triebhaftes) Ventil. Obgleich im Schatten seiner unerhört frech-direkten Schreibe sind sie im Laufe der Zeit immer klarer geworden, ohne jegliche Schattierung, bloße eigenwillige Umrisse von Knödelmenschen in Dingräumen. Vielleicht ist der Band verzichtbar und man muss durchaus nicht alles von Bukowski gelesen haben, um zu verstehen, was das ist, eine Bukowski-Story oder -gedicht, doch allein wegen der schönen und genauen Übersetzerarbeit, der besagten Cartoons aus Bukowskis Feder und der mittlerweile aberwitzigen Klassifizierung bei Fischer: nämlich Fischer Klassik im Hardcover, macht es Spaß, dass jemand, der zum Beispiel sagte "Nur Arschlöcher reden über Literatur" und dergleichen mehr, eben mittlerweile genau dort angekommen ist, wo er vielleicht insgeheim auch immer gerne hat sein wollen (siehe die kürzlich veröffentlichten Briefe an Henry Miller) trotz der permanenten markenkonformen Leugnung desselben, im Olymp der Schreiber nämlich, in einer Reihe mit Dostojewski und Jane Austen etc. und nicht länger eine betrunkene Kartoffel mit Papier und Stift. Kurzweiliges Lesen.

Charles Bukowski
Keinem schlägt die Stunde
Übersetzer: Malte Krutzsch
S. Fischer
2017 · 25,00 Euro
ISBN:
978-3-596-95031-7

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