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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

„wie geschnitten Pink“

Neue Sprachkunst von Charlotte Warsen
Hamburg

Charlotte Warsen gibt selbst einen Hinweis darauf, wie Plage zu lesen ist: „Ein Mobile – das ist ein kleines, örtlich begrenztes Fest, ein nur durch seine Bewegung bestimmter Gegenstand [...]“. So zitiert sie aus Jean-Paul Sartres Schriften zur bildenden Kunst.

Nicht nur das Zitat selbst ist ein Wink, auch der Titel, dem es entnommen ist: Die Suche nach dem Absoluten. In der Tat führt Charlotte Warsen ihr kühnes, 2014 mit dem Gedichtband Vom Speerwurf zu Pferde begonnenes Programm fort, nämlich mit konkretem Stoff: Wörtern, Satzzeichen (sehr wenige nur) und deren Bildhintergrund, abstrakte Sprachkunst zu machen. Es ist aber eine durchaus bodenständige Abstraktion, die des sinnlichen Reizes nicht entbehrt, wenn zum Beispiel zu lesen ist: „von innen her bläulich leise wummernd“.

Dennoch, mögen die Wörter für sich genommen („Singsang“, „Bammel“, „Butterlöffel“), oder in syntagmatischer Fügung („alle fandens schad“, „die / Polizei auf Twitter“), bedeutsam sein – in eine Aussage laufen sie nicht zusammen. Sie bleiben suspendiert, werden nicht festgemacht an einem interpretierbaren Motiv. – Von der Last der Deutung befreit, hat der Leser eine leichte Lektüre vor sich. Einen Bleistift bereitzuhalten, kann trotzdem nicht schaden, sowenig wie mehrmaliges Lesen: Dann wird sichtbar, wie genau Charlotte Warsen das Buch gearbeitet hat, das aufgrund des pludrig wolkenhaften Layouts der meisten Gedichte doch auch etwas Verwischtes, in Verwandlung Befindliches, Ungreifbares abbildet – man kann es, wie Nico Bleutge in seiner Besprechung in der SZ, „jazzig“ nennen.

Plage ist klar aufgebaut: zwei Hauptteile – „Seufzergruppen“ und „Jauchzergruppen“ überschrieben –, dazu ein Prolog, ein 'Scharnier'-Gedicht und ein Epilog, neunundfünfzig Gedichte insgesamt, deren Titel den jeweiligen Gedichtanfängen folgen.

Man würde bei Charlotte Warsen, die Malerei studiert und im vergangenen Jahr einen Band Kulturtechnik Malen. Die Welt aus Farbe erschaffen, mitherausgegeben hat, vermuten, dass es sich bei dem genannten Begriffspaar um kunstgeschichtliche Fachtermini handelt. Man könnte sich Altarbilder vorstellen, wo die Sünder in der Hölle verschwinden, oben auf dem Rasen von Seufzergruppen beklagt, die Heiligmäßigen aber gen Himmel auffahren, Jauchzergruppen ihnen nachsehend. Doch Kompendien und Lexika geben nichts her. Eine Nachfrage bei der Dichterin ergab: „[…] soweit ich weiß, handelt es sich bei Seufzer-und Jauchzergruppen um zwei Spezialbegriffe, die ich selbst erfunden habe. Plage begann als eine Art Klagegesang, dessen Strophen keine Strophen sondern gruppierte Seufzer waren. Dann sollte eine fröhliche B-Seite mit den entsprechenden Jauchzergruppen entstehen.“

Wir haben es also mit einer Art Diptychon zu tun, nur dass dessen ursprünglicher Charakter als Devotionsobjekt wegfällt, will man nicht den Gegenstand der Verehrung in der titelgebenden Plage selbst sehen. Der Titel muss aber auch nicht überbetont werden: „Ich glaube, […], dass Titel nur so tun, als würden sie sich auf etwas, auf ein Werk, beziehen. In Wahrheit sind Titel natürlich sprachliche Gegenstände und verweisen auf überhaupt nichts.“ (Ulf Stolterfoht) – Eine Schallplatte also, gut. Allerdings scheinen A- und B-Seite stimmungsmäßig nicht auffällig verschieden, A und A' würde vielleicht eher passen. So wird die Formulierung „mich hat dieses Erlebnis // beunruhigt zurückgelassen“, die relativ zu Anfang in den „Seufzergruppen“ erscheint, im letzten Gedicht der „Jauchzergruppen“ kaum verändert wiederaufgenommen: „so hat mich das Erlebnis / ganz im Ungewissen liegen lassen“ – (fast) gleich, und doch anders, denn die – entfernt voneinander positionierten – Gedichte als solche sind verschieden, außerdem haben die Worte die Fließschicht all der anderen Worte durchquert, die zwischen diesen Seiten 20 und 94 liegen, und sind durch die Lasuren dieser Textstrecke getrübt, oder anders getönt.

Plage ist in einer undefiniert wabernden 'Kugelzeit' (im Sinne Bernd Alois Zimmermanns) angesiedelt, in der jedes Sprachzeichen im gleichen Abstand zum gedachten Mittelpunkt steht, der aber eben nicht gedacht werden kann, so wenig wie „Gott“ gedacht werden kann (auch wenn Charlotte Warsen ihm am Schluss des Buchs einen wundervollen Auftritt verschafft). Mit dieser Feststellung selbst aber implodiert die ganze schöne Referenz-Sphäre, und es bleibt ein absolutes, weltabgelöstes, planes Sprachkunstwerk übrig, ein „nur durch seine Bewegung bestimmter Gegenstand“. – Charlotte Warsen gibt nun gar keine Gelegenheit, den Weltverlust zu beklagen – und war die Welt nicht überhaupt schon immer verloren, wenn es zur Sprache ging? –, weil auf der anderen Seite eine Sprachexplosion steht, die diese unwiderrufliche Auflösung der Weltanbindung vergessen macht. Mit unerschöpflicher Imagination erschafft Charlotte Warsen einen frischen eigenen expandierenden Kosmos, der auf dem Papier – und nur das interessiert uns – ebensoviel taugt wie der alte, und vermutlich auch verlässlicher ist.

Es gibt ein Gemäldegedicht zu Tizians Porträt des Don Fernando Álvarez de Toledo, Spuren von Jahreszeitengedichten (in den „erster Reigen“ und „zweiter Reigen“ genannten Zyklen), sogar die Form des mittelalterlichen Tagelieds wird zitiert, allerdings aufgerauht und ins Ironische gewendet. Geht es im Tagelied klassischerweise um den frühmorgendlichen Abschied zweier Liebender nach gemeinsam verbrachter Nacht, liest man bei Charlotte Warsen: „seit Anbruch des Tages schon / konzentrierte Arbeit an einer / Theorie des Zerwürfnisses als Prinzip der Freundschaft“. Und das – das Gedicht steht in den „Jauchzergruppen“ – ist schon lustig. Ein bisschen grimmig vielleicht, wie auch die mindestens sechsmal wörtlich oder abgewandelt wiederkehrende Wendung „was sonst noch / zum Tod führt“ nicht freundlich klingt – im genannten Tagelied ebenfalls präsent.

Zitate bekannter und unbekannter Persönlichkeiten dienen als Samples, strukturieren die Textfelder, geben ihnen zwischen den einzelnen Kapiteln (zwölf an der Zahl) einen neuen Dreh. Ein Textschnipsel aus einem naturkundlichen Traktat des 19. Jahrhunderts wird durchgereicht; auch der Begriff „Borwelt“ weist in diese Epoche, wenn man ihn sich in Fraktur geschrieben vorstellt, mit dem B als falsch gelesenes V. – Falsch gelesen von wem? Von Google Books vermutlich. Der Techgigant kommt selbst nicht ausdrücklich vor, dafür ein allbekanntes Signum der Smartphonewelt, das Selfie („restlos fotogen nur sich selbst zugeneigt“). Desgleichen haben ihren Auftritt: die „Mailbox“, das „Darknet“, „Twitter“ (s.o.) und die „NSA“ – Gegenwartspartikel, die indes keine größere Präsenz oder Wertigkeit auszeichnet als zum Beispiel „Ophelia“, das „Urpferd“, der sagenhafte „Hagen“ oder die „Witwe von Zarpat“.

Charlotte Warsen knüpft in Plage an ihre bewegliche, fluktuierende Schreibweise, wie sie schon die Gedichte in Vom Speerwurf zu Pferde gekennzeichnet hatten, an. Bei durchgehend  hohem Abstraktionsgrad, hat der Leser doch keinen Moment lang die Empfindung, außen vor zu bleiben. Die Sprache schimmert in fremder, anziehender Farbigkeit, „dillgrün-indigo-spektral“, auf jeder Seite begegnen Wörter oder Wortgruppen, die – im besten Sinne – merkwürdig sind („als ob Apostellöffel zögernd fragend auf flambierte Zuckerhauben schlagen“) und durch ihre Bildstärke und Stringenz beeindrucken. Neben den ausgreifenden, ausscherenden Gedichten, die den Hauptteil des Bandes ausmachen, gibt es auch formal knapp gefasste, typographisch stärker gezäunte Formen, die eine andere Facette von Charlotte Warsens Schreiben zeigen. Zu diesen gehört das untenstehende Gedicht, das sich wie ein apokryphes Gedicht zur Menschheitsdämmerung liest, Kurt Pinthus' vor hundert Jahren erschienener Sammlung expressionistischer Dichtung. Dadaeske Trauer in der Art Jakob van Hoddis': auch die gibt es in Plage.

Ein in jeder Hinsicht phantastisches Buch.

längs der Schläfen
wo sie wehrlos werden

geht die traberkranke Herde
ranken klamme Abkehrfransen

und der hohe kerzengerade Schlaf
schwenkt in der Takelage und liebt keinen

Ein- und Ausschleichen der Mahner
ohne Elan unter Schweinen

Charlotte Warsen
Plage
kookbooks
2019 · 80 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3948336004

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