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Etug Tsnuk! – Llov Lieg!

„Das Pfeifen der Gräser“ von Christian Futscher
Hamburg

Gerne erinnere ich mich an die erste Lesung zurück, die ich von Christian Futscher gehört habe. Es war 2013 in der Alten Schmiede in Wien gewesen, Christian Futscher las damals aus seinem Band Marzipan aus Marseille und wir haben sehr viel und von Herzen gelacht. Jahre später ist nun vieles anders, so anders, dass „Das Lachen in den Hälsen“ beinahe stecken bleibt, gibt es im Zuge neuerlicher Lock-Downs doch schon wieder einmal keine Lesungen mehr und kann man das Buch höchstens für sich alleine lesen und auch nur alleine darüber lachen. Aber es gemeinsam mit anderen Büchern lesen, zumindest das kann man schon.

Orgie

 

Mit sieben Büchern

ins Bett!

Ich habe aber keine sieben Bücher von Christian Futscher zur Hand und muss daher mit Marzipan aus Marseille und dem 2020 erschienenen Band Das Pfeifen der Gräser vorlieb nehmen. Letzteren möchte ich an dieser Stelle näher vorstellen und geneigten Leserinnen und Lesern zur Lektüre empfehlen. Gerade in Zeiten wie diesen ist es ein Buch, das Trost spendet, erheitert und einem auch mal in die Magengrube boxt, damit man wieder zur Besinnung kommt. Es geht im Band viel um eigene Lektüren und um das Glück, zu lesen:

Glück

 

Ich liege in der Wiese

und lese.

Autoren, die innerhalb der Gedichte genannt oder zitiert werden, sind beispielsweise Ernst Jandl, Joseph Brodsky, Hansjörg Zauner, oder Gorki. Und dann gibt es auch sehr viele Zitate, die den eigenen Gedichten als Motto vorangestellt sind und auf die das jeweilige Gedicht inhaltlich oder formal antwortet, ihnen aber auch mit Vorliebe widerspricht. Derartige, als Katalysatoren für neue eigene Gedichte fungierende, Mottos im Band stammen unter anderem von Wolfgang Herrndorf, Charles-Albert-Cingria, Roman Bucheli, Joachim Ringelnatz, Jesus von Nazareth, Gerhard Rühm, oder Kurt Tucholsky. Überhaupt gibt sich Christian Futscher in seinen Gedichten als ein Viel- wenn nicht sogar Allesleser. So gibt es auch zwei „Exzerpt“ betitelte Gedichte, die im Grunde eine Zitatzusammenstellung mit Seitenangaben eines gelesenen Werkes sind. „Exzerpt (1)“ nimmt sich die „Meisternovellen“ von Stefan Zweig vor, „Exzerpt (2)“ die „Strandbadrevolution“ von Kurt Palm. Und auch der Titel des Gedichtbandes geht zum Teil auf ein Zitat von Jeanette Baroness Lips von Lipstrill - laut Wikipedia Österreichs letzter profesioneller Kunstpfeiferin - zurück, welches dem Band als Motto vorangestellt ist:

Ich pfeife mich durchs Leben,

bis ich tot umfalle.

Christian Futschers Gedichte sind sehr pointiert, humorvoll bis bitterböse mit einer Prise Galgenhumor und er selbst „immer ehrlich, / direkt und ohne Skrupel.“ Direkt angesprochen werden bei allem Witz, der eine solche Direktheit vielleicht überhaupt erst möglich macht, auch todernste Themen wie die Altersdemenz einer Mutter, die die eigene Tochter nicht mehr erkennt. „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“, sagte schon Otto Julius Bierbaum. Christian Futscher erschlägt uns aber nie mit derart schweren Themen, sondern pflegt sofort wieder umzuschwenken. Im erwähnten Gedicht über Altersdemenz wird die Tragik schon auf der nächsten Seite gleich wieder abgefedert, zwar nicht „Mit Schirm, Charme und Melone“, aber fast, mit „Charms und Zitrone“. Einige Zeilen aus den Gedichten sind auch ganz wunderbare Aphorismen, die das Potential haben, einem den Tag zu retten, wie beispielsweise: „Wer in der Nase bohrt, / wird meistens fündig.“ Wer Christian Futschers Gedichte schon länger kennt weiß, dass sehr viel in seine Gedichte einfließen kann, nicht nur eigene Lektüren, Gespräche, Alltagserlebnisse, sondern mitunter auch erhaltene E-Mails. So gut wie alles kann bei ihm zu Poesie werden und es gibt nahezu nichts, das es nicht wert wäre von ihm bedichtet zu werden:

Parallelwelt

 

In meinem Arsch

wohnen sieben Zwerge.

 

Ist das jedes Mal eine Aufregung,

wenn ich scheiße.

 

Immer wieder hoffen sie,

es ist Schneewittchen.

 

Aber nichts da,

Riesenenttäuschung.

Das Gedicht „Wie bei den Schispringern und bei Lydia Lunch“ von Christian Futscher erinnert mich in all seiner Bescheidenheit an ein unlängst gelesenes frühes Gedicht Elke Erbs aus dem Jahr 1968 (Aus: Elke Erb: Das ist hier der Fall - Ausgewählte Gedichte. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Steffen Popp und Monika Rinck. Suhrkamp, 2020). Elke Erb:

Was über mich erzählt wird

 

In meinem Schloß brennen fünfundzwanzig Kronleuchter

Und drei Goldfische habe ich in meinem Aquarium schwimmen

 

Und ich bekomme viertausend Mark für einen Vers

Und arbeite an sechs Zeilen ein Jahr

 

Und jeden Morgen kann ich mir nach dem ersten Ei auch noch

ein zweites leisten ganz wie ich will ein Ei oder zwei

Zugegeben, bei Christian Futscher wären die Eier in Wirklichkeit Eier spielende Zitronen, aber abgesehen davon kann eine Gewisse Nähe nicht abgestritten werden. Christian Futscher:

Meine Lesung, seit Wochen ausverkauft,

fand statt in einem großen Saal.

Ich war überwältigt.

 […]

Der Saal bebte, ein Tumult brach los,

Frauen und Männer rissen sich die Kleider vom Leib,

die Sache eskalierte, ich musste von Sicherheitskräften

abgeschirmt werden …

Es ist nicht immer leicht, ein Erfolgsdichter zu sein.

Das Pfeifen der Gräser ist ein Band, der, wenn man sich drauf einlässt, erheitern und aufmuntern und einen lehren kann, dass ernst zu nehmende Dichtung nicht unbedingt immer auch ernst sein muss. Was Otto Wessely unter den Zauberern ist, ist Christian Futscher unter den Dichtern und das ist ein sehr großes Lob.

Christian Futscher
Das Pfeifen der Gräser
Gedichte
Czernin Verlag
2020 · 168 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-7076-0693-5

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