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Kritik

Ein Jahrbuch ist ein Jahrbuch ist ein Jahrbuch

Das Jahrbuch für Lyrik 2017 wartet mit einer starken Ausgewogenheit auf
Hamburg

Ob das Jahrbuch der Lyrik die neuesten poetischen Entwicklungen des letzten Jahres im gesamten deutschsprachigen Raum umreißt, so wie es etwa im Deutschlandfunk behauptete wurde, sei an dieser Stelle durchaus zu bezweifeln. Das grundsätzliche Problem von Anthologien oder Jahrbüchern liegt in der Tatsache, dass sie meist (natürlich nicht immer!) Gedichte aus der zweiten Reihe versammeln, solche, von denen ich immer denke, sie seien zu unausgegoren, um in einem Einzelband abgedruckt zu werden, von den Autor*innen absichtlich im Off gehalten, damit sie irgendwie und zu einem späteren Zeitpunkt ihren Weg aufs Papier finden.

Dass ich ab und an eines Besseren belehrt werde, spricht für den Enthusiasmus und Idealismus, mit dem – vor allem in Deutschland – die Förderung von zeitgenössischer Lyrik betrieben wird. Dies ist auch zugleich der größte Kritikpunkt am diesjährigen Jahrbuch für Lyrik: repräsentativ für den gesamten deutschsprachigen Raum ist sie nicht! Dafür ist die Auswahl an Österreichischen, Schweizer oder gar Südtiroler Autor*innen zu mager. Diesen Anspruch hat diese Anthologie aber auch nicht. Ihre Stärke liegt vor allem in der Vereinigung bereits etablierter Größen wie Jan Wagner, Herta Müller, Uljana Wolf, Ilma Rakusa oder Friederike Mayröcker mit Autor*innen der jüngeren Generation, deren Stimmen unbedingt gehört gehören. Eine wahre Freude obendrauf, im vierten Kapitel Mein Liebchen, schlopst du? Übersetzungen aus dem Spanischen, Englischen, Georgischen oder Sorbischen zu lesen. Der größte Dank gehört den beiden Herausgeber*innen, Ulrike Almut Sandig und Christoph Buchwald: Die Ausgewogenheit dieser Sammlung verdanken wir nicht zuletzt ihrer genauen Lektüre, die diese Gedichte zu einem äußerst nachvollziehbaren Geflecht machen, durch das man sich gut und gerne durchschlägt. Dabei sind die Texte größtenteils derart schön auf einander abgestimmt, dass man fast gewillt ist, die Namen darüber zu schwärzen und sich dem reinen Text zu übergeben. Zwar gehen die Verknüpfungen nicht immer auf (wie etwa im Kapitel völkerball, das sich vor allem gegen Ende hin etwas erschöpft), aber im Ganzen dominiert eine Ausgewogenheit, die ich so zuletzt nur in der Lyrik im Anthropozän-Anthologie las. Das einstimmige Lob für die farbigen Seiten mit Bildgedichten und pseudoexperimentellen Ansätzen kann ich jedoch bei bestem Willen nicht nachvollziehen: Außer bei den Bildtexten von Uljana Wolf, dem Fragment von Friederike Mayröcker und dem Bildgedicht von Thomas Havlik dominieren hier Stümperhaftigkeit und mangelndes Bewusstsein für die Form, die solche Konstruktionen bedürfen. Grundsätzlich (doch noch eine Kritik!) zeigen die Herausgeber*innen ein eher dürftiges Interesse an experimentellen Formen. Hier wären junge Stimmen wie Jopa Jotakin aus Wien oder Größen wie Gerhard Rühm sicherlich eine Bereicherung für den Band gewesen.

Nichtsdestotrotz: ein äußerst gelungenes Jahrbuch, in dem vor allem Gedichte von Tristan Marquardt, Özlem Özgül Dündar, Dieter Schönecker, Jan Skudlarek, Yevgeniy Breyger, Alexandru Bulucz, Kenah Cusanit, Ulf Stolterfoht, Judith Hennemann und Jan Kuhlbrodt hervorzuheben sind. Ein Gedicht jedoch sticht in dieser Sammlung besonders hervor, dessen einwandfreies Handwerk dem hier bearbeiteten Thema eine Tiefe und Ernsthaftigkeit verleiht, die ihresgleichen sucht: Dagmara Kraus´ deutschyzno moja.

„aber was soll ein gedicht mit den millionen
flüchtigen wörtern nur anfangen
es könnte mit ihnen kickern gehen
schlägts kickern vor
sie einladen zu bier, püree und kohlrouladen
oder mal ne reise machen an ein schönes wort
und ihnen die gegend zeigend, gegend
es könnte millionen wörter einfach schweigen
und müsste jetzt nicht gründeln, mörtel, münze
wrack und wub erleiden, schlackern, lecker
mords- und mergel – wiesz
es könnte wieder flippern wie am rastplatz
weil die zeit lang wird
und mit der tinka auffe kirmes gehen
sich in die zukunft sehen lassen
vom pinken clafoutisschafott im pelz
es könnte schützenfest und adlerschuss verpassen
und an der lippe laufen, wo die mimik hüpft
dann an frühen winkelwasser
in schnöden reimen kurz verschnaufen
auch könntes doch ins olle haus
das haus am halben mond liehen
und herrn fallmann hin und wieder
den fadengang von buche andiktieren
(er muss ihn immer mit zwei fingern nachfahren)
dabei könntes aus dem kickern ´s kern
und all den kiciuskitsch entfernen
und stattdessen andere wörter weiden
vielleicht fremde wörter heimen
raffig, diese flüchtigen, mehrwabigen
die völkerball in föderalen hallen spielen
– aber millionen
abermillionnen 
doch bleibts bloß ein kern am kitsch
beim kern am kitsch“

(Dagmara Kraus: deutschyzno moja)

Christoph Buchwald (Hg.) · Ulrike Almut Sandig (Hg.)
Jahrbuch der Lyrik 2017
Schöffling & Co
2017 · 232 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-89561-680-8

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