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Artichoke #17
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Artichoke #17
Kritik

Stille und Blick und Fließen

Christoph Leisten nimmt (unter anderem) Aufenthalt im Grand Hotel Tazi in Marrakesch.
Hamburg

Schon mit der ersten Zeile des ersten Gedichts nahm mich Christoph Leisten für sich und seine Gedichte, seinen Aufenthalt im Grand Hotel Tazi in Marrakesch, seinen Blick und seine Wahrnehmung ein: „DAS GEDICHT ist ein bewohnbares/zimmer“. Ja, so habe ich das noch nie gesehen, aber jetzt: habe ich es gelernt. Aber dieses Zimmer ist eben nicht (nur) ein Zimmer im konkreten Sinn (von konkreten Räumen spricht Leisten immer wieder, ein verkörperter Geist in Räumen):  „du musst es selber finden, das zimmer./der schlüssel liegt in der rezeption“ – reitet das letzte Wort zu stark auf der Doppeldeutigkeit herum, dass das Gedicht halt gelesen werden muss und zugleich: dass das Du, aufenthaltnehmend im Hotel Tazi, den Schlüssel für sein Zimmer dort finde? Überhaupt nicht. Anwesenheit und Lesen bleiben durch das ___STEADY_PAYWALL___Wort „Rezeption“ eng verbunden.   

Das Hotel Tazi (das mich eigentlich nicht besonders interessiert, seine einst mondäne Geschichte, die jetzt aber irgendwie, wenn ich es recht verstehe, doch in eine etwas verlotterte Gegenwart mündet) ist für Leisten (und er kann mich davon überzeugen, dass das eine gute Sicht ist) eine Heterotopie, so der Titel eines Gedichts, das sich vielleicht als eines der Zentren des schmalen Bandes sehen lässt. Leisten nimmt in seiner Nachbemerkung (dazu gleich noch mehr) Foucaults Begriff der Heterotopie(n) auf. Dieses Konzept stehe für „jene Orte, die sich den vorgegebenen Ordnungsprinzipien einer Gesellschaft tendenziell entziehen und nach autonomen, oftmals hochkomplexen und von außen kaum durchschaubaren Regeln funktionieren“. Das wieder gemahnt daran, dass es deutlich mehr solcher Orte gibt als man glaubt (Individuen sind selbst heterotop). Und in diese Orte sind wieder Heterotopien hineingeschachtelt, auch daran erinnert Leisten: „und was heißt bewohnbar …. jenseits der wohlbepflanzten Gärten“.  

Das für mich Spannende an Leistens Gedichten und was mich immer wieder interessiert(e), das ist diese Art der Wahrnehmung, hinter deren Grundlage ich immer noch nicht recht komme – muss ich aber auch nicht. Wie Michael Hamburger bemerkte: poems know better, dann lassen wir diese schönen Gedichte einfach Besserwisser sein. Aber ich muss gestehen, dass mich Leistens Wahrnehmung(sfähigkeit) etwas neidisch macht. Wie kriegt der das so gesehen? „dass gassen jetzt still verschleiern“, Leisten sieht Szenen, Sinnessplitter, Szenen voller Stille, geschrieben in einem ruhigen Fließen. Dabei ist er aber auch oft in seinem Kopf oder besser ganz bei der Sache, aufmerksam auf Geräusche und sein Kopfsummen selbst zugleich: „erinnerungen/flimmern auf, schritte und dielen,//gewundene stiegen, ein rausch in der luft/, wie war noch das knarzen// im holz“. Oder es wird einfach nur die „gischt“ beschrieben: „als denkbar flüchtigster moment einer schönheit/weit drüben am meer, wo unterm wind die lüfte// und wasser einander verrauschen für einen/augenblick, sprudelndes standbild organischer//fülle“.

Ist dieser Blick beiläufig wie ein etwas blödes Adjektiv lautet? Nein. Eher genau, in der Sache gegenwärtig und zugleich leicht distanziert. Es ist ein Blick, der immer wieder Räume, Gegenstände in Räumen in den Blick nimmt. Da wundert es nicht, dass mehrfach Betten auftauchen: „am morgen aber/sind die laken zerwühlt, man/denkt sich geschichten aus“, in einem anderen Gedicht heißt es: „jenseits des fadenscheins im überwurf/auf deinem bett, wenn am morgen/die falten glattgezogen, die spuren/des schlafes beseitigt“, und in einem dritten wird die „zerschlafene wäsche“ wahrgenommen: das Aufwachen also, im Zimmer sein, vielleicht irgendetwas Alltagsvertrödelndes tun und dann sehen, was da ist, eben mit das Alltäglichste, was man so braucht: ein Bett.  

Auch ein Raum ist das Sterben: „oder zur frage,/was kommt: ein letztes atmen,//windhauch, dann nichts./du bist/schon anderswo.“ Und dann ist dieser Blick einer, der mal ins Nahe geht, dann, vielleicht durchs Fenster vom Nahen ins Ferne. Über das Hotel des amis heißt es da: „es ist der abgelebte glanz, der uns hier-/bleiben lässt, die risse verstaubter/fayencen. am abend kommen/die dinge nah, das blätternde blau/des fensterrahmens, provisorien/eines aufenthalts, weit draußen das meer.“

Es könnte lästig scheinen, dass ein Gedichtband mit einer – ja: irgendwie: erläuternden Nachbemerkung endet. Müssen Gedichte ‚erläutert‘ werden, tragen sie sich dann selbst? Doch die Nachbemerkung bessert nicht nach, dieser Text verortet, vertieft, erklärt, erläutert und bietet einfach eine Grundlage, einen Untergrund vielleicht, der sich mit den Gedichten selbst verwebt.

Ich habe hier nur über wenige Gedichte und wenige Eindrücke geschrieben; wer möchte, wird aber in diesen zurückhaltenden Wahrnehmungen und Notaten noch viel mehr sehen können als das, was ich sah.

Christoph Leisten
grand hotel tazi
Rimbaud Verlag
2020 · 44 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-89086-220-0

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