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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt

Chimamanda Ngozi Adichie hat mit »Americanah« einen tollen Roman geschrieben. Leider will sie auch belehren.
Hamburg

Chimamanda Ngozi Adichie war 13 Jahre alt, lebte in ihrer Heimat Nigeria und dachte vermutlich noch nicht so richtig ans Schreiben, als Sten Nadolny 1990 in München eine Poetik-Vorlesung hielt. Der Titel lautete »Das Erzählen und die guten Absichten«. Im Verlauf von fünf Abenden präsentierte Nadolny dort einen fiktiven Roman – der Roman handelte nicht von etwas Fiktivem, er war fiktiv. Nadolny hatte ihn erdacht, um etwas nachzuweisen: Daß jede Absicht, die hinter einer Geschichte steckt, der Geschichte selbst schadet. Auch eine gute Absicht.

Chimamanda Ngozi Adichie ist eine gefeierte Autorin. Sie hat in den USA studiert und lebt heute teils dort, teils in Nigeria. Auf ihrer Publikationsliste stehen mittlerweile drei Romane und einige Bände mit Erzählungen, die Sammlung ihrer Literaturpreise umfaßt 15 Positionen. Chimamanda Ngozi Adichie ist eine wunderbare Schriftstellerin. Aber sie ist zu jung und sie war zu weit weg, um Sten Nadolnys Vorlesung zu hören. Und das ist schade.

Adichies jüngstes Werk heißt »Americanah«, ist 2013 in den USA rausgekommen und wurde von der New York Times umstandslos zu einem der zehn besten Bücher des Jahres erklärt. Mittlerweile ist der Ziegelstein (605 Seiten) bei Fischer auch auf Deutsch erschienen, übersetzt von Anette Grube. Und es ist ein tolles Buch.

»Americanah« heißen in Nigeria die Einheimischen, die in den USA waren und zurückkehren, mit neuen Eßgewohnheiten, Eingewöhnungsschwierigkeiten und seltsamem Akzent. Eine solche Americanah ist Ifemelu, die Heldin des Romans. Sie wächst in Nigeria in nicht gerade verarmten, aber auch nicht gesegneten Verhältnissen auf, besucht die Schule, macht ihre Teenager-Erfahrungen. Sie lernt Obinze kennen, Sohn einer Professorin; er wird ihre große Jugendliebe. Dann geht sie in die USA. Obinze will eigentlich nachkommen. Aber die Botschaft verweigert das Visum.

In Amerika, dem gelobten Land, ist doch nicht alles so phantastisch. Ifemelu bekommt keinen Job. Nicht, weil sie ungeeignet wäre. Sondern ganz offensichtlich, weil sie schwarz und aus Nigeria ist. Es ist ein Spießrutenlauf, es ist demütigend. Am Ende geht sie auf das Angebot eines schmierigen Weißen ein, sich von ihm für 100 Dollar befingern zu lassen. Und bekommt einen Orgasmus. Danach schämt sie sich vor sich selbst so sehr, daß sie den Telefon- und Mailkontakt zu Obinze radikal abbricht.

In den folgenden Jahren etabliert sie sich, arbeitet erst neben dem Studium als Kindermädchen, dann als PR-Frau, dann gründet sie einen Blog und fängt an, damit gutes Geld zu verdienen. Parallel entwickelt sich eine Beziehung zu einem reichen, unbekümmerten Weißen, danach zu einem schwarzen Universitätsdozenten. Schließlich ist das alles vorbei, Ifemelu beschließt, nach Lagos zurückzukehren. Dort trifft sie wieder auf Obinze, der eine erfolglose Zeit in England hinter sich hat und anschließend mit allerlei Grundstücksgeschäften reichgeworden ist. Kurz und gut: Obinze ist zwar jetzt vermögend, aber im Herzen immer noch der alte, das lange Schweigen wird erklärt, und am Ende verläßt Obinze seine Frau und steht bei Ifemelu vor der Tür. Vorgang, alles gut. Hach.

Es ist wunderbar erzählt. Lakonisch und sprühend, zum Verzweifeln und lustig. Die Milieustudien der weißen, aufgesetzt freundlichen Amerikaner sind ebenso präzise wie die der Schwarzen, die ihre Diskriminierung schon verinnerlicht haben. Heißt: Der latente, der unterschwellige, der offene Rassismus ist das Metathema des Romans. Und nicht nur der Rassismus der Weißen, auch der der Schwarzen, die sich mit Gift die Haare glätten lassen und jeden toll finden, der schwarz, doch bei allem Schwarzsein wenigstens ein bißchen hellhäutig ist. Ifemelu sagt an einer Stelle, daß sie, bevor sie in die USA kam, nicht schwarz war – in Nigeria war Rasse kein Thema. Jetzt steht die junge Frau mit einer Freundin in der Boutique, die Chefin an der Kasse fragt, von welcher Verkäuferin sie bedient worden sind. Sie fragt nach Größe, nach Haarlänge. Sie kann nicht fragen, ob es die weiße oder die schwarze Verkäuferin war – das wäre ja politisch nicht korrekt. Man möchte sich wegwerfen.

Aber.

Zunächst leistet sich die Autorin immer mal wieder Beurteilungen ihrer Figuren wie die, jemand spreche ein manieriertes Englisch als »Schild gegen seine Unsicherheit«. Das machen Schriftsteller, die nicht wirklich erzählen können, und das hat Adichie überhaupt nicht nötig. Zweitens: Es wird eine Unzahl von Charakteren eingeführt, die nie wieder auftauchen; in solchen Fällen bleibt Adichie – Beispiel: weiße Öko-Lesben – auch gern mal im Klischee hängen. Vor allem aber, drittens: Chimamanda Ngozi Adichie hat Sten Nadolnys Vorlesung nicht hören können. Und so kriegen wir seitenweise Debatten um diese oder jene Nuance des Rassismus zu lesen. Und dahinter steht dann eben die gute Absicht, die aber der Geschichte schadet. Es beschädigt den Roman, wenn man immer wieder einer in Dialoge verpackten Lehrveranstaltung beiwohnt.

Die Autorin weiß das auch. Einmal läßt sie eine Figur sagen, man könne in diesem Land keinen ehrlichen Roman über Rassismus schreiben. Aha. Natürlich kann man das. Aber es muß eben ein Roman sein. Mit einer Geschichte, keiner Botschaft.

Das Buch ist nicht schlecht deswegen. Es ist nur leider ein bißchen wie damals bei Karl May, bei seinen seitenweisen Landschaftsbeschreibungen: Man überblätterte sie am besten.

Das kann Adichie nicht gewollt haben. Aber sie ist noch jung. Und es ist erst ihr dritter Roman.

Chimamanda Ngozi Adichie
Americanah
Aus dem Englischen von Anette Grube
S.Fischer
2014 · 608 Seiten · 21,99 Euro
ISBN:
978-3-10-402049-5

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