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Kritik

Alles richtig: Alles falsch.

Hamburg

Nicht beklagen dürfen wir uns angesichts von Christian Metz' umfangreicher Monographie "Poetisch denken". Die Lyrik der Gegenwart" über einen Mangel an Stringenz, Struktur und Materialfülle. In einem Eröffnungskapitel, vier erschöpfenden Fallstudien und einem knappen Outro nebst Apparat verfolgt Metz konzentriert das Projekt eines systematischen (oder sagen wir: theoriegeleiteten) Überblicks über Entwicklung und Gegenwart der derzeitigen deutschsprachigen Lyrik. Realgeschichte, Sozialgeschichte und Ästhetik werden zusammen gedacht. Dies wird dem*der interessierte*n Leser*in so übersichtlich und in so beruhigender, pointierter Folgerichtigkeit dargeboten, als würden wir dem BBC-Tierdoku-Onkel Sir David Attenborough zuhören.

Über die vier eingehenden Gedichtlektüren, die den Hauptteil des Buches ausmachen (je über eines von Monika Rinck, Jan Wagner, Ann Cotten, Steffen Popp), kann an dieser Stelle nicht gerechterweise gehandelt werden. Metz nimmt seine Vorgaben ernst, liest genau, verknüpft über das ganze Buch hin; über manche Details seiner Einschätzung mag man je anderer Meinung sein, aber das gehört dazu. Sie sind, was sie sein sollen, und lesenswert genug, um den Band um ihretwillen zu empfehlen.

Schwierig dagegen ist ein formaler Aspekt, der inhaltliche Eigendynamik gewinnt (was ja so ganz gut zu Metz' Gegenstand passt): Die ostentativ allgemeinverständliche Feuilletonprosa, derer der Verfasser sich bedient, um in dem grob siebzigseitigen Eröffnungskapitel die letzten fünfzehn bis dreißig Jahre deutschsprachigen Dichtens auf den Nenner eines nachvollziehbaren Narrativs zu bringen. Nicht dass sein Narrativ "falsch" im Sinne ungeeigneter Datenpunkte oder ihrer unrichtigen Anordnung wäre. Es ist bloß so, dass der apodiktische Gestus, zu dem jene Art der Prosa tendiert – auch in der Langform, und auch, wo sie, wie hier, geduldig argumentiert – die Grenzen zwischen Metz' literaturwissenschaftlichen Diagnosen einerseits und ihren Begründungen andererseits verwischt. Nach jedem zweiten-dritten Absatz können wir jeweils fragen: Ist das noch Reflexion oder schon Moderation? Analyse oder nur Rhetorik? Dass Metz schreiben kann, macht uns gerade dieses Problem gerade nicht einfacher.

Nähern wir uns der Sache anders. Wenn Metz die Historie eines deutschsprachigen "Lyrikbooms" der letzten zwanzig Jahre als Geschichte von Autor*innen schreibt, die um das Jahr 2000 herum unter dem Eindruck eines – Internet sei Dank! – stets prinzipiell verfügbaren, unüberblickbaren und "vollständigen" Archivs der Formen und Ausdrucksmöglichkeiten begonnen haben, so ist das nicht falsch. (… mit dieser menschheitsgeschichtlichen Neuerung einher gehen dann auch neue Eigenschaften, die Texte haben müssen, um ihre Leser – die anders als je zuvor vergleichen, einordnen, Bezüge bauen  – nicht zu langweilen; andere Anforderungen ans technische Vermögen der Verfasser*innen; andere naheliegende Spielchen usw.) Ebensowenig falsch ist es, dass man die Entwicklung einer Szene dieser Autor*innen – eines personalen Netzwerks, das an Eigendynamik gewinnt, als Diskursmedium eigenen Rechts funktioniert und die Entstehung einer eigenen Leseöffentlichkeit katalysiert – aus Haltung und Bemühung weniger singulärer Protagonist*innen heraus beschreiben kann. Und drittens trifft natürlich auch zu, dass das ideologische und theoretische Hintergrundrauschen der Welt, in der diese Gegenwartslyrik entsteht … gegenwärtig ist. Fukuyamas Ende der Geschichte wurde erreicht, beschrieben und überschritten; die Kritische Theorie ist ebensowenig mehr neu wie die auf sie folgende Postmoderne nebsamt linguistic turn, die hervorragenden Texte beider Strömungen gehören zur selbstverständlichen Inneneinrichtung  zeitgenössischen Denkens – das Neue ist wo anders …

… nämlich, und das beschreibt Metz korrekt so, unserem sich möglicherweise aufdrängenden Widerwillen zum Trotz: Es ist in den prototheoretischen Hervorbringungen von Silicon Valley und der Neuropsychologie zu suchen und mithin explizit antitheoretisch. Nun hat es – wie gesagt, im Rahmen einer entspannt-apodiktischen Sprache, die uns die Unterscheidung zwischen Beschreibung und Bewertungen arg erschwert – den Anschein, dass der Text sich zu diesem so gearteten, anti-begrifflichen Neuen affirmativ verhält. Dieser Anschein lässt Metz' detaillierte – und trotz allem mit Fug kanonisch zu nennende – Ästhetik- und Sozialgeschichte der gegenwärtigen Lyrik so falsch werden, wie sie zugleich auch richtig ist1. Metz:

So funktioniert die Entscheidungsarchitektur, die gerade nicht durch Argumente zu überzeugen versteht, sondern durch das gekonnte 'Reframing' von Situationen und über Stimmungen, die geschaffen werden. (…) Die Gegenwartslyrik übernimmt dieses Modell.

(…)

Die Lyrik der Gegenwart triggert und stupst das Denken, die Entscheidungen und Urteilsfähigkeiten ihrer Leser*innen so kalkuliert und mit solcher Leidenschaft an wie keine zuvor. In diesem Sinne sind die Lyriker*innen nach 2000 in gewisser Weise verwandt mit jenen besten Köpfen, von denen der ehemalige Facebook-Sprecher sagte, sie würden nur darüber nachdenken, wie man Menschen zu Werbeklicks verleiten könnte. Nutzt Facebook diese Entscheidungsarchitekturen (…) zur Datensammlung, machen die Lyriker*innen sie sich als poetologische Metapher zunutze, um die Wirkung ihrer Verse zu erproben und zu verfeinern.

Dass es solche "Entscheidungsarchitekturen" gibt, durch die bewusstes, dh. begrifflich vermitteltes Denken unterlaufen werden kann – geschenkt! Dass gegenwärtige Lyrik sich zur gegenwärtigen Welt irgendwie verhält, in der das so systematisch geschieht – auch geschenkt! Aber in jenen Sprachregistern, die Metz auf diesen Umstand anwendet, wird aus den zu überwindenden Instanzen, also aus der in der Lyrik schlechterdings zu verhandelnden (sprachlichen, emotionalen, verdinglichten) Wirklichkeit, ihr positives Alleinstellungsmerkmal. In genau dieser einen Hinsicht wird Metz' Buch seinem Stoff nicht gerecht – und dies trotz seiner beachtlichen Materialfülle und Rechercheleistung, und: just weil er jedes Detail der ästhetischen und sozialen Geschichte aktueller deutschsprachiger Lyrik korrekt kontextualisiert.

Man wird an dem Buch nicht herumkommen, noch lange. Aber es wird da einiges produktives Sich-Abarbeiten brauchen.

 

  • 1. Will sagen: Genau in dem Ausmaße falsch, wie die affirmativ dargelegten Inhalte positiv zuhanden sind.
Christian Metz
Poetisch denken / Die Lyrik der Gegenwart
S. Fischer
2018 · 432 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3100024404

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