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Kritik

Narren im Melonenfeld

Hamburg

Christine Wunnicke ist eine der durch das Publikum immer noch unterbewerteten Schriftstellerinnen deutscher Sprache. Die studierte Linguistin, Altgermanistin und Psychologin aus München hat es zweimal auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft, mit Romanen, die zwar viel Beachtung in Kritikerkreisen fanden, denen der ganz große Durchbruch bei der Leserschaft bisher aber versagt geblieben ist. Sie ist nicht das, was man im mitunter lärmenden Literaturbetrieb eine topmodische Erzählerin nennen würde; gleichwohl passt das Label "konservativ" genausowenig auf sie. Eleganz, Haltung und unaufgeregte Gescheitheit prägen ihren Stil, der von einer feinen ironischen Note getragen wird. Vielleicht, und das wäre zu wünschen, wird sich ihre Rezeption ja gerade in unseren aktuell coronabedingt hypernervösen Zeiten verstetigen. Der Geist braucht schließlich eine fruchtbare Auseinandersetzung mit dem Differenzierten, Komplexen, wenn das tägliche Handeln schon von Schnellschüssen und markigen Maßnahmen geprägt ist (und vielleicht krisenbedingt sogar geprägt sein muss). Dass das keine bierernste Veranstaltung, sondern eine feinsinnige interkulturelle Einlassung sein kann, beweist die Neuauflage ihrer kleinen Novelle "Nagasaki, ca. 1642", die bereits vor zehn Jahren bei der zwischenzeitlich erloschenen Züricher edition epoca erschien und nun bei Wunnickes aktuellem Verlag, Berenberg in Berlin, erneut herausgekommen ist. Berenberg hat bekanntermaßen eine Aversion gegen Dickleibig-Weitschweifiges, das nicht auf den Punkt kommt. Christine Wunnicke, deren Werk für das genaue Gegenteil steht, scheint hier als Autorin also sehr gut aufgehoben zu sein.

Das gerade einmal 112 Seiten umfassende Buch war seinerzeit Wunnickes erste literarische Beschäftigung mit Japan, fünf Jahre bevor ihr Roman "Der Fuchs und Dr. Shimamura" erschien. Die Form der Novelle, die ja laut goetheanischem Dafürhalten eine "unerhörte Begebenheit" transportieren soll, bietet sich in der Tat für den Stoff an.

Auf der künstlichen Insel Deshima bei Nagasaki, wo die niederländische Ostindienkompanie einen wenig erfolgreichen Handelsstützpunkt betreibt ("Alle Waren waren verkauft, wie immer ohne Gewinn. Japonica, sagte der Kapitän, ist nichts als eine Bußübung"), landet eines Tages Abel van Rheenen, blutjunges Sprachtalent und krasser Außenseiter unter den heimatlichen Seeleuten des Dreimasters "Middelburg" an. Seine aus zweiter Hand erhaltenen sprachlichen Grundkenntnisse des Japanischen erfahren nach anfänglichen erheiternden Missverständnissen durch den alternden Samurai Seki Keijiro, der als Hafenkommandant für die Überwachung der fremden Handelsherren zuständig ist, eine deutliche Aufwertung. Zwischen beiden entsteht eine vielschichtige Beziehung, die von Abels Neugier auf Keijiro und die "japanische Seele" einerseits und einer alten Rechnung Keijiros mit den "Orandesen", wie die Niederländer auf "japonesisch" bezeichnet werden, andererseits geprägt erscheint. In seiner kriegerischen Jugend war der Samurai nämlich Kampfgefährte und Liebhaber des schönen Jünglings Kurihara Yuudai gewesen, den eine Fehlzündung einer orandesischen Kanone das irdische Leben gekostet hatte, ohne dass Keijiro ihn hätte retten können. Er sieht in Abel, dem Sohn eines der Kompaniebesitzer, das Subjekt seiner "Rache bis ins letzte Glied". Sein Tod soll Keijiro von den geisterhaften Erscheinungen Yuudais, die ihn seither verfolgen, befreien und diesem die Möglichkeit einer Wiedergeburt geben. Doch auch der ehemalige Krieger ist fasziniert von dem linkischen und lernbegierigen Abel, es kommt gar zu homoerotischen Handlungen zwischen beiden. Das erstaunliche Ende sei hier nicht verraten.

In Wunnickes amüsant zu lesender Novelle steckt eine kundige und gehaltvolle Auseinandersetzung mit der erwartungsgemäß nicht reibungsfrei vonstatten gehenden Begegnung zweier Kulturen, die in Denken und Fühlen kaum gegensätzlicher sein könnten. Der japonesisch-orandesische culture clash führt eindrucksvoll vor, wie sehr das Medium Sprache dabei Ausdruck für diese unterschiedlichen Eigen- und Weltwahrnehmungen sind. Das fängt bei zahllosen Missverständnissen van Rheenens an, dem etwa zunächst nicht klar ist, dass der japanische Familienname vor dem Rufnamen steht, die Anrede "Herr Keijiro" von seinem Träger daher als grob unhöflich empfunden werden muss; umgekehrt ist die Hochnäsigkeit des Samurais a.D. den Europäern gegenüber allgegenwärtig, wenn er etwa über "das halskranke Geschnaube der elenden Orandesen" sinniert oder er sich bei der Einschätzung van Rheenens an das japanische Lied vom Narren im Melonenfeld erinnert fühlt, der alles über Melonen weiß und deswegen vielleicht doch zu etwas taugen könnte. Der gegenseitigen Wesenserkundung, unweigerlich verbunden mit einer Entdeckung der jeweils dahinter stehenden Kultur, spürt Wunnickes Novelle lustvoll und kenntnisreich nach.

Bizarr und faszinierend muten dabei die phantastischen Auftritte des verstorbenen Kriegers Kurihara Yuudai an, "der halb in der geschlossenen Tür stand und halb im Haus, in der Rüstung, in Helm und Maske, ein Schemen, in die stille Luft gemalt wie mit stark verdünnter Wasserfarbe." Diese Sequenz markiert den novellentypischen Wendepunkt genau auf halber Textdistanz und wird zum Auslöser des weiteren Geschehens. Als nicht weniger bizarr und mitunter an die Kriegsverherrlichungen der Futuristen erinnernd (wenn auch ungleich poetischer) erscheint die dokumentierte Ästhetik der Verwundung, welcher der lebende und der tote Samurai anhängen: "'Ein sauberer Schnitt ist immer schön', erklärte Yuudai, 'da kann man sagen, was man will. Und wenn viele sterben, bilden sie Formen. Achte einmal darauf. Sie werden wie Hügel und Täler, und ihre Waffen stehen zu Berge in seltsamen Winkeln, wie alte Grabstelen in altem Grund.'"

Wunnicke konfrontiert ihre Leserschaft so mit dem Fremden, dass zwar Analogien zu nachvollziehbaren Details des eigenen Kulturraums möglich sind, dass das Fremde aber letztlich als unentschlüsselbar stehen bleibt. Die Beweggründe des Handelns, das Streben und die Urängste anderer Zivilisationen mögen auf der zu erlernenden Matrix ihrer eigenen Erlebenswelt verstehbar erscheinen - unser empathisches Zentrum erreichen sie dabei vielleicht nie. Dennoch bleiben sie, zumindest im Falle von "Nagasaki, ca. 1642" ein Rätsel, mit dem wir uns als Lesende, von Christine Wunnickes kundiger Schreibhand geführt, immer aufs Neue beschäftigen wollen.

Christine Wunnicke
Nagasaki, ca. 1642
Berenberg Verlag
2020 · 112 Seiten · 14,00 Euro
ISBN:
978-3-946334-70-5

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