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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Kritik

Das Leben der Quallen

Clara Henssens Debüt-Roman „down“.
Hamburg

Alva Kuhla, der Ich-Erzählerin des Romans, muss etwas passiert sein, etwas Unangenehmes, sonst würde ihr jetzt nicht eine Krankenschwester mit einer Taschenlampe in die Augen leuchten. Abrupt war Alva im Krankenhaus aufgewacht, war also zurück in ihrem eigenen Körper, statt irgendwie über ihm zu schweben. Eine seltsame Erfahrung, beängstigend. Dabei hatte sie einfach nur die Nacht durchgetanzt, zu viel getrunken und war am Morgen in den Zoo gegangen, in das Aquarium, wo sie die phosphoreszierenden Quallen beobachtete, die wie flüssige Neonfarbe durch das Dunkel ziehen. Und dann war sie zusammengeklappt. Weil sie nämlich das Gefühl hatte, so erklärt sie sich das, ihre Freundin Jeneke sei dort, ganz nah bei ihr. Denn Jeneke, die das Down-Syndrom hat, war verschwunden, von einem Tag auf den anderen. Alva machte sich große Sorgen um sie. Mit ihrer, Alvas, Mutter hatte sie einen großen Streit gehabt deswegen, denn sie hatte zufällig gehört, wie sie am Telefon zu ihrer Daueraffäre Reiner sagte, es sei „wahrscheinlich besser so, ohne dieses Mädchen“. Daraufhin war sie von zuhause ausgezogen. Und jetzt tauchte die Mutter, die als Altenpflegerin arbeitete und sich also mit dem Pflegen auskannte, im Krankenhaus auf, machte ihr nicht die geringsten Vorwürfe und kümmerte sich um sie.

Alva schreibt das alles auf, denn um Jeneke wiederfinden zu können, das wird für sie immer deutlicher, muss sie sich klar werden über ihre gemeinsame Geschichte. Nicht nur, was am Tag von Jenekes Verschwinden wirklich passiert war, ist wichtig, sondern auch die Frage, ob sie, Alva, etwas verdrängt oder übersehen hat. Kennengelernt hatte sie Jeneke vor Jahren als die ältere Schwester von Regina Jacobsen, ihrer neuen Klassenkameradin, die mit ihren Eltern von Frankfurt nach Düsseldorf gezogen war. Und da war ja auch noch Jenekes Bruder, Jacob, der sich immer so liebevoll um seine ältere Schwester kümmerte. Ab einem gewissen Zeitpunkt ging sie bei den Jacobsens ein und aus, eine gutbürgerliche Familie mit Vater, Mutter und Kindern, während sie nur mit ihrer Mutter zusammenlebte. Jacob und Alva verlieben sich einige Jahre später ineinander, eine erste Liebe, die bald aber schon eine Fernbeziehung wird, denn Jacob flieht mit 16 Jahren in ein englisches Internat, und an dem Tag zerbricht, an dem Jeneke verschwindet. Verloren geht. Der Tag, an dem Alva Jeneke zuerst zu den Theaterproben in Köln bringt, um sie dann später wieder abzuholen – und zehn Minuten zu spät dort war. Jeneke ist also spurlos verschwunden. Und Alva überkommt in der Erinnerung „die schreckliche Ahnung, dass noch mehr verschwinden würde als Jeneke, nämlich alles, was zwischen uns war“. Alva schreibt also an gegen das Vergessen, schreibt, um sich erinnern zu können. Auch an all die seltsamen Träume, in denen so oft Quallen vorkommen. Schreibt, wie Jacob sich darüber aufregte, dass Jeneke sich nach einem Besuch bei Alvas Mutter ständig selbst berührte, öffentlich. Und auch daran muss sie denken, dass Jeneke, fünf Jahre älter, eines Tages ein „Liebesobjekt“ haben wollte, einen Mann. Auch zu spielerischer Erotik zwischen Alva und Jeneke war es gekommen. An all das erinnert sie sich, die Zeitebenen wechseln sich ab, ebenso wie Banales und Aufregendes, doch nichts davon erklärt das Verschwinden Jenekes! Oder bringt Alva einfach alles nur ein wenig durcheinander und verwechselt Traum und Realität? Oder vermischt die eigenen Erinnerungen mit denen Jacobs und misst dessen Albtraum, in dem Jeneke sich in der Badewanne in eine Qualle verwandelt, zu viel Bedeutung bei? Allerdings war sie selbst ja beim Anblick der Quallen in Ohnmacht gefallen, da musste also etwas dran sein. Noch einmal durchdenkt Alva das Verschwinden ihrer Freundin, und vielleicht muss sie dieses Mal nur ein kleines Stückchen weiterdenken, einen Schritt weitergehen …    

Clara Henssen, Jahrgang 1987, gelingt mit ihrem Debüt-Roman „down“ eine vielschichtige Erzählung, die sich vor allem an junge Leser und Leserinnen wendet. Nicht nur das Down-Syndrom, sondern auch die weibliche Pubertät, das Erwachsenwerden, sind in einer Art und Weise und Lebendigkeit beschrieben, die den Roman nicht zuletzt zu einer Art Doppelporträt zweier junger Frauen macht, die durchaus weit weniger trennt, als man gemeinhin denken mag. An keiner Stelle moralinsauer und in einem ansprechenden Stil unterhaltsam geschrieben, bietet der Roman über den (hier selbstverständlich nicht verratenen) Schluss hinaus Anregung genug, über Freundschaft, Liebe und das Leben als solches nachzusinnen, sei es nun eines mit oder ohne Behinderung.  

Clara Henssen
down
Launenweber Verlag
2018 · 192 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-947457-01-4
Erstveröffentlicht: 
Freitag, Community 12.04.2019

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