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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

Gib mir ein Buch!

Hamburg

Es gibt sie, die Bücher, die man einfach gern haben muss, die einen mit einem Grunzen, einem Seufzer und etwas Wortmusik verzaubern und selbst in einen Bücherfresser verwandeln, sofern man nicht ohnehin schon einer ist. Der Bücherfresser von Cornelia Funke mit ganz zauberhaften Illustrationen von Annette Swoboda für Kinder ab 4 ist ein solches Buch. Schon 2011 gab es eine Pixi-Buch-Ausgabe mit Illustrationen von Vitali Konstantinov. Nun ist Der Bücherfresser von Cornelia Funke neuerlich illustriert worden, diesmal eben von Annette Swoboda, und als großes Bilderbuch im Loewe Verlag erschienen.

Der Protagonist Sten liest nicht gerne Bücher, auch wenn er schon lesen kann. Und auch seine Eltern können nichts mit Büchern anfangen. Daher lösen die dreiundzwanzig schweren ___STEADY_PAYWALL___Bücherkisten, die Stens Großvater ihnen vererbt hat, zunächst wenig Freude in der kleinen Familie aus, die Mutter stöhnt und der Vater möchte sie im Ofen verheizen, einzig Sten erhebt Einspruch und rettet die Bücherkisten, samt einer alten Hundedecke und einer kleinen Holzkiste, auf der „Nur für Sten! Unbedingt heimlich öffnen.“ steht. Alles wird auf den Dachboden gebracht, wo Sten alle Bücher auspackt und sich aus ihnen eine gemütliche Bücherhöhle baut, mit der alten Hundedecke als Dach. Zwischen den Büchern riecht es nach Opa, Sten liest den Brief, den sein Opa ihm geschrieben hat und wird ganz traurig, während der Regen aufs Dach prasselt. Aber dann ist er doch neugierig und klappt die kleine „Unbedingtheimlichöffnen“-Holzkiste auf, in der er zu seinem großen Erstaunen ein pelziges Etwas findet, das ein bisschen wie ein Meerschwein aussieht und zuerst einmal vor Schreck aufkreischt, als er es anfassen mag. Nachdem sich beide wieder beruhigt haben, spricht der kleine Bücherfresser, den wir hier vor uns haben, Sten an:

„Gib mir ein Buch!“, lispelte das Pelzschwein. „Ein knackig-
knuspriges! Nein, warte – ein flüstervoll-furchtbar-
fantastisches, ja?“
Sten zog vorsichtig irgendein Buch aus der Höhlenwand.
„Kaperfahrt nach Tortuga“, las er.
Das Pelzschwein beschnüffelte den Einband und nickte.
„Hmm, ja, das riecht abenteuerlich, trauerlustig, süß und
sauer, ja!“ Es biss in das Buch, als wäre es ein Butterbrot.

Wir erfahren dann, dass auch Stens Großvater ein Bücherfresser gewesen war, aber einer, der die Bücher nur mit den Augen verschlang und nicht als Ganzes, wie unser kleiner Bücherfresser. Als der Großvater dann schlechter zu sehen begann und nicht mehr so viel lesen konnte, verfütterte er seine Bücher an den Bücherfresser und ließ sie sich von ihm im Anschluss daran erzählen, da dieser alle aufgefressenen Bücher Wort für Wort nacherzählen kann. Sten und der Bücherfresser werden an dieser Stelle von Stens Vater unterbrochen, der alle dreiundzwanzig Bücherkartons an einen Fremden verkaufen möchte und dann sehr verärgert ist, als er sieht, dass alle leer sind und Sten sich eine Bücherhöhle aus ihnen gebaut hat.

„Die sind nicht zu
verkaufen“, sagte Sten.
Ich werde sie lesen. Alle. Jeden
Buchstaben.“
Mit ärgerlichem Schnaufen stieg der dicke Mann die
Bodenleiter wieder runter. Papa war wütend wie ein
Walross, aber Sten durfte die Bücher behalten.

Sobald die Eltern schlafen, schleicht sich Sten dann wieder mit seiner Bettdecke hinauf auf den Dachboden, knippst die Taschenlampe in seiner Bücherhöhle an und bittet den Bücherfresser, ihm ein Buch zu erzählen, irgendeins, was dieser sogleich mit großer Freude macht, und nicht nur eines:

Illustration: Annette Swoboda

 Sehr fein und unaufdringlich verhandelt Cornelia Funke in Der Bücherfresser mit wenigen Worten große Themen wie die Trauer um den Verlust eines geliebten Menschen, da Sten seinen Großvater sehr vermisst, was vorwiegend indirekt über sein Verhalten und seine Handlungen ausgedrückt wird. Ein weiteres großes Thema, das im Buch ganz beiläufig verhandelt wird, ist die allmähliche Emanzipation und Abgrenzung Stens von den eigenen Eltern und die Suche nach persönlichen Freiräumen. Sten baut sich mit der Bücherhöhle am Dachboden selbst seinen eigenen Rückzugsort, verteidigt diesen erfolgreich gegen die Erwachsenen und wagt dann von dort aus den nächsten Schritt in die schier grenzenlose Freiheit der Welt der Bücher und der Fantasie.

Annette Swoboda illustriert die Erzählung von Cornelia Funke wunderschön, detailreich und mit sehr viel Fantasie. So einen superlieben Bücherfresser hätte man auch gerne und am liebsten würde man gleich einziehen in diese zauberhafte Bücherhöhle am Dachboden, um dem Bücherfresser beim Erzählen zuzuhören. Kurzum: ein Buch, das man nur wärmstens empfehlen kann und, um den Bücherfresser zu zitieren:

„War eine wunderbare Geschichte! Kribbelt immer noch
bis in die Zehen"

Illustration: Annette Swoboda

Cornelia Funke
Der Bücherfresser
Bilderbuch ab 4 Jahre
durchgehend farbig illustriert von Annette Swoboda
Loewe Verlag
2020 · 32 Seiten · 12,95 Euro
ISBN:
978-3-7432-0217-7

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