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Kritik

Die Lakonie des Abends

Hamburg

Der Lyrikband Heroines from abroad ist ein Sammelstatement. Unterschiedliche Texte in unterschiedlichen Umbrüchen, ohne Kapitelzäsur oder Gruppierungen fließen mit ihrer englischen Übersetzung zwischen den Umschlagdeckeln hintereinander her. Gemeinsam ist ihnen ein durchweg überraschender, geheimnisvoller Tonfall, bei dem man sich nie sicher sein kann, wohin er ausschlägt. In eher vertrautes Terrain, das etwas abgegrast aussieht, oder aber verblüffendes, unübersichtliches Neuland. Jeweils stark werden die Gedichte, welche insgesamt aus einer offensichtlich langen Entstehungsspanne stammen, wenn sie sich knapp fassen und sich eine gewisse "Aggressivität" überziehen, die entgegen ihrer ansonsten oft introspektiven, manchmal ins Harmlose driftenden Ich-Zwiesprache steht. Dann haben die Zeilen "Recht" und man nimmt ihnen ihre Dringlichkeit ab und ihre Form und das unbedingte Zusammenspiel von Form und Inhalt.

Zwischen Fellbesteigung und Marderloch
graben wir knurrend die gebleckten Zähne
uns ins Fleisch. Drüben schiebt eine Rakete
sich in den Mond, aufgerissene Häute hängen
seitwärts zu Boden, wir sagen nichts und
tun so als sähen wir und verstünden ohne
Worte. Im Schlaf hören wir die Trommeln.

[...]

Die Übersetzungen – denn für den englischen Markt, bei Carcanet Press, ist ja der Band interessanterweise entstanden – sind solide, bisweilen etwas brav geraten. Sie vermeiden einen übersetzerischen Dialog und genügen sich im wagnislosen Herüberschiffen. Die Enigmatik nehmen sie in jedem Fall mit und spannend wäre es, den muttersprachlichen Erstkontakt zu den Poems mitzubekommen.

Christine Marendons Gedichte wirken, besonders am Anfang, wie eine Behauptungssammlung, die nicht das lyrische Gestalten und Erleben suchen, sondern die (philosophische) Feststellung priorisieren. Dies kann sich gedeckelt lesen und unzweideutig, zudem ohne die der Lyrik gut zu Gesichte stehenden Offenheit. Doch mit fortfahrender Dauer wandelt sich der Band in das angesprochenen "terrain vague". Es kommt mithilfe der Unmittelbarkeit des Erlebens und der sprachlichen Arbeit ohne Behaupten zusehends in Sicht. Hier wird es spannend, hier erhält Marendons Vorliebe zum assoziativen Bildschnitt und pointenlosen cut statt fade-out viel guten Raum. Die häufig botan inspirierten lyrischen Landschaften nehmen Fahrt und Schärfe auf.

SUCHE

Milchschalen im Regen. Nasser Kaninchenkopf.
Da geht einer durch Wiesen, mit hochgekrempelten
Hosen. Eulenwerg. Nebelbänke. Alles auf Hügeln.
Krähen in niedergedrücktem Gras. Tropfende Tücher.
Ein Blick. Da liegt mein Mund im Schilf. Und dort.
Mein Atem auf dem See. Ein Wellenschlag und bin
nicht ich. Der Ort. Die Dachschindeln. War ein
vergessener Tag. Dort am Rand. Wo die Schwärze
wohnt. Dort im Tal. Am Ende steht das Tor. Hölzerne
Stiefel. Spiegel des Wassers zwischen den Lippen. Still.
Kommt die Flut. Sinken die Steine. Wald in der Hand.
Und ein Schlag. Schlägt das Wort. Weiß der Vogel.
Weiß die Feder. Du. Zitternder Fisch. Schnürender Fuchs.

Ein Landmarke ist Heroines from abroad von Christine Marendon als eigenständige Publikation, nach diversen Zeitschriften- und Anthologiebeteiligungen vom Jahrbuch der Lyrik über manuskripte bis konzepte, mit einer ihrerseits ungewöhnlichen Veröffentlichungsstrategie. Ob es nach der Zusammenarbeit mit Übersetzer Ken Cockburn weitere Veröffentlichungen bevorzugt abroad geben wird, statt in hiesiger Bandlandschaft, bleibt offen. Und auch die Rezeption in beiden Sprachwelten dürfte nicht uninteressant zu verfolgen sein.

ÜBERGANG

Der Zug überquerte den Fluss
und seine Adern. Felder zogen vorüber
Steine leuchteten in den Rillen.
Schotter der Weg, auf dem wir fuhren.
Verlässliche Stromleitungen, verirrte
Zeilen in der Luft. Bäume legten Früchte
wie gefallene Blätter ins Gras. Der Zug
fuhr verspätet aufs Land.

Die Ankunft, ungewiss bis zuletzt
verkündeten Vögel, die der Wind
gegen die Scheiben warf.

Christine Marendon
Heroines from abroad
Übersetzung:
Ken Cockburn
Carcanet Press
2018 · 112 Seiten · 11,69 Euro
ISBN:
978 1 784106 30 0

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