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Kritik

Die Hülsen der Früchte

Hamburg

Hart und cool sind Clemens Meyers Erzählungen nicht, mit einem Fingerhut an jeder Fingerbeere greift er behutsam nach den Figuren. Diese erzählerische Vorsicht ist ihm zunächst anzurechnen. Jockey, Lokführer usw. werden von ihrem Schöpfer nicht desavouiert, vielmehr folgt er ihnen mit Anteilnahme auf den Pfaden ihrer mittelmäßigen Abgründigkeit. Er nimmt die Wünsche des Herrn auf der Suche nach der vergessenen Strandbahn und des Wurstverkäufers in der Moschee ernst. Da es vielen zu leicht fällt, über ihre Hirngespinste ohne Gnade herzufallen, wirkt Meyers respektvoller Ton angenehm.

So angenehm es allerdings ist, dass Meyer dem rabiaten Zugriff auf die Figuren widersteht, so befremdlich wird sein Leisetreten irgendwann. Denn es führt dazu, dass er sich nur bei Versatzstücken der Prosa wie der Bildsprache zu bedienen traut. Als ob jede Erneuerung des Ausdrucks den beschriebenen Akteuren in ihrer Einfachheit schon unrecht täte, speist sich der Band der Stillen Trabanten aus Klischees sprachlicher und gedanklicher Art, wie wir sie schon zu Dutzend gelesen, gesehen oder selbst von uns gegeben haben. Natürlich könnte aus solchen Versatzstücken wieder gute Literatur werden, würden sie entsprechend zusammengeflickt, aber auch diesen Schritt tut Meyer nicht; Teile und Ganzes sind in diesen Erzählungen gleich retortenhaft. Der Kontrast zu den Frankfurter Poetikvorlesungen, in denen er beschwingt brachial durch seinen persönlichen literarischen und außerliterarischen Kanon schoss, könnte nicht größer sein. Warum lässt er auf jenen poetologischen Irrwitz (im einzigen, nämlich besten Sinn!) diese insgesamt sehr lauen Erzählungen folgen?

Pendelbewegung. Eine mögliche Antwort wäre, dass sich Meyer bewusst vom Ekstatismus seiner Poetikvorlesungen abwenden wollte. Extravagante neo-expressionistische Prosa ist ein gefährliches Mittel, das bei unsachgemäßer Verwendung zum Kitsch führt wie z. B. in den Schaufensterdekorationen von Dolce & Gabbana – könnte man meinen! Es wäre deshalb naheliegend, sich in einen Unterstand zu flüchten, nachdem man zu lange mit den Blitzen gespielt hat, sprich, es wäre nachvollziehbar, sollte Meyer nach den ungeahnten poetologischen Ausbrüchen seines Irrwitzes das Kontrastprogramm der ungestört plätschernden Prosa zu abonnieren Lust verspürt haben. Das Plätschern geht aber am besten vonstatten, wenn der Autor sich in die vorgefertigten Muster nicht einmischt, und so sind eben diese Retortenstücke entstanden, als solche gut gebacken, aber wenig frisch.

Informhalt. Ein alter Kalauer besagt, dass die Form vom Inhalt nicht zu trennen ist noch der Inhalt von der Form (symmetrische Relation!). Denn die Form ist der Inhalt des Inhalts und der Inhalt die Form der Form und so weiter, Informhalt. Die Figuren Meyers sind zwar nicht randständig, wie er in einem Interview betont hat, aber desto mittelmäßiger. Um mittelmäßige Menschen darzustellen, also uns alle, bedient man sich am apartesten eines mittelmäßigen Ausdrucks, da sonst der Schmarotzer Form vom Wirt Inhalt oder umgekehrt getrennt würde – könnte man meinen! Es wäre deshalb naheliegend, die Prosa an die Flächigkeit des Gegenstands anzupassen, es mit der Frucht der Sprache wenig pressant zu halten und unser Leben rein mit Hülsen zu skulptieren. Die zweite Antwort könnte also sein, dass Meyers Kunstgriff darin bestehe, einen Erzählstil zu wählen, der für sich wenig beeindruckt, aber gerade dadurch ein angemessenes Werkzeug zur Darstellung der fraglichen Leben ist.

Überzeugen diese Antworten? Der offensichtliche Einwand lautet, dass uninteressante Erzählungen nicht allein dadurch, dass sie uninteressant sein sollen, interessant werden. Bewusst oder unbewusst kunstgedimmte Prosa über das menschliche Mittelmaß, auch mit einem Schuss Fantastik, wie ihn Meyer manchmal hinzugibt, gibt es zuhauf, und es fällt schwer, hier wesentliche Neuerungen auszumachen. Natürlich kann man zwischendurch die eine oder andere dieser Erzählungen lesen, sie sind ja auf gewisse Weise gut gemacht, aber insgesamt ist der Band enttäuschend. Beinahe könnte ich auf den Gedanken kommen, Meyer habe seine poetische Energie einstweilen in den Poetikvorlesungen verbrannt, und was uns zum Nachschlag angeboten wird, seien nur die Hülsen jener Früchte. Beinahe!

Clemens Meyer
Die stillen Trabanten
S. Fischer
2017 · 272 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-10-397264-1

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