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Sela

Hamburg

Das Lob des Schweigens. Das spricht Christian Lehnert in seinem neuen Gedichtband Cherubinischer Staub aus. Das Schweigen als Ort, an dem zu sein sich selbst genügt. Ein Zweck, der für Beruhigung und Kontemplation plädiert, der nicht nur das Sprechen, sondern vielleicht auch das Dichten/ Schaffen selbst in Frage stellt.

Wie aus der Biographie Lehnerts ersichtlich, handelt es sich um einen Dichter, der zugleich Pfarrer ist, vielleicht in umgekehrter Rangfolge. Sollte man diese Gedichte nun ohne biographische Vorkenntnis lesen, stolpert man zweifelsfrei sofort und fortdauernd über ihren religiösen Einschlag, weiß man um die Situation, nun, dann stolpert man zwar nicht, aber dennoch fragt man sich, was hier für ein Lobsang abgehalten wird. Der Name des GOttes fällt Seite um Seite und zwar auf eine Weise, die so etwas wie ein dramatisches Ungleichgewicht, einen Kontrast, ein Verhältnis unaufgelöster Emotion, sprich einen Aufschrei, ein Ungerechtigkeitsempfinden, eine Stimme gegen die Welt, wie sie ist und abgebildet wird, etwas, was in unnachweisbar gefühlten 90% aller Gedichte seit Tag X der Fall ist, hier nur als perfektes Vakuum geschehen lässt. Cherubinischer Staub, hier ist alles gut, im Sinne von ruhend. Immer ist es so oder so, und das bedeutet, hier ist die Epiphanie. Einen anderen Ausgang kann es nicht geben. Wie Christian Rock. Natürlich ist das eine zugespitzte Verkürzung, aber anders kann man es schwer ausdrücken. Der vielfach ausgezeichnete Lyriker Lehnert schreibt nicht gegen die Welt an, er schreibt sie auch nicht neu oder bildet Paralleles im Existenten. Er bezeugt sie tatsächlich einfach "gottgefällig". Was im Endeffekt die meisten der Gedichte charakterisiert: ihre fehlende Spannung, ihre Unwagnisse, ihre braven Titel und ihre containerartige, inhaltliche Gezähltheit. Denn worüber man nicht sprechen kann, so solle man Schweigen bekanntermaßen. Das ist aber nun der Ort, wo Sprache als Erkundungswerkzeug in Lyrik genau einsetzt, und zwar absolut nicht ohne Epistemologie – ob kulturell oder als Beseelung einer wie auch immer gearteten Singularität namens DicherIn oder LeserIn. Das ist hier bei Cherubinischer Staub nur unfrei möglich. "When too perfect, lieber Gott böse."

Etwas, müßig zu wiederholen was, drückt auf die Gedichte Lehnerts. Als ob sie stets in Klammern stünden. Das muss man wissen (und merkt es beim Lesen schneller, als einem lieb ist). Es macht Lehnert aber zugleich vollkommen einzigartig im hiesig-sprachigen Raum. Wer sonst schreibt derart ertragreich spirituelle Verstärkung? Und ganz ausdrücklich: sprachlich auf einem dermaßen gekonnten Nenner?  Christian Lehnert kann in zwei Versen die Welt zum Schweigen bringen. Ein Nicht-von-dieser-Welt-Atem steckt in seinem Schreiben. Das darf jeder zur Kenntnis nehmen. Und wer sich erbauen will, in genau den Atemzügen, die Lehnerts sprachökonomisches Schreiben vorgibt, bitte sehr. In Cherubinischer Staub durchsetzten sich Montage-Zyklen mit Texten Jakob Böhmes, längere Poeme zu den Hlg. Drei Königen, Stimmungen, Motti, Verwandte Angelus Silesius', Bibelbriefe, Sinnsprüche und unweltliche Sänge. In den berückenden, jahres- und ortszeitlichen Wörterbuch der natürlichen Erscheinungen steht:

Achtzehnter Juni 2016, vor den Walzenornamenten, Breitenau

Die Ranken an der Wand, das Muster gleicht sich immer.
So heißt die Zukunft tags: das unbegrenzte Zimmer.

Hier steht:

Das ängstliche Harren der Kreatur

Der Hund vertraut und glaubt den Augen kein Wort.
In diesem Spiegel ist mein Bild an seinem Ort.
So fremd, so klar.
So wahr, so wirr.
Es zerrt der Wind an dem Geschirr.

Aber auch zum Beispiel:

Wo ist GOtt?

Das Undeutliche, GOtt, kann dies und jenes sein.
Wo immer du IHn suchst, schließt ER dich in sich ein.

Und schließlich:

Peenemündung im Dämmern

Abends von fallendem Wind sorgsam geglättet zum Spiegel
     strömt der Fluß ins Haff, ruht an der Mündung und schweigt.
Keine Nachricht, die Ufer pulsen im Nebel. Die Augen
     sehen nichts Fremdes mehr – das nur, was war und noch ist.
Alles schläft, und je länger es still ist, wird weicher das Land, voll
     Schilf und immer mehr Schilf, traumlos wächst es dahin.

Je mehr der Band – ein erstaunliches Erzeugnis im Jahr 2018 ist er – von den Erscheinungen des Eisvogels, der Amsel, der Wolken etc. (kürzlich wurde Lehnert – mit Sabine Scho – der Deutsche Preis für Nature Writing verliehen) weg und hin zur Rekapitulierung biblischer Mythen treibt, desto eher steigt man geneigt aus, auch innerhalb der genannten Umklammerungen der Gedichte in biographischem Quell. Die reine Geistlichkeit hier ist, lyrischerseits gesprochen, von einer schweren Schwere heimgesucht, sodass der Band, hält man ihn auf dem Finger, nach hinten kippt. Sind dies zufriedene Gedichte?

Christian Lehnert
Cherubinischer Staub
Suhrkamp
2018 · 112 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42819-1

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