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Kritik

Sterntaler ohne Zahl

Hamburg

Stellen Sie sich ein Buch vor, das programmiert werden musste, weil es aus Verweisen und Schleifen besteht, aus Sprungbefehlen und Leveln. Stellen Sie sich ein Buch als Computerspiel auf Papier vor, ernsthaft, sogar mit QR-Codes, die Begleitmusik offerieren. Stellen Sie sich vor, dass Sie von Stein zu Stein springen müssen, um Münzen zu sammeln wie Super Mario, aber manchmal regnet es auch Sterntaler in Ihr aufgespanntes Hemd, selbst wenn Sie das momentan nicht einmal wollen. Die Münzen sind Verse. Sie können bei dem Spiel nur gewinnen: Zum Beispiel freien Eintritt ins „Uncanny Valley – Mutiergehege“. Der Verlag (poetenladen, Leipzig) hat vorne kühn die Gattungsbezeichnung „Gedichte“ aufgedruckt, aber da fehlt die andere Hälfte: „Maschinen“. Nur gibt man ja nicht gern alles gleich preis, wenn man den Leser noch nicht gefangen hat. Und „Gedichte / Maschinen“, na ja - Max Bense, die Konkreten und die dürreren Reisigbündel der Siebziger sind halt auch passé. „Jump ’n’ Run“ ist ziemlich prall und heutig, gerade auch unter dem Aspekt, dass die bloße Spieloberfläche eher an Donkey Kong erinnert. In der Zukunft, über die das Buch schon Bescheid weiß, wird alles retro sein.

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Natürlich möchte man doch wissen, was das eigentlich ist. Die poetische Substanz liegt ja trotz der formalen Auflösung klar auf der Hand. Soll das bloß ein Gag sein? Eine Novelty im Sinn einer schnell verbrauchten Masche wie bei Queneaus „Hunderttausend Milliarden Gedichten“, von denen kein einziges etwas taugt, weil schon das Ursprungsmaterial so fad ist? Ich glaube, hier ist eine spezielle Verzweiflung an der Lyrik am Werk. Ein Wissen, dass die festgefügte Gestalt des Textes seinem Auftrag zum Schillern, Schweben, seinem Treibsandcharakter nicht gerecht wird. Man denkt an Mallarmés „Würfelwurf", dessen Zeilen über die Seiten verstreut sind wie Notationen einer unmöglichen Partitur. Schon in früheren Bänden Schloyers ist die Tendenz erkennbar: Die Verse wollen nach links und rechts ausbrechen, weggehen vom Ursprung, weil das ja ihr Ding ist. Wie es auch zu Schloyer selbst passt, der im Stehen arbeitet, damit er gleich wieder Musik machen kann, damit der Kreislauf in Bewegung bleibt. Stasis taugt auch für den Player One nicht, der sich durch den Text bewegen muss. Wie Mario.

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Aber es gibt ja doch einen Ort, an dem das alles stattfindet, wo die Puppen tanzen, wo der Hund begraben liegt. Eine Ort und eine Zeit. Und natürlich ist das unser Ort, zwischen vergoldeten Kalaschnikows und Biotechnologie im Selbstversuch, zwischen Chipimplantaten und Impfboykott, zwischen Postdemokratie und Neo-Barbarei. Es ist unsere Zeit, die Gegenwart, gespiegelt in einer Zukunft, die längst begonnen hat. Ja, es geht um „die brodelnde wärme wohnlicher / zonen (parallelhabitate) es war nicht / alles unsere schuld  zumal wir / eine lösung gesehen hatten“. Merke: „das elend hat ein eulengesicht es / fühlt sich wohl“.

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Unsere Zeit, die Gegenwart, gespiegelt in einer Zukunft, die längst begonnen hat. Schloyer springt und rennt aber auch in der Zeit und in den Gebieten von Jeff Vandermeers „Southern Reach Trilogy“, oder von Dietmar Daths „Abschaffung der Arten“. Bei Schloyer kommt so viel vergeigte Evolution mit so viel entgleister Technik zusammen, dass das entstehende Durcheinander für ein eigenes „Terroir“ à la Vandermeer oder für einen eigenen Weltenkrieg zwischen Menschen und Hypertieren à la Dath locker ausreichen würde. „Sie wissen von einer schleimigen / masse die hier unten unkontrolliert blüht / gurgelt + wächst Sie wissen hoffentlich auch / dass Sie die schmetterlinge befreien müssen (…)“. Ohne das groß anzukündigen, hat Schloyer Science Fiction und Lyrik auf eine Weise zusammengebracht, wie das in Deutschland vielleicht überhaupt noch niemand getan hat. Einfach so als Nebenprodukt dieses seltsamen, tollkühnen Projekts.

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Endmontiert hat der Nürnberger Christian Schloyer die bereits vorhandenen Teile seiner Gedichtmaschinen während eines Stipendiums als Tübinger Stadtschreiber. Wem diese Ehrung widerfährt, der wird dazu verurteilt, drei Monate auf dem Tübinger Stadtfriedhof zu verbringen, im ehemaligen Friedhofswärterhaus. Sowohl die Überreste von Friedrich Hölderlin als auch von Kurt Georg Kiesinger befinden sich auf dem Friedhof, und das Gräberfeld X, dessen furchtbare Geschichte einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat, und wen das nicht ins Grübeln bringt, der ist zu hart im Nehmen für Lyrik. Ich will jetzt nicht behaupten, dass die mal fröhliche, mal finstere existenzielle Panik, die den „Player One“ in „Jump 'n' Run“ vorantreibt, ein Ergebnis des Aufenthalts auf dem Tübinger Stadtfriedhof war. Die verschiedenen Arten der Panik hat Schloyer schon mitgebracht. Aber bei der Endmontage hat der Blick aus dem Fenster wahrscheinlich geholfen.

Wie auch immer. Auf so vielen Leveln, in so vielen Hinsichten: Highscore Schloyer.

Christian Schloyer
Jump ’n‘ Run
poetenladen
2017 · 160 Seiten · 21,80 Euro
ISBN:
978-3940691866

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