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Kritik

"und" als wichtigstes Wort

Hamburg

Der Wiener Autorin Christl Greller, die neben ihrem erzählerischen Werk über die Jahre bisher sechs Gedichtbände vorgelegt hat, ist mit "und fließt die zeit wie wasser wie wort" im vergangenen Jahr wieder ein Buch gelungen, dessen versammelte lyrische Texte in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert wirken. In der kleinen und engagierten "edition lex liszt 12" aus dem burgenländischen Oberwart erschienen, präsentiert sich der etwas über hundert Seiten starke Band als anspruchsvoll gestaltete Klappenbroschur mit einem Titelmotiv sowie fünf ganzseitigen Zeichnungen der bekannten Buchkünstlerin Angelika Kaufmann.

Christl Grellers neues Werk nimmt bereits im Titel das wichtigste Wort dieses Buches auf, welches auch im vorangestellten Motto der Autorin Marie-Thérèse Kerschbaumer eine herausragende Stellung einnimmt; es ist, ganz analog zu der Vorstellung von Unabreißbarem, Verbundenem, welche die Leserschaft aus dem Bild des Fließens von Zeit, Wasser und Wort assoziativ ableiten kann, eine Bindewort: "und". Damit schlingt Greller vielfältige Themenkreise zusammen: in ihren Gedichten geht es um Natur und Großstadt, um den Kosmos und das Ich, das Leben, das Alter und den Tod, es geht mitunter um das Schreiben und am Rande auch einmal um Politisches, "feinsinnig und aufmerksam und immer wieder für eine Überraschung gut", wie ihr der Kollege Rudolf Kraus in seinem Nachwort attestiert. Das klingt nun freilich, als gebe sich die Dichterin mit nicht weniger als allem zufrieden und wirft die Frage auf, ob ein solcher Ansatz nicht konzeptionell bereits das Scheitern in sich trägt. Doch erscheint das einzelne Gedicht eher wie eine aus dem Strom geschöpfte Handvoll Wasser, ein geronnener Augenblick Welt und Ich und Zeit und Rückblick; es lässt zu keiner Zeit den Verdacht aufkommen, dass sich hier ein dichtendes Subjekt an seinem eigenen Schreibanspruch verhebt, und nur sehr selten einmal ergeben sich dabei wahrnehmbare Redundanzen.

Die Vielzahl der Sujets hätte sich sicher auch in einzelne Kapitel unterteilen lassen. Doch Greller bleibt dem Bindewortcharakter ihrer Texte auch darin treu und lässt die einzelnen Gedichte als lockeres Band an ihrer Leserschaft vorbei ziehen: das "und" ist dabei nicht nur ein Aufzählen, ein schlichtes Aneinanderreihen ohne unmittelbaren inneren Zusammenhang, sondern auch ein das Besondere des Einzelnen Heraushebendes. Es setzt oft irgendwo im Leben an und lässt ein Geschehen kristallisieren wie in dem anrührenden Text

"nach dem tod meiner mutter // und fand ihr nachthemd in der wäsche, die / zu waschen ich richtete. / türkisfarben war es und leicht, / zwei-, dreimal getragen. / und presste ich mein gesicht hinein. // da war nicht duft, war: geruch. / es roch nach ihr, so / mütterlich nach ihr, so / süß und sehnsuchtsvoll nach ihr und vertraut / - wie arme, die tröstlich umfangen, / so schmerzhaft innig / von fern."

Das Todesmotiv, das sich bei ihr auch schon einmal mit freundlichen Erfahrungen verbinden kann, ist nur ein Beispiel, wie Greller es versteht, integrierend negative und positive Konnotationen bei ihrer Leserschaft auszulösen, etwa wenn sie den Schlaf einer "kurze[n] nacht" charakterisiert:

"[...] der körper / aufgebahrt im wohlig-weißen. / weltendämpfung, / schutzzone [...]"

Ähnlich, hier allerdings über einzelne Texte hinweg, verhält es sich etwa mit dem Topos des Fremdseins, welchen sie einmal als eine Art Komik des Erleidens im Gedicht "fremdenzimmer" verhandelt, in welchem "die wand nur gips und dünn" ist und dem schlafsuchenden Subjekt "körper auf körper unter körper neben körper / gestöhnt geseufzt geschrien" eine "detailgenaue vorstellung, nachtlang" von nebenan Stattfindendem aufoktroyieren, um die es nicht gebeten hat, ein anderes Mal als ernsthafte, existenzbedrohende Erfahrung für eine Schriftstellerin:

"[...] nester / konnte ich bauen, wohnte / in worten. / nun der zerfall, und greife ins leere. / bin eine fremde / im eigenen text."

Auch hier wieder auffallend die Funktion des "und", diesmal quasi als grammatikalisches Substitut für das lyrische Ich, das in Auflösung erscheint, sich nur noch im Rückblick auf Vergangenes zu konstituieren in der Lage ist. Auch an vielen anderen Stellen kommt dem "und" eine jeweils eigene sprachliche Aufgabe zu, die über die nackte Funktionalität als Bindewort hinausgeht, so etwa in dem Gedicht "mein mehrfach-ich", welches das Subjekt nicht in eine klassisch-freudsche Ich-/Es-/Über-Ich-Beziehung setzt, sondern als aus einer Art von multiplen Gleichberechtigten zusammengesetzt erscheinen lässt:

"sie und ich. / und leben zusammen, obwohl / (immer noch) auch fremd. / weiß nicht viel über sie, nicht mal / ob es zwei sind, eine, gar drei. / und beobachte sie wie durch türspalt / (eine stalkerin) - / will deuten ihr verhalten, schlüsse ziehen. / ob auch sie vielleicht / mich ausspähen, beschatten, studieren - [...]"

Eine Ausnahme in Sachen der konstatierten Kapitelabstinenz macht der ganz ans Ende gestellte Zyklus "GESICHTER ()EINER STADT", der zwölf Gedichte über Wien, den jeweiligen Monaten zugeordnet, vorstellt. Hier zieht Christl Greller noch einmal alle Register ihres lyrischen Könnens - eine haargenaue Beobachtung nicht einfach für sich stehen zu lassen, sondern sie einzubetten in ihre motivische und syntaktische Gestaltung, wobei dem meist unbetonten "und" immer wieder auch eine nicht zu unterschätzende rhythmische Komponente innewohnt:

"wienMÄRZ // die scharfe nase des leopoldsberges - / grauer fels zwischen / blattlosen bäumen. / und stürzt herab zu / fließverkehr, flussverkehr. / der graue strom. und schiebt mit langsamer geste / lastkähne vorbei. / darüber / mitten am steilhang / ein weiß blühender strauch, / überschäumend vor / frühling."

Zu würdigen und in den Kontext der Grellerschen Gedichte zu stellen sind auf jeden Fall auch die erwähnten Zeichnungen Angelika Kaufmanns, die deutlich mehr sind als nur Illustrationen - sie wirken wie eine Korrespondenz, weniger zu bestimmten einzelnen Gedichten als vielmehr zum Gesamtgefüge des Bandes. Zwischen handschriftartigen Fließ- und Flächentexturen bieten sich den Betrachtenden Ausblicke auf urbane, architektonische und landschaftliche Details; Kaufmann konstatiert Welt als Fundament für die poetische Setzung der Dichterin. Bei aller formenden Ausgestaltung bildet das Konkrete des Wahrnehmbaren so stets das Rückgrat sowohl der schreibenden als auch der zeichnenden Künstlerin.

Christl Greller
und fließt die zeit wie wasser wie wort
edition lex liszt 12
2019 · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-99016-145-6

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