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Kritik

Dichten & Denken

Hamburg

Es ist ebenso leicht, hinter der Lyrik dieses gargantuesk aus den Kinderstrümpfen schießenden Jahrhunderts eine programmatische Überzeugung zu vermuten, wie es schwerfällt, diese zu artikulieren. Christian Metz legt nun eine ambitionierte Studie vor, in der er die zeitgenössische Lyrik nicht nur literarhistorisch und poetologisch einordnet, sondern auch durch ausführliche Besprechungen einzelner Gedichte von Monika Rinck, Jan Wagner, Ann Cotten und Steffen Popp fassbar macht. Das Ergebnis changiert zwischen Handbuch und Manifest: Einerseits führt Metz sachlich in die zentralen Themen der jüngeren Lyrik ein, andererseits macht er sich zum erfrischend enthusiastischen Herold der poetischen Heerscharen, deren Hauptstreitern er besonders gern das Label «großartig» zukommen lässt. Der Band lehrt einen nun zwar nicht gerade «poetisch zu denken», wie es der Fischer-Verlag verspricht, unter anderem weil es zweifelhaft ist, ob das auf die angepriesene Art überhaupt möglich sei (siehe unten), aber er zeigt auf äußerst anregende Art, wie man über die zeitgenössische Lyrik nachdenken kann.

Metz nimmt mindestens drei Anläufe, die wesentlichen Merkmale der «Lyrik nach 2000» zu bestimmen. Der erste Vorschlag beruht auf Steffen Popps These des poetischen Denkens, der gemäß Lyriker zwar nicht wie Philosophen oder Naturwissenschaftler denken, da sie eben poetisch denken, aber über denselben Gegenstand und mit demselben Ziel; denn Lyriker beabsichtigen, über die Welt nachzudenken, nicht träumerisch entrückt, sondern auf die Wirklichkeit aus, ja, zu entdecken, wie die noch verhüllte Welt wirklich ist. Die anderen beiden Versuche sind genealogisch. Zunächst möchte Metz zeigen, dass die zeitgenössische Lyrik aus Elementen dreier Strömungen entstanden sei, der Avantgarde, der Popliteratur und der Erlebnislyrik, deren Kreuzung die Lyrik des 21. Jahrhunderts kennzeichne und von früheren Schulen der deutschsprachigen Literatur abgrenze. Zusätzlich leuchtet aber immer wieder eine zweite Genealogie auf, die sich an den gegensätzlichen Rollen Durs Grünbeins und Thomas Klings orientiert: Während sich die neue Dichtergeneration von Grünbeins ungenau gebauter Lyrik abwende, halte sie sich an Kling, der noch die letzte Assonanz der verwendeten Wörter, den geringsten metrischen Hauch bewusst zu musikalisch-poetischen Zwecken nutzt.

Versuchen wir die drei Bestimmungen zu verbinden, angefangen bei den beiden Genealogien, die wohl heuristisch zu verstehen sind, nicht als ernsthafte Geschichtsschreibung. Die Einordnung der neuen Lyrik als Nachfolgerin des High Modernism einer-, des Pop andererseits, unter Wiederbelebung der artifiziellen Erlebnishaltung von Goethe und Werkstatt, ist erhellend, und selbstverständlich wäre die Vermengung der drei Traditionen nicht denkbar gewesen, bevor sie sich alle erübrigt hatten, einschließlich der Popliteratur, die eben ungefähr um 2000 zum Stillstand kam. Hingegen scheint wenig plausibel, dass diese Vermengung die neue Lyrik insgesamt ausmache, Ann Cottens Gedichte vielleicht, vielleicht noch diejenigen Uljana Wolfs, aber nicht die gewollt spießbürgerlichen Texte von Jan Wagner, in denen auf Avantgarde und Pop ab und zu verwiesen werden mag, aber deren Grundprinzip kaum in solchen Anspielungen zu suchen ist. Die zweite Genealogie ist schon vielversprechender, denn die Tendenz der neueren Lyrik, das vorgelegte Wortmaterial bis in die äußersten Fransen klanglich auszukomponieren, frappiert nicht nur bei Cotten und Kompanie, sondern auch bei Vertretern des spoken word und beim orakelnden Oswald Egger, sodass man durchwegs von «Kompositionslyrik» sprechen könnte. Andererseits ist dieses Merkmal zunächst ein rein handwerkliches, das nach einer poetologischen Ergänzung verlangt; womit wir bei der These des poetischen Denkens wären.

Was besagt diese These? Klar ist, dass sich gemäß Popp und Metz die Aufgabe der Lyrik nicht auf Sprachkritik beschränken, sondern einen Beitrag zur Erkenntnis der «nicht sprachlich verfassten Wirklichkeit» leisten soll (s. 55). Zudem ist der Erkenntnisvorgang «produktiv», da das poetische Denken etwas begrifflich fassbar macht, was zuvor so nicht fassbar war (s. 54). Typische Fragestellungen, welche die Lyrik zu beantworten suche, sind: «Was ist überhaupt ein Körper, wie funktionieren Denken und Fühlen, wie lässt sich die Außenwelt wahrnehmen, von welcher Beschaffenheit sind die Dinge, die einen umgeben, inwiefern ist etwas ergreifbar und begreifbar?» (s. 58). Metz nennt diese Fragen «anthropologisch», aber sie scheinen nichts Geringeres zu sein als die Grundfragen der Philosophie und Naturwissenschaften (vielleicht noch der Mathematik und Logik). Nur, mit welchen Mitteln soll die Lyrik diese Fragen beantworten? Vermutlich mit sprachlichen, genauer, mit den kompositorischen Mitteln, die wir oben beschrieben haben. Der Gegenstand, über den die Lyrik nachdenkt, unterscheidet sich nicht von demjenigen der gängigen Wissenschaften, handelt es sich doch einfach (!) um die Wirklichkeit, aber die Art und Weise ihres Denkens unterscheidet sich sehr wohl, denn sie denkt über die Wirklichkeit poetisch nach. Der poetische Modus des Denkens wiederum scheint aus der geschickten klanglichen Manipulation von Wörtern zu bestehen, wie Metz sie uns anhand der ausgewählten Gedichte erklärt, sodass die neuen Lyriker durch ihre eigentümliche kompositorische Verwendung der (natürlichen) Sprache nach der Wirklichkeit greifen.

Wäre die Popp-Metz-These wahr, müsste man den Lyriker nach 2000 bedauern. Während die Physikerin immerhin auf einen Teilchenbeschleuniger vertrauen kann, um in die terra incognita vorzudringen, muss sich der Lyriker auf die Flatterkraft des Federkiels verlassen. Der Anspruch, der hier der Lyrik aufgebürdet wird, könnte höchstens durch quasi-religiöse Offenbarungswunder eingelöst werden; wie sonst sollte selbst die raffinierteste poetische Behandlung der Sprache den Zugriff auf die Grundstruktur der Welt erlauben? Vielleicht sollte man die These also nicht so wörtlich nehmen, sie bloß als Behauptung der Wichtigkeit der Lyrik für unsere Wahrnehmung der Welt lesen, aber dann verliert sie ihre charakteristische Schärfe. Interessanter wäre es, die Nähe der Lyrik zur Religion einzugestehen, man befände sich historisch ja in guter oder zumindest zahlreicher Gesellschaft, das Gedicht also zum Hokuspokus zu erklären. Nur gibt es dann keinen Grund mehr, warum die Philosophie oder Wissenschaft, denen die Popp-Metz-These die Lyrik vom Erkenntnisanspruch her gleichstellen möchte, sich noch dazu verpflichtet sehen sollte, die poetischen Heerscharen auch nur schon im Ansatz ernst zu nehmen.

Der Graben zwischen dem Verfahren der neuen Lyrik, wie Metz es beschreibt, und dem postulierten Erkenntnisanspruch wäre höchstens abenteuerlich zu überbrücken. Wenn es ein Merkmal dieser Dichtung ist, die sprachlichen Bezüge genau auszukomponieren, wird sie in die Nähe der Musik gerückt. Nun kann man im Konzertsaal oder -keller in einen mystischen Zustand verfallen, in dem man über den Grund aller Dinge zu robben glaubt, aber ansonsten ist die Musiksprache das Beispiel par excellence einer Sprache, die nicht direkt auf die Welt referiert, geschweige denn eine Theorie der Welt entwirft. Ganz ähnlich scheint es mir um die Kompositionslyrik des 21. Jahrhunderts zu stehen: Die herausragende Qualität dieser Lyrik ist eine musikalische, keine im eigentlichen Sinn gedankliche. Das soll nicht heißen, dass mit den Mitteln dieser Lyrik keine Phänomene bedichtet werden können, natürlich kann man ein Gedicht über ein Nudelholz oder auch das Denken selbst schreiben, ebenso wie man ein entsprechendes symphonisches Gedicht verfassen könnte, aber der Anspruch ist nicht, der Wirklichkeit etwas abzugewinnen, sondern etwas bereits Vorhandenes in Schwingung zu versetzen, (anders) zu inszenieren. Damit hätte die zeitgenössische Lyrik ihren Stolz, ihre Stellung gegenüber der Wissenschaft bewahrt, da sie zwar nichts zur Erkenntnis der grundlegenden Struktur der Wirklichkeit beisteuern, aber sämtliche gegebenen Gegenstände, einschließlich derjenigen, die aus dem Teilchenbeschleuniger hüpfen, zu uns in Beziehung setzen kann, durch sprachlich-musikalische Mittel, die der Wissenschaft auf diesem Niveau nicht zur Verfügung stehen.

Es ist Metz’ spürbare Verbundenheit der neuen Lyrik gegenüber, die diesem Buch seine Verve verleihen, aber es in gewisser Hinsicht auch schwächt. Am stärksten ist die Abhandlung dann, wenn Metz textnah um das Verständnis einzelner Gedichte ringt und anhand genauer Interpretationen die Poetik der Autoren umreißt, wenn er etwa Rincks Poesie des Sprungs darstellt, die Struktur von Cottens Fremdwörterbuchsonetten analysiert oder Wagner in die Nähe von Oulipo rückt, um ihn gegen den Biedermeiervorwurf zu verteidigen. Als weniger glücklich empfinde ich den Grundtenor der Studie, dass alles an der neuen Lyrik nicht nur gut, sondern geradezu sensationell, toll, überwältigend sei. Ich hätte mir einen größeren kritischen Abstand gewünscht, besonders in Bezug auf Popps poetologisches Programm, aber auch die gesamte Rhetorik des Buches betreffend. Dieser Vorbehalt soll allerdings nicht davon ablenken, dass Metz’ passioniertes Plädoyer einen unschätzbaren Beitrag zum Verständnis der zeitgenössischen Literatur leistet, von dem wir lange zehren werden.

Christian Metz
Poetisch denken / Die Lyrik der Gegenwart
S. Fischer
2018 · 432 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3100024404

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