Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
triedere ausgabe 18
x
triedere ausgabe 18
Kritik

war hier & hab ins all geblickt

Hamburg

Der dritte Gedichtband von Christian Schloyer, seines Zeichens vielfach ausgezeichneter Lyriker und Grenzgänger zwischen (Sound-) Installationen und Konzept Kunst, mit Titel Jump 'n' Run ist diesen August im renommierten Leipziger Poetenladen Verlag erschienen. Nach panik – blüten der zweite dort, sein Debüt spiel ur meere ist bereits 2007 bei kookbooks erschienen. Schloyer lässt sich Zeit, mit Jump 'n' Run legt er einen ungewöhnlichen, Aufsehen erregenden Drittling vor: ein Spiel in retro Ausstattung aus extrem starken Gedichtfragmenten, die sich die SpielerIn/ LeserIn selbstzusammenstellen darf. Die Optik ist an eine Art Spätachtziger Nintendo-Pixelwelt angelehnt. Die Symbole: Fliehender Pixelmensch, Leitern, Treppen, Einbahnstraße, Rakete, Level, Schloss, Start, Finish, Help! usw. ziehen sich als Spielfeldinventar durch die Doppelseiten, die jeweils ein Level darstellen sollen. Im Verlauf verspielt und verzieht sich diese grafische Spielwiese in immer absurdere Gestalten. Die Leitern drehen sich, Pfeile, die "eine" Leserichtung vorgeben sollen, verzetteln sich im Kreis, der Sprunghaftigkeit wird immer stärker gefrönt, man kann vor und zurück, die Laufrichtung ist nicht mehr klar usw. Wo sind die Gedichte?

Schloyer gliedert seine "Spielwiese" durch Levelüberschriften und Ebenenunterschriften, die dichterischen Fragmente sind so gestaltet, dass sie offene Ein- und Ausgänge haben. Mehrfache Lesbarkeit, eigentlich sind es Steine zu einem großen, langen Gedicht, offen für die Reihenfolge, arbiträr. Vielleicht am ehesten den Voxel Poems von z.B. Andreas Bülhoff vergleichbar, doch wo dieser auf Silben und Worte konzentriert ist als Spieler, sind es bei Schloyer eben ganze Sinneinheiten, die für sich stehen. Poetische Einakter, Stationen, Wintervorräte... Der entscheidende Punkt bei Schloyer, der gleichzeitig mit einer gewissen Fragwürdigkeit einhergeht: Wozu noch das Buch?

Die Spielplateaus à la Donkey Kong etc. sind auf den Doppelseiten im mehr oder weniger klassischen Buchlayout organisiert. Das bedeutet, im effektiven Gegensatz zu jedem Spiel, ob Konsole, Bildschirm, oder Textwürfel (Bülhoff), sind alle Ausgänge und Aktionen (und Möglichkeiten) stets im Vorhinein sichtbar. Permanent. Null Überraschung, wenn man so will. Das Manövrieren durch Jump 'n' Run ist kein Spielen, es ist kein Weg mit verschiedenen Türen und Ausgängen, wie im adventure game, bei dem niemals vorher klar ist, was hinter der nächsten Tür oder Ecke lauert. Jump 'n' Run, ist salopp gesagt, ein erschwertes Lesen eines phänomenalen, spektakulären Gedichts, solange es sich im Buch wie geschehen anbietet. Nur das traditionelle Umblättern ist das wirkliche Öffnen einer Tür. Anders die improvisatorischen Präsentationsprojektionen, die der Medienkünstler Schloyer für Auftritte nutzt (u.a. gewann er den Münchner Lyrikpreis 2016 dafür). Die designte Grafik für das Buch ist sicher Geschmackssache, aber auch trash ist Entscheidung, und leider sehen die items, Verbinder und Piktogramme derart billig first choice und unsubtil aus, dass sie den Gedichten/ Gedichtfragmenten zu keiner Zeit gerecht werden. Sie stehen im Vordergrund, drängen sich auf und lenken stark ab. Zwar sehr konsequent und auch durchdacht gearbeitet, wenn sich die Piktogrammgeschichten verselbstständigen und eigene losgelöste Wege zu gehen beginnen. Dennoch bleibt das etwas schale Gefühl, dass einerseits die Grafik nicht ertüchtigt, sondern zunehmend runterzieht, und zweitens, dass ein wie auch immer geartetes virtuelles Gedichtspiel auf einem individuell elektronischen Gerät zumindest in der Vision turmhoch über einer letztlich klassischen Buchpressung der ganzen Idee stehen müsste und so erst wirklich etwas Neues aufmachen würde.

Abgesehen von dieser nicht ganz astreinen Gestalt des Bandes ist sein umfassend großer Inhalt nichts weniger als gewaltig. Schloyers Sprache changiert je Level zwischen verschiedenen Importen, kritisiert kapitalistische Profitsprachen, wandert in psychologische Abgründe und blickt Tiere an. Das Besondere und Einmalige an Schloyers arbiträrem Gedicht Jump 'n' Run ist sein anschlussoffenes Fließen. Wortspielereien, ziemlich komische, wechseln mit apokalyptischen Betrachtungen wie nach einer endgültigen Katastrophe, einfachste und herunter gebrochene Sprechakte von kalter Schönheit erzeugen ein Verlorenheits- und Einsamkeitsgefühl. Überall ist Weite zu spüren, Felder aus Material, die eben konsequent spielerisch noch zu durchschreiten wären. Es gibt kein Ankommen, nur tausendundein Weg, offen in alle (Level-) Richtungen. Das ist nichts weniger als hochklassig, manchmal etwas überladen und nicht ganz ernst, wie das dialektale Level "ontagrond", aber außerordentlich dicht an allen Stellen, jederzeit noch angezeigt steigerungsfähig, sozusagen die Level der sprachlichen Auflösung steigen/ fallen/ bewegen sich permanent. Schloyer schreibt u.a.:

"selbst der klimawandel
zieht an dir vorüber"

"ferner hochhausburgen
die wie satelliten um die kraft-
werkssilhouette kreisen"

"der himmel legt sich hier im eierschneider schlafen"

"mittelstreckenfriedenstauben"

"ausgeglichenheit ist kein
linksdrehender yogabalanceakt im jenseits
schnall dir deine
apothekenweisheiten gelegentlich
auch mal ans andere bein"

"ist da ein ich wie in schwarzen
eggerfilmen"

"verfahrene gangster rotwangig
+ schön wie sie steno auf ihren
maschinengewehren
tippen & der mond wie der heult"

"im gaumenbereich des höhlen-
gleichnisses ein feinperliges kichern"

"[...] ein mosaik aus
papageienträumen es grüßen dich
einsiedler
-krebse in der hirnschale (du grüßt
sie in+ auswendig) du"

Man kann ohne Zweifel sagen, dass Christian Schloyers Jump 'n' Run ein bestechend wichtiges und ambitioniertes Werk ist, das rätselhaft und gewaltig,  vielgestalt seinen eigenen unendlichen Trickbottich der Sprache vor der LeserIn ausschüttet. Schloyers singuläre Stimme in der gegenwärtigen Lyriklandschaft backt ein weiteres beglückendes Knabberwerk, auch wenn es im Zusatz, aus besagten Gründen, nicht vielleicht als genuines gameplay noch besser funktionieren und dem Buch ade zu sagen sich trauen würde, und zweitens sich nun zeitlebens mit einigen kurzatmigen grafischen Entscheidungen herumschlagen muss.

Christian Schloyer
Jump ’n‘ Run
poetenladen
2017 · 160 Seiten · 21,80 Euro
ISBN:
978-3940691866

Fixpoetry 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge