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Limmat Verlag  Wurzelstudien Eine Metamorphose Anna Ospelt
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Limmat Verlag  Wurzelstudien Eine Metamorphose Anna Ospelt
Kritik

"Mid Century Style"

Hamburg

Mit einer zweibändigen Sammelausgabe "Sämtlicher Erzählungen" auf Deutsch machen sich der Penguin-Verlag, Herausgeber Benjamin Moser und Übersetzer Luis Ruby derzeit um Clarice Lispectors Werk verdient. Nicht alles, aber doch vieles darin liegt der deutschsprachigen Leser*innenschaft zu ersten Mal vor. Band I ist Ende 2019 unter dem Titel "Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau" erschienen, Band II folgt im Herbst 2020 nach.

Die Ausgabe ist insgesamt aufgemacht als Einstiegsdroge und niederschwellige1 Einführung in die Literatur einer Autorin, von der in unseren Breiten allenfalls zwei-drei "Greatest Hits" bekannt geworden sein dürften – in etwa die Romane "Nahe dem Wilden Herzen", "Der große Augenblick" und "Passion nach G. H." –, nicht aber Umstände, Kontext und der umfangreiche restliche Werkkorpus. Dem hilft der Anhang – bestehend aus einer "Nutzlose[n] Erklärung" der Autorin selbst, anscheinend einem schriftlichen Interview entnommen, sowie einer drei Doppelseiten langen "Bibliographische[n] Notiz" – überraschend effizient ab: Wir haben es mit Erzähltexten der vierziger bis sechziger Jahre zu tun, geschrieben von einer brasilianischen Autorin, die als Gattin eines Diplomaten "die Welt kannte", ohne dass ihr das den Blick auf die Wirklichkeit ihrer Herkunft verunklärt haben würde – wobei mit "Herkunft" hier nicht so sehr "Brasilianerin" oder "Jüdin" gemeint ist, sondern mehr das "-in" in beiden Worten sowie die prekäre Mittelschicht, deren habituelles Interesse an verräterischen Zwischentöne im sozialen Verhalten sie, mit schmerzhaft genauem Blick, wie wenige andere auf den Punkt brachte.

Was Band I versammelt, liegt, soweit es die Produktionsbedingungen betrifft, weit auseinander: beginnend bei Lispectors ganz frühen, noch vor dem "Wilden Herzen" verfassten Erzählungen, und endend bei solchen Texten, die sie in der Zeit nach ihrer Scheidung unter dem Druck der Erwerbsarbeit als freie Autorin und Kolumnistin schrieb. Gleichwohl darf man wohl mit Fug durchgängig von "feministischer Literatur" sprechen, insofern die geschilderten Zustände und Situationen – die sinnlich, ins Kleinste verästelt und vorurteilsfrei geschilderten Zustände und Situationen – sämtlich zugleich "von außen" als alltägliche Normalität und "von innen" als elendigliche Arrangements von meist weiblichen Figuren mit familiären und/oder gesellschaftlichen Zwangszusammenhängen erscheinen. Materielle Not (als Hunger oder sonstig unmittelbarer Mangel) sowie psychische Not (als Krise schlecht-und-recht sublimierter Bedürfnisse, die sich Bahn brechen wollen) generieren in diesen Erzählungen einen Druck, eine Spannung, die gleichwohl meist unter der Oberfläche des explizit Geschilderten bleibt. Thematischer und stilistischer Subtext bedingen einander dann. Lispector versteht es gekonnt, unseren Blick zu lenken, ohne uns das merken zu lassen.

Es mag eigenartig klingen, und vielleicht bloß der Regalwand geschuldet sein, die auf einer Reihe von Porträtfotos hinter Lispector zu sehen ist, aber mich erinnert ihr Prosastil, wie er mit den allereinfachsten, unaufdringlichsten Mitteln die meiste subtextuelle 'Arbeit' erledigt, an 'mid-century'-Möbel, deren Ästhetik 2 eine ganz ähnliche Ambivalenz ausdrückt – einerseits ein in der Industrialisierungswelle nach dem Krieg neu gewonnener Sinn für Stabilität, andererseits das Bewusstsein, wie prekär und jederzeit kündbar diese Stabilität, dieser neue Status der sog. Mittelschicht in Wahrheit ist … Ganz so wie mit Lispectors mehr oder weniger selbstbewussten Frauenfiguren – wenn schon nicht immer gebildete Frauenfiguren, so doch solche, die vor einem Hintergrund prinzipiell möglicher Bildung agieren … schon ist sichtbar, dass der prinzipielle Unterschied zwischen ihnen und den Männern, Familienvätern, Arbeitgebern (aber auch: höhergestellten Frauen) kündbar ist, nicht naturgegeben – aber noch ist selbst solche Sichtbarkeit, als Privileg, einer Gewalt unterworfen, die in Lispectors Erzählungen als gänzlich normal, nicht der Rede wert, nicht einmal "richtig" Gewalt erscheint.

Clarice Lispector, Rio de Janeiro, Foto: Julietta Fix 2018

Psychologische Literatur, die sich so nicht festnageln lässt, weil das der sozialen und systemischen Dimension der Szenarien unrecht täte; anders herum streng realistisches Schreiben, das dieser Traditionszuschreibung ausweicht, weil es seinem Personal eine andere Sorte an Tiefe und "Geheimnis" erlaubt, als jene zugemutete Ahnengalerie anklingen lässt: Dem bis dahin unkundigen deutschsprachigen Leser werden sich Lispectors Erzählungen in eine Reihe mit denen von Ingeborg Bachmann und Irmtraud Morgner stellen, vielleicht noch (weniger den Gedichten als mehr der Biographie) von Christine Lavant.

  • 1. schreckliches Wort, ich weiß
  • 2. scheint mir
Clarice Lispector
Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau
Aus dem Portugiesischen von Luis Ruby
Penguin
2019 · 416 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-328-60094-7

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