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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
Kritik

Ums Ganze

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Das Gespenst geht immer noch um, um und um, rund um unseren Planeten. Das Gespenst der radikalen Veränderung hin zu wahrhaftig freien, umfassend menschlichen Zuständen des gesellschaftlichen Seins. Drei Philosophinnen, Cinzia Arruza, Tithi Bhattacharya und Nancy Fraser haben 2018 das Manifest „Feminismus für die 99 %“ verfasst. Es umfasst ein kurzes Vorwort, elf Thesen und ein nachdenkliches, differenziert argumentierendes Nachwort.

Die Autorinnen weiten den klassischen Begriff der Arbeiterklasse auf

[…] Milliarden von Frauen, Einwanderer(n) und people of color […] (S. 106)

aus. In erfrischender Deutlichkeit benennt das Manifest die strukturelle Ursache der misslichen Lage nicht nur von Frauen, sondern zahlreicher gesellschaftlich marginalisierter Gruppen. Deshalb

[…] beabsichtigen wir, die wirkliche Ursache der Krise und des Elends zu bestimmen und frontal anzugreifen, nämlich den Kapitalismus. (S. 29)

Das ist nun keine überraschend neue Erkenntnis und in ihrer Allgemeinheit noch längst kein Aufbruch zu neuen Ufern. Wir nennen die gegenwärtige Organisation der Produktion von Waren und Dienstleitungen, die Formation einer Gesellschaft, die Ungerechtigkeit gegenüber Frauen, Auszubildenden, Alten und zahlreichen Subgruppen nicht nur einfach einschließt, sondern in der Argumentation der Autorinnen als Bedingung der Möglichkeit von Ausbeutung und Akkumulation von Kapital in Händen weniger voraussetzt, Kapitalismus.

Ein besonderes Gewicht legen die Autorinnen auf den Bereich der gesellschaftlichen Reproduktion, die Anstrengungen zur Schaffung von neuen Arbeitskräften, ihre Entstehung, Betreuung während des Heranwachsens, ihre Erziehung, Ausbildung usw. benennen sie mit dem seltsamen Terminus des „Menschenmachens“ im Gegensatz zum „Plusmachen“ im Interesse der 1 % Kapitaleigner. Da die genannten Aufgaben überwiegend immer noch in weiblicher Hand liegen, lautet die fünfte These des Manifests:

In kapitalistischen Gesellschaften wurzelt die Geschlechterunterdrückung in der Unterordnung der gesellschaftlichen Reproduktion unter die gewinnorientierte Produktion. Wir wollen dieses Verhältnis vom Kopf auf die Füße stellen.

Wir konstatieren in der Bundesrepublik zurzeit ein Versagen in der Planung der Ausbildung von Grundschullehrern, die in dem gesamtgesellschaftlich reichen Land, dass sich enorme Ausweitung von Ausgaben für das Militärwesen erlaubt, zu einer Kette von Notlösungen führt, die Notstände in unserer Elementarbildung überbrücken sollen. Ein weiterer Notstand ist in der Versorgung alter, der Hilfe bedürftiger Menschen festzustellen, deren Zahl in der schnell alternden Gesellschaft rasch zunimmt. Der derzeitige Gesundheitsminister versucht, fehlendes Personal aus sich entwickelnden Ländern, z. B. aus Mexiko, anzuwerben. Der Sektor gesellschaftliche Reproduktion weist nicht einmal die Rationalität eines durchgeplanten Fertigungsprozesses kapitalistischer Warenherstellung auf. Das Gesundheitssystem verfehlt andauernd den wünschenswerten, egalitären Charakter.

Die Argumentation zur Gewalt gegen Frauen in der sechsten These stellt zunächst den erschütternden Umstand fest,

[…] dass weltweit mehr als jede dritte Frau im Zuge ihres Lebens eine Form geschlechtsspezifischer Gewalt erfahren hat. (S. 38)

Im Fortgang gelingt es der These nicht überzeugend, die Gewaltförmigkeit in den Geschlechterbeziehungen mit der kapitalistischen Gesellschaftsstruktur allein zu begründen, die Behauptung, die spezifische Form der Gewalt sei ein systemischer Zustand wird nicht argumentativ hergeleitet. Es fehlt an anthropologischen und psychologischen Argumenten. Die Aussage

Der Feminismus für die 99 % lehnt sowohl auf rechtliche Strafe ausgerichtete als auch femokratische Ansätze zur Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt ab.

befremdet außerordentlich. Alle mit demokratischen Verfassungen kompatible Möglichkeiten sollten unter den derzeitigen Gegebenheiten ausgeschöpft werden, um beklagenswerte physische und psychische Gewalt einzudämmen. Ob der sogenannte „liberale Feminismus“, der den feministischen Radikalismus der späten 1970er Jahre ablöste, wirklich ein „bedeutendes Hindernis“ (S. 103) für das Emanzipationsprojekt des „Feminismus für die 99 %“ darstellt, sei dahingestellt. Sinnvoller wäre es doch wohl, alle zur Veränderung der kapitalistischen Grundstruktur bereiten Kräfte unter Einschluss aller bereits realisierten Schritte (Arbeitnehmerrechte, Mitbestimmungsrechte, strafrechtliche Sanktionen sexueller Gewalt, juridische Akzeptanz vielfältiger Formen sexueller Orientierung usw.) zusammenzufassen und einen konsequenten Weg in Richtung auf neuartige, demokratisch strukturierte Weisen der Produktion und der gesellschaftlichen Reproduktion einzuschlagen. Es kann nur ein gewaltfreier, demokratischer Prozess sein, der sich auf Bevölkerungsmehrheiten stützen muss. Schon im Alten strahlt der Vorschein des Neuen auf: Ausgeweitete genossenschaftliche Organisation der wichtigen gesellschaftlichen Prozesse, Ausweitung der Entscheidungsrechte kommunaler Vertretungen und Verwaltungen. Dazu wäre auch ein Ersatz des Fetischs unablässiger Zuwachs des Bruttosozialprodukts durch einen Index der Zufriedenheit (oder des individuellen Glücks nach dem Beispiel Bhutans) sinnvoll. Kaum wird in dem Manifest die Problematik der zunehmenden und immer bedrohlicher werdenden Destruktion der natürlichen Umwelt angesprochen. Gleichheit der Geschlechter in einer zerstörten, lebensgefährdenden Umwelt kann nicht das Ziel sein. Es fällt in dem Text der Begriff der „Umweltgerechtigkeit“, ohne dass klar würde, was er bedeutet.

Wie eine befriedete Gesellschaft aussehen könnte, in der nicht mehr die Irrationalität einer zerstörerischen Gesamtwirtschaft, deren einzelne Elemente durchaus nach sehr effizienten rationalen Schemata funktionieren und demzufolge ein Überangebot an Gebrauchswerten hervorbringen können, aussehen könnte, ist unbestimmt. Es kann nach dem Verschwinden der europäischen staatssozialistischen Diktaturen jedenfalls keine Planwirtschaft überholten Modells sein. Die Unbestimmtheit des Weges ist auch den Autorinnen des Manifests bewusst:

Gewiss, unser Manifest bietet keinen präzisen Entwurf einer Alternative, da diese nur aus den Kämpfen um ihre Verwirklichung hervorgehen kann.

Veränderungen lassen sich in langandauernden und nachhaltigen Reformschritten verwirklichen. Das zeigt die Emanzipationsgeschichte der Bundesrepublik während der siebzig Jahre ihres Bestehens. Eine Distanzierung von Mitte-Links-Kräften bedeutete eine Verlangsamung der Reformschritte. Humane Ziele, wirkliche Freiheit und wirkliche Egalität aller Individuen, lassen sich nur über den humanen Weg des gesellschaftlichen Diskurses und demokratischer Mehrheiten erreichen. Wege der Ausgrenzung, des Schwester- und Bruderkampfes, des gewaltförmigen Aufbegehrens, belasten neue Strukturen mit dem Kainsmal der Inhumanität. Dabei handelt es sich um die Lehre der insgesamt letztlich gescheiterten Revolutionen des 20. Jahrhunderts.

Max Henninger hat das Manifest „Feminismus für die 99 %“ in ein klares, gut lesbares Deutsch übertragen. Die Publikation ist selbst weitere Anregung und Element des notwendigen gesellschaftlichen Diskurses, deshalb kann nur empfohlen werden, sie zu lesen, zu diskutieren und die elf Thesen des Manifests schöpferisch zu vervollkommnen.

Cinzia Arruzza · Tithi Bhattacharya · Nancy Fraser
Feminismus für die 99% / Ein Manifest
Übersetzung: Max Henninger
Matthes & Seitz
2019 · 107 Seiten · 15,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-786-3

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