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Kritik

Die Poesie in der Poetik oder: Auch du bist überall

Mütze #13 & #14, besprochen
Hamburg

#13
Mütze, ein legerer Name für eine Zeitschrift und ein bisschen leger sieht sie auch aus: 26 Din-A4 Bögen, in der Mitte geheftet und sauber zur Broschürenform gefaltet. Das Heft beginnt in der Mitte, man liest also zuerst die letzten sechsundzwanzig, dann die ersten sechsundzwanzig Seiten. Herausgegeben wird das Heft vom Verleger Urs Engeler. Die Nummerierung der Seitenzahlen in den Ausgaben ist fortlaufend, so befinden wir uns bei Mütze #13 auf den Seiten 625-676.

Damit meine ich, du kannst mit einem Einfall anfangen, über den du scheiben willst, etwa, wie schlimm es ist, dass Präsident Johnson solch ein Arschloch ist, und es kann ein gutes Gedicht dabei herauskommen. Aber eher zufällig und es wird zweifellos nicht einfach sagen, dass Präsident Johnson ein Arschloch ist.

Nicht nur sind die Seitenzahlen nummeriert, es werden auch mehrere Texte, Interviews und Vorträge über mehrere Ausgaben hinweg abgedruckt. So finde ich mich am Anfang von Mütze #13 in einer Vortragsdiskussion (inkl. Publikumsbeteiligung) mit dem amerikanischen Dichter Jack Spicer wieder, die am 13. Juni 1965 in Vancouver stattfand (übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Stefan Ripplinger). Es ist der zweite Teil dieses Vortrags (1. Teil in Mütze #12), in dem Spicer (der nur wenige Wochen später im Alter von 40 Jahren verstarb) seine poetologischen und linguistischen Positionen ausbreitet.

Vor allem geht es ihm um das „poetische Diktat“, die Annahme, dass der/die Dichter*in eine Art Empfänger*in oder Leiter von komischen oder wie auch immer gearteten Botschaften ist, denen er/sie sich als guter oder schlechter Gastgeber erweisen kann. Der/Die Dichter*in ist in diesem Fall keine Persönlichkeit, keine Instanz, sondern ein Kommunikationsgerät, das allen sprachlichen Erscheinungen Platz in seinen Worten einräumt und wiedergibt, was sich „ergibt“.

Allerdings wird dies alles nicht auf krude oder spirituelle Dimensionen zurückgeführt oder auf Inspirationsklischees heruntergebrochen. Es entsteht vielmehr ein halb absurdes, halb faszinierendes Gespräch zwischen Spicer und den anderen Leuten auf dem Podium, aufgemischt durch verschiedene Fragestellungen aus dem Publikum. Es geht pointiert, dann wieder hochintellektuell zu; es wird auf unterschiedlichste Dichtungspositionen und -mythen eingegangen, aber auch pragmatische Einwände und Spitzfindigkeiten werden angebracht. Ein höchst unterhaltsames, anregendes Dokument! 

Wie die physische Welt reagiert, weiß ich nicht wirklich. Aber ich denke schon, dass Dinge passieren, weil das Gedicht es so will.

Weiter geht es mit Gedichten von Kurt Aebli:

und nichts
unterscheidet mein Rascheln von jenem der Amseln
im Unterholz, Bäume statt Buchstaben, Pilze und Moos,
diskussionsloser Specht […]

Nicht von mir
ist der Gedanke, dass etwas
von mir sein könnte.

Es ist schwer vorstellbar, dass es behutsamere Lyrik als diese gibt. Hier wird so bedacht hingewiesen; hier wird entdeckt, und zwar Stück für Stück, die schiere Anwesenheit in einer viel zu selten fokussierten, als verdichtet begriffenen Wahrnehmung. Die Struktur der Beziehung zwischen dem Eingehen auf die Welt und dem Gedankenbäumen, das in ihr einen Ausgang sucht für die Worte, die hin zu etwas anderem sollen, erscheint. Aber vielleicht wollen die Worte ja nirgendwo anders hin. Zumindest nicht bei Aebli, da wenden sie sich eher um, gehen zurück.

… das übliche, Frisch et aluid, Bekannte,
times-platz, central-park, „riwwersidedrive“:
Bachmanns Eichhörnchen, Herr Johnson, kein
Guter Gott in man’hattan
das jaulende Gelb, shell-crabs:
oh dieses Frühjahr, Museen …

Die Gedichte von Rainer René Müller sind unter dem Titel „Geschriebenes“ versammelt. Sie sind natürlich selber solch Geschriebenes, befassen sich aber auch damit. Die ersten beiden Texte („… ach Mörike“ und „Lasker-Variation) wirken geradezu wie lyrische Entzifferungen, die einen Nachklang der Sprachflächen dieser beiden Poet*innen erzeugen wollen.

Auch die folgenden Gedichte wirken wie Entzifferungen, Wahrnehmungsverdichtungen. Es werden oft verkürzte Erwähnungen, kleinste Perspektiven aufgefahren. Auffällig ist auch die stets präsente orthographische Dimension, auch die unterstreicht vor allem die Sorgfalt, die minuziöse Gestaltung, die überall gesäten Verweise. Die Gedichte wirken als wären sie Notate, die ihre Hände in etwas schieben und es auseinanderziehen, bis schließlich der Kopf hineinpasst und dann letztendlich der ganze Körper.

so dunkelt der Tag, neben einem Baum
zuckt es schwarz, ein Blitz, semantisch richtig
rot das Symbol, wenn unmittelbar
ein Hochspannungsdraht, nicht berühren, es ist
hochspannend, wenn ein Kabeljau brummt
beißt nicht an, noch pubertär

Immer wieder schleicht sich bei Eberhard Häfner die Sprache in die Beschreibung ein. Es läuft eine Aufnahme, die durch schnelle Schnitte und Verzahnungen von Naturutensilien, Konstellationen der Kulturgeschichte und Wahrnehmungslücken geistert und immer wieder trifft diese Aufnahme die Sprache, manchmal nur kurz, wie im Beispiel oben, in der Formulierung „semantisch richtig“, aber manchmal ist ein ganzes Gedicht durchzogen und durchdrungen von der Erwähnung sprachlicher Begriffe.

Ron Winkler, der mit einem kleinen Loblied auf Häfner die Ausgabe abschließt, sieht in den Gedichten „Psalmen ohne liturgischen Inhalt.“ Häfner selbst sagte ihm einmal er nähme „die Wörter als Musik auf“ – was zu dem kreisenden, nie ganz beruhigten und nie unbewegten Ton seiner Gedichte passt.

#14
Über mehr als 25 Seiten hinweg liefert Chiara Caradonna eine geradezu erschöpfende Ausleuchtung und Interpretation des Gedichts „Rißvernähung : Oxygène“ von Rainer René Müller. Die Horizonte erstrecken sich hier bis zu Flaubert und Hölderlin; wie hier der Raum eines Gedichts erschlossen, die Einrichtung auf Holz und Handwerkskunst geprüft, Lichteinfall und Lebensspuren herausgearbeitet werden, ist einfach nur famos. Man genieße jede Seite! Hölzchen und Stöckchen, dass es für vielerlei Versenkungen reicht!

Ebenfalls sehr spannend: In der vierzehnten Ausgabe der Mütze sind wiederum Gedichte von Eberhard Häfner abgedruckt. Fortfassungen heißen sie und ich stutze sofort: sind das nicht dieselben Gedichte wie in #13? Aber schon bald bemerkte ich die ersten Abweichungen und erkenne, es sind eben: Fortfassungen, nächste Fassungen, die aus ihren alten Rahmen brechen, sie dabei teilweise unversehrt lassen, teilweise aber auch nicht. Der Gedichtausschnitt, den ich bei Ausgabe #13 zitiert habe, geht jetzt so:

semantisch richtig, gleich bestätigt
es zuckte schwarz, aus der Nacht schlüpfte ein Blitz
wir sahen das Symbol, der rote Pfeil
unter dem Hochspannungsdraht, er war hoch gespannt
den Kabeljau zu berühren, einfangen
er scheute das Netz, weil der Strom abgestellt

Einst war der Kabeljau noch pubertär, jetzt beißt er schon nicht mehr, scheut das Netz, weil der Strom abgestellt wurde. Der Strom im Netz, der Strom in ihm? Das rote Symbol wird jetzt präzisiert, als sei die Warnung nun noch dringlicher. Hochspannend und hoch gespannt, jetzt zeigen sich feine Unterschiede.

Manchmal gleichen sich Abschnitte bis fast aufs Haar, manchmal wurde das Gedicht umgestülpt, manchmal geht es völlig neue Wege. Legt man die Hefte nebeneinander, dann tut sich ein ungewohntes Vergnügen auf: Man kann zwei „gleiche“ Gedichte miteinander vergleichen, sie wie Gleichungen aneinanderlegen.

Da das Heft #14 offenbar Eberhard Häfner geradezu gewidmet ist, folgen nun zwei Gedichte und eine kleine Lobrede.

(stumm plätscherte kabeljau-funk). kredenzte kaffee, wolken
taten ihm gefallen. man legte ihm nüsse ans herz.
im nächsten kapitel verwies er mich hinter 7 lakritztüten. ein knöchel
meldet verstauchung. aufmarsch der kräuter oder
lausch auf die kleine unruhen. wellen von schokolade, die manchmal
vokale
die manchmal pokale sind

Das erste Gedicht von Birgit Kreipe – „minister für poesie plant ein fest“ – ist eine wunderbare Ausstaffierung, das zur-Blüte-Bringen einer umfassenden Vorstellung von Häfners dichterischem Material und Werk.

Mit kleinen, feinen Interpretationen und einer knapp-umfassenden Annäherung an Häfner als den Schöpfer von Zeilen und Wendungen, die wie das Kreuz auf einer Schatzkarte sind, gratuliert Peter Geist dem Autor zum Fünfundsiebzigsten. 

Stromern
und
Strömen

Schließlich Tom Schulz mit „Lettisches Klavier“, ebenfalls Häfner gewidmet. Kürzeste Weitschweifigkeiten. Irritationen, unsanfter als bei Häfner selbst. Erklingendes, schön, und so bedacht, dass es fast schon wieder unbedacht wirkt – oder umgekehrt.

Zum Schluss ist noch der Anfang von dem Text „Das Laken“ von Yves Ravey abgedruckt, wo es um einen Vater geht, der auf der Arbeit – selbstverschuldet, da er es nicht einsieht, eine Maske zu tragen – Vergiftungen erleidet, sich aber weigert dies zu akzeptieren und sich mehr vor dem Verlust seiner Arbeit als vor gesundheitlichen Folgen fürchtet.

Fazit:
Die Kontinuität (die sich u.a. auch zeigt im Aufgreifen der Beiträge der vorherigen Ausgaben, dem Dialog der Beiträge) scheint in der „Mütze“ eine wichtige Sache zu sein. Poesie – Poetik, das beides wird hier großgeschrieben und sehr gleichberechtigt nebeneinandergestellt. Zumindest mir geht da das Herz auf und Entzücken stellt sich ein. Bei der Mütze auf dem Laufenden zu bleiben, wird sich glaube ich lohnen.

Eine letzte Sache noch: auf der Website der Mütze kann man zu einigen Beiträgen kleine Teaser und Hintergrundgeschichten lesen.

 

Chiara Caradonna · Peter Geist · Yves Ravey · Birgit Kreipe · Rainer René Mueller · Tom Schulz · Urs Engeler (Hg.)
Mütze #14
Gestaltung: Marcel Schmid
Urs Engeler
2017 · 6,00 Euro
Kurt Aebli · Eberhard Häfner · Rainer René Mueller · Ron Winkler · Urs Engeler (Hg.)
Mütze #13
Gestaltung: Marcel Schmid
Urs Engeler
2017 · 6,00 Euro

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