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10 Jahre Wortschau, Literaturzeitschrift
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10 Jahre Wortschau, Literaturzeitschrift
Kritik

Von den Bäumen aus gesehen sind die Landschaften splittrig und fein

Über die Nr. 36 der Zeitschrift Konzepte
Hamburg

Es gibt Wogen, die
sind tiefer und wilder
als alles zu Beweinende.

Zum Beispiel die Woge der Kindheit, auf deren Höhe die Kosarenträume noch im Garten ausgelebt werden konnten. Oder die Wogen der endlosen Sommer, während derer man in den Baumwipfeln saß und las. Und nun sind die Schwimmbadbecken leer und im ach so großen Universum, mit Sternen, Träumen und Herzen, tickt unüberhörbar eine Uhr, deren Zeiger den zeitlosen Gefilden der Kindheit entronnen sind und nun einem Ende entgegenticken.

In Mirko Bonnés Gedichten werden magische Zeiten und tiefe Ideen von Lebendigkeit beschworen, in bewusst sentimental angehauchter Art und Weise. Eine schöne Lektüre, überwältigend in manch kleinem Detail. Die Verse wiegen die eigenen verblassten Vorstellungen beinahe zurück in die einst so starken, flirrenden Farben.

der zug verlegt den körper vor die Leinwand der Landschaft
der rest gerinnt zu schlieren, feinsten schlieren, dunkelfeldstudien
hinter glas entgleitet die nacht in müde gesichter.

Schlieren also, die Schlieren der Stadt- und Landlandschaften, die vor dem Zugfenster vorbeiziehen, zwar Regen, aber derweil immer noch Welt. Hartwig Mauritz Gedichte haben allgemein etwas Vorbeizischendes, nicht nur dieses Zuggedicht. Und doch offenbaren sie feine Strukturen der Wahrnehmungen, in denen die weltlichen und alltäglichen Abläufe und Blickfelder eine ganz individuelle, scharfe Prägung bekommen.

Das Licht fällt
auf alles, was still lebt
bei Vermeer.

Juliette Auberts Gedichte gefallen mir in den Momenten, wo sie zaghaft und doch entschlossen sind, aber nicht dort, wo sie sich gewandt und selbstverständlich geben, auch ins Schwärmerische, Versüßende, abgleiten, wie z.B. in den Zeilen:

Wir lieben uns beim Taubensingen
blauer Gleichklang der frühen Stunden.

Dabei können sie bestechend sein, diese Gedichte, ganz ohne Darbietung, mit klarem Blick und einem Gespür für die Leere, in die die haltlose Erwartung kippt oder der schiere Moment. Und aufgefangen wird durch etwas sehr Feines, das vielleicht gar nicht abfängt, vielleicht gar nicht trägt.

Juncas, Scirpus und Luzula,
so heißen die Binsen von alters her,
klingen fremd und sind doch hier heimisch,
wo man gern um die Ecke denkt
und die Schwierigkeit sucht, statt sie zu über-
winden: Die Binse würde dabei helfen.

Sympathie ist kein Garant für Güte, aber in den meisten Fällen ein sicheres Indiz für eine gelungene Form der Vermittlung – nicht zu komplex und nicht zu simpel. Peter Engels Gedichte sind mir sympathisch. Nicht nur, weil sie einen lockeren und doch sehr filigranen Ton draufhaben, sondern mehr noch, weil darin sehr unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden. Mal muss der Fischfang als Metapher für den Schreibprozess herhalten, dann wird anhand der Binse über die urwüchsige Einfachheit meditiert, dann wiederum wird bloß ein vormittäglicher Zwischenfall geschildert.

In den drei Gedichten von Hendrik Rost steht die Zeit ein wenig still, obwohl sie vergeht; vergehen muss, denn ansonsten wären die zeitlosen Konstanten, auf die sich die Zeilen stützen wie auf Tischplatten, gar nicht denkbar, nur dann zeigt sich ihr Stillstand, ihr Bestand und ihre Beständigkeit. Die Ewigkeit, die Keats in seiner Nachtigall fand, findet Hendrik Rost in der Wirrnis, die sich mit Schmetterlingen und Flieder ergibt, im Gefühl des Morgens, der Neues bringt und doch nichts Neues, und in der hellen Sonne über allem.

ich wisch dich aus der fototapete. die sprache,
sie kam zwischen foto & dir. digtier ich dir das?
digtier ich das tier, das du auch einmal warst? […]
ich hab nur dein stündlein gepostet, als’s frisch war.

Eingeschüchtert frag ich mich, was hier vorgeht zwischen Gräten & festgehaltenen Momenten, wer schröpft hier und schert sich um wen, oder schar(r)t, meinetwegen mit Hufen, meinetwegen mit Flossen? Wogegen wird hier so vehement gewortet? Egal. Ich bin ein bisschen aufgeschmissen bei Carolin Callies Gedichten, kann letztlich nur das bizarre Aufkommen von schnalzenden Bildern und Formulierungen und das schunkelnde Weiterführen der Verswege genießen.

Matthias Kehles zwei Gedichte sind schöne, flapsig-anmutige, halb köstliche, halb knirschende Kurzweiligkeiten

Wie sie sich tief über den Tisch beugen, es ist als würden sich weiße Körperblüten über den Arbeitsflächen schließen. Ihre Augen, die sich bemühen, der alkoholischen Schärfe der Luft zu widerstehen, scheinen selbst zu Lampen zu werden, die die Strukturen ihrer Untersuchung beleuchten.

Sacht berührend und eindrücklich, nicht verhalten, aber auch nicht aufdringlich, schildert Andreas Louis Seyerlein seine Begegnungen und Beobachtungen im Präpariersaal der Münchener Anatomischen Anstalt. Studierende, die um gespendete Körper stehen, sie aufschneiden, sich mit ihren eigenen Ängsten und mit der leblosen und zugleich ungeheuer lebendigen Materie der entnommenen Organe auseinandersetzen. Ein besonderer, ungemein luzider Text; in seiner symbiotischen Beschaffenheit, die Sprache und Inhalt filigran vereint, eine Ausnahmeerscheinung.

Ferrer ist verbannt worden auf eine Insel, bei sich trägt er fast nichts, vor allem aber das Foto seiner Frau. Das neue Regime hat ihn hierher verbannt, damit er nicht mehr aufrührerisch walten kann. Er ist unruhig, weiß nicht was er mit sich anfangen soll und versucht irgendwie der Situation zu entgehen. Nicht durch eine Flucht von der Insel, sondern indem er seinen Bewachern die Macht über den Umgang mit seiner Lage entreißt. Er denkt daran, die Zeit auf der Insel als Zeit der Mäßigung und Besinnung zu nutzen, erkämpft sich kleine Freiheiten, spricht mit dem Bild seiner Frau. Aber er ist und bleibt, trotz aller Vorzüge, ein Gefangener. Und dieses Schicksal hervorzuheben, gelingt Said in seiner Erzählung „mit der zeit kehrt er zu sich zurück“ sehr gut.

Jörn Birkholzs kurzen Text „Spielerwechsel“ finde ich etwas zu undurchsichtig und uninspiriert; ein Schnellschuss, der meiner Ansicht nach danebengeht, bei dem der Treffer ausbleibt.

Ein enigmatisches Spiel mit Tod und Krähen, mit Meer, Fischen und Vater-Tochter-Unsicherheiten. In Constantin Göttferts kurzer Erzählung wechselt immer wieder die Belichtungsstufe – mal bewegt man sich im Zwielicht, mal erstrahlt ein Detail hell, dann wieder tappt selbst die Sprache kurz im Dunkeln. Wie bei einer cleveren Montage von Informationen spitzt sich scheinbar etwas zu, aber ob da etwas nur angespielt wird oder wirklich aufgeführt, das bleibt (zumindest mir) verborgen.

Schon wieder reckt einer ein Heft in die Höh. Den Durchschießungsbefehl für Burli. Den Aus-Schein. Hoch genug, fächelnd genug, alle sollen ihn sehen, sogar die Spitzen des Hochhauses, in dessen dritten Stock Burli wohnt, jetzt aus dem Fenster starrt, auf Heinz hinab, der, von Oberlehrer Grützner gesandt den Durchschießungsbefehl für Burli in den Wind hisst, um ihn von Papa unterschreiben zu lassen.

Manchmal fällt es schwer mitzukommen, obwohl (oder gerade weil) die Schuljungen-Nachkriegsatmosphäre in Adi Traars „Burli Baba“ so eindrucksvoll und intensitätszerhackt  inszeniert wird. Die Inszenierung ist tatsächlich fast das ganze Kunststück, denn eigentlich ist es eine relativ simple Geschichte von Wut und Neid, die erzählt wird, von Demütigung und Gewalt. Traar macht daraus eine Schilderung, die an einem vorbeirauscht wie ein leicht entzündlicher Bewusstseinsstrom, in dem man keine ruhige Minute hat.

Bei Ameisen gibt es meist einfache Hierarchien: es gibt Königinnen und Arbeiterinnen. Bei Menschen ist das etwas komplizierter, vor allem in der Pubertät, im Schulalltag. Da gibt es Streber, Geeks, beliebtere und unbeliebtere Mädchen und Jungen, coole Leute und weniger coole Leute, Neuankömmlinge und Skater, Brains und Möchtegerns, Mauerblümchen und Vollidioten – es gibt genug Hollywood-Highschool-Filme darüber und die meisten Leute machen ihre eigenen Erfahrungen auf den höheren Schulen.

Peter Zimmermanns Geschichte „Ameisen“ schlägt also in eine sehr alte Kerbe und ist dabei auch nicht besonders originell: ein Außenseiter zieht in die Schweiz und freundet sich mit einer Gruppe von lässigeren Kids an, die im Wald Lagerfeuer machen und saufen; dann gibt’s ein kleines moralisches Dilemma. Trotzdem ist es ein gut zu lesender, unterhaltsamer Text, dem man keine größeren technischen oder inhaltlichen Mängel nachsagen kann. Der Autor ist in seinen Ausführungen etwas zu sehr ums Unbeteiligtsein bemüht und eine etwas breitere Ausführung hätte dem Text sicher auch nicht geschadet.

[…] und weil man manche Geschichten nur kontrollieren kann, indem man sie tötet.

Eine Geschichte über unpraktische Leidenschaft. Über ein Treffen in einer Wohnung, ein Verlangen, das gestillt werden muss und sich gleichzeitig wie eine unschöne Pflicht anfühlt; dass die ganze Angelegenheit so etwas wie eine verbotene Liebschaft ist, macht das Ganze nicht besser, nur ein bisschen banaler, aber nicht banal genug. Katharina Körtings Text zerrt an den Nerven und ist deswegen eine gelungene Darstellung der Dinge, die sich in einem Körper abspielen, der sich mit seinem denkenden Anteil, der viel Widersinniges ertragen muss, im Widerstreit befindet.

Luka Lebens Muttersprache ist ein kleines Text-Juwel über Mütter und Kinder, Verantwortung und Abschied, das ich sehr gern gelesen habe.

Der Dummkopf ist also kein Muttersprachler der Wirklichkeit. Er spricht von ihr nicht nur in Phrasen, er erlebt sie auch in Phrasen.

In seinem Essay nimmt uns Wolfgang Denkel mit auf eine kurze Reise durch die Geistes-Geschichte der Dummheit. Er hat allerlei Zitate bei der Hand und auch an Weisheiten und Schlüssen fehlt es nicht; man wird sowohl unterhalten als auch inspiriert. Der Text ist keine erschöpfende Erörterung, mehr ein Nägel-mit-Köpfen-machen, das den Spiegel für die eigene Dummheit wieder ordentlich an der Wand befestigt, sodass sie mal wieder begutachtet werden kann.

Jörg Wolfradt erinnert anlässlich des 125ten Geburtstags an den Erzähler-Aufsatz von Walter Benjamin und dessen bis heute wegweisende Botschaft.

Benjamins Erzähler-Aufsatz liegt eine Einsicht zugrunde, die Licht wirft auf ein wesentliches Moment unserer modernen Welt: Wissen und Erfahrung verweisen nicht mehr aufeinander, kommen im Menschen nicht mehr zur Deckung.

Herausgeber Christian Lorenz Müller interviewt den Fotografen Johannes Seyerlein (Bruder des gleichnamigen Autors in dieser Ausgabe), der die fotographischen Illustrationen für die Ausgabe lieferte, die immer wieder zwischen den Texten platziert sind – sie zeigen allesamt Motive aus Waldgegenden. Das Gespräch ist etwas unergiebig, es kommt wenig dabei herum.

Es folgen noch Rezensionen zu Büchern von Ida Simons, Sofia Andruchowytsch und Elke Laznia.

Fazit: Ausgabe 36 weiß in vielerlei Hinsicht zu punkten und zu überzeugen. Alle Mängel, die ich anführen könnte, würden sich in Geschmacksurteilen erschöpfen und die sind bekanntlich nicht der Weisheit letzter Schluss oder sagen viel über die Güte eines Textes aus. Also: gern gelesen!

 

Anmerkung der Redaktion: Alle beteiligten Autor_innen, zu denen wir einen sinnvollen Pfad gefunden haben, sind verlinkt.

Christine Langer (Hg.) · Christian Lorenz Müller (Hg.)
konzepte 36 / 2017 - Zeitschrift für Literatur
Bundesverband junger Autoren e.V.
2017 · 12,00 Euro
ISBN:
0179-0676

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