Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Süßwaren in vyrz

Hamburg

In letzter Zeit laufen Unterhaltungen zwischen mir und meinen Kindern oft so:

- Hantuskel, blechotakel mi?
- Sehr gut, Mesopol.

- Rozraz. Auch nicht schlecht.
- Gute Nacht!
- schlef ti laa!

Grund hierfür sind meine ungefragten Berichte über die Leseerfahrung mit „Die Bienen und das Unsichtbare“, dem neuen Buch von Clemens J. Setz. Wir versuchen uns in Grammelot, der Erfindung eigener Wörter innerhalb eines bereits existierenden Sprachsystems (hier: Deutsch, Englisch). Es fällt Menschen schwer, meint Setz, „ähnlich wie bei der berühmten „Unfähigkeit, sich selbst zu kitzeln“, Grammelot in der eigenen Sprache zu denken. Spaß macht es trotzdem.

Das Buch wird als Abhandlung über Plansprachen angepriesen und ist eine Collage aus Tagebucheinträgen, literarischer Anthologie, Abbildungen und (Nach-)Erzählungen, aus Kommentaren und Lexemen. So finden sich neben den Beschreibungen vieler Plan,- Symbol- und Kunstsprachen immer wieder Erläuterungen des wie gewohnt genialen Autors. Lustige bis tieftraurige Begebenheiten und historische Bonbons über die Urheber*innen und Sprecher*innen drehen sich um literarische Beispiele, eigene Übersetzungen, sehr intime Einträge, bei denen man das Gefühl hat, dass sie über „Bot“ hinausgehen, (Über-Setz-ungen (excusez-moi!)).

Wir lernen zu Beginn etwas über die Sprache Blissymbolics, die auf Zeichen und Symbolen basiert und damit heute vielen Menschen eine Kommunikation möglich macht. Die Idee, die den Erfinder Charles Bliss umtrieb, war die Eliminierung jeglicher Interpretierbarkeit und damit aller Interferenzfehler. Anbei ein Beispiel aus dem Buch: ein Satz über eine Frau im Liegestuhl:

Bliss erdachte der Welt zahlreiche, für ihn eindeutige Zeichen aber verkrachte sich in einer streng auferlegten Regeltreue mit wichtigen Weiterentwickler*innen der Symbole schwer. Setz stellt der Geschichte über Bliss eine Beckett’sche Realhölle an die Seite: über seine Mutter erfuhr er einmal von Wachkomapatienten, denen keine Bewegung, keine Kommunikation möglich war, die für geistig abwesend/tot gehalten wurden, aber bei Bewusstsein waren. Um ein Austrocknen der Netzhaut zu verhindern wurden ihnen die Augenlider dauerhaft verschlossen.

Wir lernen etwas über die komplexe Kurzzeichensprache Ithkuil, mit deren Hilfe man in nur einem  Satz ein Duchamp-Gemälde samt Malweise und Wirkung auf den*die Betrachter*in wiederzugeben vermag. Thomas von Acquin taucht auf, ein bisschen etwas über Klingonisch und Valyrian, über H.C. Artmanns Genialität und natürlich Samuel Delaney, den Setz ja auch überall anders gern und zurecht zitiert.

Sehr persönlich wird es bei der heiteren, aber schwer zu erlernenden Sprache Volapük, der Setz sich in einer krisenhaften Lebensphase selbst hingegeben hat. Die Wochentage auf Volapük etwa lauten: mudel, tudel, vedel, dödel, fridel, zädel, sudel. Die Setz’sche immersion findet hier via Tagebucheintragungen statt, die den*die Leser*in schwer betroffen machen, denn der Autor nimmt uns ungewohnt tief mit in seine Abgründe.

 24.5.

„Da schau, »müdik« existiert sogar als Vol.-Wort, und es bedeutet »zärtlich«. Tote Plansprachen erlernen leuchtet mir innere Höhlen aus, die ich kaum kenne.

         Abends kompletter Zusammenbruch.“

Auch im Volapük-Kapitel erzählt uns Clemens Setz vom Leid anderer, von einer tragischen Begegnung mit einem schwer kranken, bereits sterbenden Menschen auf dem Parkplatz eines Einkaufsmarktes. Überhaupt scheint sich die Vergänglichkeit von Sprache und Mensch reziprok durchs Buch zu ziehen. Einiges ist nach der Erfindung wieder verklungen, manches nie über den ersten Wirkungskreis hinausgeklettert. Gleich im Intro erfahren wir von den zwei letzten Sprecher*innen einer indigenen Sprache, die diese aufgrund kultureller Riten niemals mehr werden anwenden, nie mehr werden sprechen können. Häufig werden wir Zeuge von zweierlei Toden.

Aber es gelingt uns nicht, dem Sterben von Subjekt und Sprache ein gleiches Maß an Empathie entgegenzubringen. Setz will sicher auch keine romantische Verklärung bezwecken. Vielmehr ist es die immer aufs Neue entstehende Diskrepanz zwischen jovialer Sprachfreude und bitterer Bedrohlichkeit, die uns Schluckend macht, die uns mit einem Gespür für die Relevanz ausstattet, welche den Gedichten und Texten der vorgestellten Sprachen zu eigen ist.

So etwa das zu Tränen rührende Gedicht des Künstlers Ernst Herbeck, einem Poeten der Gugginger Kolonie, deren Künstler*innen gemeinhin der Art Brut zugerechnet werden. Herbeck konnte sich manche Wörter nicht korrekt erinnern, wodurch aus dem Embryo ein Empyrum wurde:

Das Empyrum.

Heil unserer Mutter! Ein werdendes
Kind im Leibe der Mutter. Als ich
ein Empyrum war, hat sie mich
operiert. Ich kann meine Nase
nicht vergessen. Armes Empyrum. -
Die Zeit des Lebens. Die Zeit der
Vernunft. Die Zeit des Wiedersehens
auf Erden.

Omnipräsent befassen wir uns in „Die Bienen und das Unsichtbare“ mit der Frage, wo in unserer geistigen Bedürfnispyramide wir nun die jeweilige (Plan-)Sprache einordnen sollen. Wie essenziell, wie nützlich und dringend sind die Wortneuschöpfungen und Grammatiken für ihre Erdenker*innen und uns Leser*innen, etwa im Hinblick auf Lebenskrisen? Und warum überhaupt die Frage nach Notwendigkeit stellen? Setz sinniert für uns und zieht eine Art Form-Inhalt-Wirkung in Betracht.

„Man erfindet kein neues Betriebssystem, man erfindet einen neuen Rahmen, den Rahmen. Und wird dann, indem man den Inhalt dieses Rahmens erlernt und verkörpert, selbst zu einer untergeordneten, d.h. angeleiteten, sprachlich ferngelenkten Struktur, also einer literarischen Figur im eigentlichen Sinn.“

Das Erfinden einer Sprache als konsequente Form von Eskapismus? Ein „Verschwindetrick, ein sich-Wegzaubern“, sagt Setz. Und vielleicht waren Mensch und Text nie näher zusammen als in plansprachlicher Literatur, vielleicht haben real life und fiction nirgends größere Schnittmengen als hier. Mir fällt Kafkas Jäger Gracchus ein, der bewegungslos, atemlos im Zimmer auf einer Bahre lag: „… trotzdem deutete nur die Umgebung an, dass es vielleicht ein Toter war.“ Da ist sie wieder, die große Kunst des Clemens Setz, das Mulmige, die Führung ins uncanny valley. Wir müssen es uns diesmal vielleicht ein bisschen mehr erarbeiten als sonst.

Eine weitere große Leistung des Autors sind die eigenen Übersetzungen. Wir erhalten Einblick in die meisterliche Werkstatt, die Setz mit unfassbarem Aufwand betreibt. Wir lernen etwas über die Plansprache aUI, zusammengesetzt „aus den Elementen der Welterfahrung“, Kleinstlexemen:

„Jedenfalls lautet das Wort für Küssen auf aUI »Ubogtav«, also ganze sieben Buchstaben, good lord, also sieben Einzelkonzepte, aus denen das Wort sich zusammensetzt. Diese sind

Konzept  - zusammen – Leben – innen – aufeinander zu – Raum – tun.

Genau:

         Wobei Weilgart selbst das Wort manchmal auch »ubogtav« schreibt, mit kleinem »u«, was nicht »Konzept« sondern »menschlich« bedeutet. [...]

In deutscher Prosa: Menschen bringen ihr Innenleben miteinander in Berührung, auf räumliche Weise.“

Auch bei den Übertragungen ins Deutsche wird uns der Mehrwert dieser Dichtungen und ihren Ideenwelten bewusst. Eigenes Dichten in Plansprachen, so sagt Setz, habe er wieder aufgegeben. Bei dem Abenteuer, ein Gedicht von H.C. Artmann zu übersetzen, werden wir einmal Zeuge vermeintlichen Scheiterns. Setz versucht dem idiosynkratischen Bauwerk schließlich per Google Translate beizukommen und erhält zwar keine schlüssigen, aber doch wunderbare Resultate. „Süßwaren in vyrz“ lautet die grandiose Übersetzung einer Zeile und es sind halt diese Phrasen, die eine*n nach dem Lesen tagelang begleiten, im Geist gedreht und gewendet werden. Wie schwer uns doch die Akzeptanz von Nonsens fällt, bemerkt der Autor.

Wir lernen auch etwas über Poesie von Tieren, nämlich den Gedichte schreibenden Hund Arli von Elisabeth Mann Borgese, der mittels umgebauter Schreibmaschine Texte verfasste:

bad a baf
bdd af dff
art ad
abd ad arrli
bed a cat

Da mich dies recht ratlos zurückgelassen hatte, las ich Arlis Gedichte meiner Katze vor und ließ sie dazu etwas schreiben, obgleich sie weniger Training gewohnt war als Mann Borgeses Hund. Ihre Antwort viel kurz aus:

Gfi88888888 / E2Vv / v cccccb

Den letzten großen Teil des Buches widmet Clemens Setz der Plansprache Esperanto. Er erzählt uns die atemberaubende Lebensgeschichte des früh erblindeten Weltgängers Vasilij Eroschenko. Dieser hatte Esperanto gelernt und beherrschte es auf hohem Niveau. Dafür wurde er sehr bewundert. „Esperanto ist ein Dorf“, sagt eine slowakische Sprecherin und wir stauen wie sich die Sprache, als sei sie für Eroschenko entstanden, vor ihm über die Welt spannen konnte, ohne Nation, ohne Territorium im Rücken.

Eroschenko umgibt bei seinen Reisen immer die Aura des Unerklärlichen, fast Unglaubwürdigen, etwa weil man sich fragt, wie er zu Beginn des 20. Jahrhunderts solche Strecken absolvieren konnte, sich orientierte, das alles finanzierte. Wie der uns lieb werdende Nomade von Esperanto, schöpfen auch wir in plansprachlicher Dichtung von „Ertrag und Nährstoffe(n) von einer Quelle, die kaum jemand sehen kann“. So lässt sich auch der Buchtitel, ein abgewandeltes Zitat von Rilke, verstehen, der einmal seinem Übersetzer schrieb: „Wir sind die Bienen des Unsichtbaren“.

Setz schreibt weit abseits des trockenen Duktus’ einer wissenschaftlichen Arbeit. Oft plauderhaft katapultiert uns der Schriftsteller in linguistische Sachverhalte. Plansprachenliteratur ist Nischenliteratur. Doch wer Clemens Setz’ Buch als Nerdkram bezeichnet, lässt sich von seinem Strohhut und ein paar Haaren im Gesicht schwer täuschen, irrt gewaltig. Und verfehlt die Idee des Buches: Setz möchte uns Esperanto und et al. samt einem Personal näherbringen, universale Schnittstellen zwischen Sprache und Mensch aufzeigen. Wer das Buch nerdig nennt zementiert eine Kluft und reduziert auf kultige Nachahmungsgesten. Zudem hat Setz enorme Vermittlungskompetenz. Seine Anmerkungen gehören einmal mehr zum klügsten Nachdenken über Sprache schlechthin

Clemens J. Setz
Die Bienen und das Unsichtbare
Suhrkamp
2020 · 416 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42965-5

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