Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
x
Kritik

brut und spiele

Hamburg

Das Deutsche kennt drei bestimmte Artikel. So heißt es der Mann und der Vater, die Frau und die Mutter, hingegen heißt es das Kind und das Mädchen, aber nicht das Bub. Denn es hat sich mit der Bub/Knabe/Junge der männliche Artikel etabliert, während für ein weibliches Kind das Mädchen gebräuchlich ist, dieses in der deutschen Sprache also zu einem Ding, einer Sache gemacht wird.

Für das Wort „Mensch“ wiederum kennen wir zwei bestimmte Artikel. Neben „der Mensch“ gibt es auch die Form „das Mensch“, die im Mittelalter und in der frühen Neuzeit in religiösen Schriften und in der Literatur verwendet wurde, u.a. bei Luther oder Barockdichtern wie Andreas Gryphius und Martin Opitz. Bald verengte sich der Begriff „das Mensch“, war zunächst noch in edlem Sinn für (ledige) Frauen und Mädchen gebraucht, etwa „ain schöns mentsch“, aber auch für Dienende beiderlei Geschlechts, Mägde und Dirnen. Später bekam der Ausdruck „das Mensch“, im Plural „die Menscher“, einen zunehmend verächtlichen Nebenton, wurde zu einem derben Begriff für Mädchen und junge Frauen, der sich vor allem in ländlichen Gebieten Süddeutschlands und Österreichs gehalten hat und umgangssprachlich heute noch in Verwendung ist.

Ein solches „mensch“ steht im Mittelpunkt von Cornelia Hülmbauers Lyrikdebüt bei SuKuLTuR. Es ist die Nummer 167 der bekannt schmalen Heftchen, die mit ihrem knallgelben Umschlag an Reclamheftchen erinnern und auf wenigen Seiten viel Literatur zum sehr kleinen Preis bieten. Formal legt Hülmbauer ein Langgedicht mit zunächst etwas rätselhaften Zwischentiteln in Versalien vor, das sie

den menschern.

zum trotz,
zum trost.

zueignet. Diese Widmung lässt aufmerken, allein Trost ist wenig in diesem Buch zu finden. „das mensch“ ist kein Mensch, wird als sächliches Wesen durch das Leben geschubst, be- und vernutzt werden. Es ist auch als „das mädchen“ oder „das mädl“ ein Ding und würde den weiblichen Artikel „die“ wohl nur bei Namensanleihen aus dem Tierreich bekommen, etwas als „die Gans“, vielleicht noch mit dem Attribut „blöd“, doch verwendet man für das Mädchen ohnehin bloß tierische Verkleinerungen wie „gänschen“ oder „vögelchen“, denen man wieder jenes verdinglichende „das“ voranstellen kann.

Der in kurze Strophen gegliederte Text stößt uns mitten hinein in die lieb- und empathielose Enge einer Provinz, die zunächst in keiner bestimmten Region situiert scheint. Hülmbauer entrollt hochkonzentriert die Geschichte einer Familie auf dem Land, in der archaische Muster von Generation zu Generation weitergegeben werden und rohe Gewalt Teil des normalen Alltags ist, Kinder „windelweich“ geschlagen werden, ihnen der Mund mit Seife gewaschen wird und sie bestraft werden, weil sie am Watschenbaum rütteln, denn

watschen wachsen auf den bäumen
watschen sind gesund
watschen richten dir die waden vorwärts
watschen haben guten grund

Die Geschlechterrollen sind unverrückbar. Frauen heben „das rockerl“, „werfen“, säugen und nähen, stramme Männer ziehen ihnen mit harter Hand „das rockerl hoch“, greifen sie aus, gehen jagen und bringen Katzen um. Und sie tun das, weil sie eben „nur ein mann“ sind, als der sie von Frauen entschuldigt werden. Es herrscht ein Klima der Gewalt, der alltäglichen Erniedrigung und des Scheiterns, in dem mehr als ein Strick sich um einen Hals legt, „pulver“ und „tabs“ geschluckt werden und mancher den Kopf verliert.

Die Mitglieder dieser Familie sind „das mensch“, seine Eltern, eine Großmutter, ein Onkel und eine Tante. Mehr als angedeutet wird der sexuelle Missbrauch des Mädchens durch den Onkel, von dem die Frauen wissen und die trotzdem nicht einschreiten, dem Kind sogar noch auftragen: „sei zum onkel lieb“. Und es gibt einen Vater, von dem es heißt:

der vater ist absent
der vater ist latent
der vater ist ein väterchen

Sein Verbleib ist ungewiss, doch streut Hülmbauer Hinweiskörnchen seiner möglichen Geschichte. Er wird wie das Mädchen zum „das“, wird ein „väterchen“ und damit zur Sache. Zuvor heißt es:

der vater ist ein apfelbaum
der vater ist ein stumpf
der vater ließ die früchte fallen
vom vater bleibt nur mus

Wenige Verse braucht es bloß, um Verhältnisse anzureißen. Der Vater ist „absent“, zugleich aber „latent“ vorhanden, einer, über den geschwiegen wird, von ihm, erfährt man, „bleibt nur mus“. Rätselhaft! Vielleicht ist er versehrt nach einem missglückten Suizid. Wahrscheinlicher ist, dass er in den Irrsinn verrückt ist und in die „anstalt“ eingewiesen wurde, die „vor ort“ beständig sirrt, wispert, wabert, biegt und bricht. Sie ist geradezu allmächtig, eine Strafe, die allen droht und mit der allen gedroht wird. Angesichts der Verhältnisse in dieser Provinz bleibt nur das Verstummen,

schweigen ist hochzeit
reden ist blech
schweigen ist ehern
scheiden ist pech

und ein stilles Verpuppen, das manchmal in einer Art Stottern aufbricht und in den Zwischentiteln, etwa „MAU OEH“ oder „LING LING“, nachgeahmt wird. Und auf einmal schält sich aus den Sprachfragmenten ein Name, Mauer-Öhling, eine Landesheil- und Pflegeanstalt für Geisteskranke, die Ende des 19. Jahrhunderts in Niederösterreich als Pavillonanlage errichtet wurde. In ihr befinden sich heute neben der Psychiatrie u.a. Einrichtungen für Pflege und Rehabilitation. Etwa 2700 ihrer PatientInnen wurden während der NS-Herrschaft als „lebensunwert“ qualifiziert und ermordet. Die historischen Ereignisse kommen im Text nie zur Sprache, doch Hülmbauer zeigt sehr deutlich die Schrecken einer düsteren Provinz, in der nach wie vor der NS-Jargon in den Sprachrudimenten des Alltags, im Gegeneinander eines totalitären Familiengefüges und in der ganzen Niedertracht seiner Mitglieder überlebt hat. Hier gibt es kein Entkommen, es sei denn in den Suizid oder in die Anstalt. Die Lyrikerin webt in ihren komplexen, äußerst dichten Text Versatzstücke u.a. aus (umgangssprachlichen) Sprichwörtern, Kinderreimen und Liedern ein, bricht, verdreht und verfremdet sie, setzt sie neu zusammen. So heißt es zum Beispiel:

fuchs du hackst die gänschen klein

Hülmbauer lässt hier die beiden Lieder: „Fuchs du hast die Gans gestohlen“ und „Hänschen klein“ anklingen. Ihr Fuchs ist nicht mehr der Räuber einer Gans, den man mit Drohungen beschwören kann, seine Beute zurückzubringen, sondern ein Aggressor, dem „die gänschen“ ausgeliefert sind, eine allegorischen Gestalt, die den Onkel, die zerstörerische Provinz wie auch die Anstalt personifiziert. Wandert „Hänschen klein“ als junger Mann hinaus in die Welt und kehrt schließlich reumütig zu seiner Mutter nach Hause zurück, so ist klar, dass dem Mädchen die Möglichkeit des Weggehens in der Logik der Provinz verwehrt bleibt. Auch die Geschichte „Die Omama im Apfelbaum“ klingt im Text mehrfach an, doch diese Großmutter ist lieblos und kotzt in ihrer abgrundtiefen Bösartigkeit abwertende Sätze wie „bist halt nur ein blödes mensch“ aus.

Dennoch wird das Mädchen vielleicht einen eigenen Weg finden. Sie „macht sich luft“ und beginnt sich zu befreien, gegen Ende heißt es gar, „das menschchen hat sich was getraut“. Will es am Anfang noch „prinzessin sein“, so ist sie schließlich wie ihr Vater „ein apfelbaum“ und trägt statt einer Krone „nester“. Vielleicht brütet sie darin irgendwann einen Text wie „MAU OEH D“ aus, der beeindruckt und verstört, anzieht und anwidert zugleich, der zuweilen sperrig ist und bei jedem Lesen noch Unentdecktes bereit hält.

Cornelia Hülmbauer
MAU OEH D
Sukultur
2018 · 2,00 Euro
ISBN:
9783955660840

Fixpoetry 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge