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Kritik

Die Geschichte in der Geschichte

Hamburg

Neue, stillere, beschreibende Tonlagen, ungewöhnliche Themen in der literarischen Landschaft sind selten; und im omnipotenten Feuilleton kommen sie in der Regel nicht vor. Cornelia Koepsell jedenfalls hat bisher kaum öffentliche Aufmerksamkeit erregt. Dabei gibt es bei dieser eigenwilligen Autorin manches zu entdecken.

Ihr erster Roman mit dem andeutenden biblischen Titel „Das Buch Emma“ (2013) gehört in eine Linie mit Bernward Vesper, Urs Jaeggi oder Uwe Timm, in die Linie mit den Autoren, die sich an der 68er-Bewegung und den Folgen literarisch gerieben haben. Nun gut, dies ist Geschichte, doch Koepsells Erinnerungsarbeit an die aufregenden politischen Zeiten erschließt eine ganz neue Variante der 1968er - Geschichte, zugleich autobiographisch wie politisch. Die Autorin war selbst Mitglied der K-Gruppen, Mitglied im KBW und dann im aufgeheizten Klima der RAF-Hysterie strafrechtlich Verurteilte.

In  Bernward Vespers Apo-Roman  „Die Reise“, erlebt der Leser bekanntermaßen den prügelnden, die oppositionelle Haltung des Sohns provozierenden Nazi-Dichter-Vater Will Vesper, Urs Jaeggi spiegelt in „Brandeis“ die eigene Rolle des 68er Professors in einer durchaus privatistischen Krisenperspektive. Koepsells Text dagegen ist im gleichen historischen Kontext grundsätzlicher gestrickt. Hier geht die Reise aus der pietistischen niedersächsischen Pastorenprovinz literarisch unaufgeregt, in der die Antagonistin auf dem Dachboden von einer Spinne – ganz anders als bei den Gebrüdern Grimm - Wahrheiten lernt, in die K-Gruppenkommune der westdeutschen Universitätsstadt. Hatte sich die Erzählerin erst auf den Boden des Elterhauses geflüchtet, geht sie nun in die Apo-Uni-Stadt. Spannend im Text, literarisch auf den Punkt gebracht ist, dass dort die gleiche autoritäre Struktur herrscht wie im miefigen lutherischen Buchhalterhaushalt. „Das Buch Emma“, aus der Innenperspektive geschrieben, ist ein triftiger Beitrag zu den Ursachen des RAF-Terrors oder der autoritären K-Gruppenideologie und gleichermaßen eine, neben einer Vielzahl anderer lesenswerter Motive, längst überfällige, authentische Kritik an der Linksszene von damals. Immerhin ist es so, dass die empirische Sozialforschung ermittelt hat, dass um die 100.000 jungen Leute politisch in dieser Szene sozialisiert wurden. Cornelia Koepsell hat mit ihrem Text den Finger auf den blinden Fleck der Revolte, der dann auch in den Terror der RAF mündete, gelegt. Deutlich wird, wie der theoretische Furor dieser Szene jegliche Selbstkritik und -reflexion in Phrasen erstickte. „Das Buch Emma“ ist in sofern auch eine literarische Antwort auf den neuen, globalen Terrorismus.

Cornelia Koepsells erster Roman ist genauso wenig wie ihr zweiter, „Lauf weg, wenn du kannst!“ ein Frauenroman, auch wenn Frauen, wie das Mädchen Emma auf dem Dachboden  des autoritären Buchhalterhaushalts oder Eva, im zweiten Roman, eine Strafgefangene, Erzählinstanzen sind. Nein, die üblichen narrativen Raster greifen nicht, es gibt auch keinen moralischen Zeigefinger, hier wird erzählt.

Gut, dass der Roman auf literarische Metaphorik verzichtet, er geriert sich ganz existentiell. „Das Schreiben, das Formulieren ihrer Gedanken erfüllte sie mit tiefer Befriedigung. Sie freute sich auf die Stunden am Abend, in denen sie frei assoziierte.“ So denkt Eva, die im Gefängnis sitzt. Und - so die harte dem Text unterlegte Paradoxie - ausgerechnet dort beginnt ihr Selbstfindungsprozess. Eine Beziehung zu einem Kriminellen, den sie liebte, hat sie in den Knast gebracht. Sie kommt raus. Das erste, was sie erlebt, ist eine Vergewaltigung. Welche Autorin, welcher Autor hätte sich so etwas ausdenken können? Ein existentieller, auch erinnerter Augenblick folgt dem nächsten – Zustand eingesperrt, Wunsch Selbstfindung. In diesem Text sind Randständige, Ausgegrenzte wie Eva und der gewalttätige Psychopath Jens, die zentralen Figuren, eine literarisch spannende Spurensuche. Zwei sind in einer Zwangslage, der Täter und das Opfer, sie gehören nirgendwo dazu, Ort der Handlung unbekannt. Klar, der Psychopath Jens dringt wieder in Evas Leben ein; ernüchternd der Befund, die Gefängnisgespräche mit dem Sozialarbeiter und dem Psychiater haben nichts genützt.

In diesem Roman einer eingeengten Welt gibt es, ganz wie Adorno sagte, tatsächlich kein wahres Leben im falschen. Das Gefängnis als Ort der beginnenden Selbstfindung führt nach der Entlassung aus der Haft in das Zwangssystem, das Gesellschaft heißt. Da ist aus der personalen Perspektive der Erzählerin zu lesen: “Es dauerte Wochen und Monate, bis der Ring von ihrer Brust sich lockerte und eine tiefe, ruhige Freude sie durchströmte…. Dann begann es von vorne. Eva musste erneut hindurch, es sich von der Seele schreiben.“ Diese Form von literarischer Selbstbefragung zeigt einen Teufelskreis; anders als in der üblichen Befindlichkeitsprosa werden in diesem Roman, die gesellschaftlichen Bedingungen der Selbstfindung kritisch mitgedacht. Es gibt kein Entrinnen, bestenfalls im literarischen Diskurs. Im existentiell-realistischen Diskurs, den der triftige Text entwirft, möchte Eva eigentlich nur ihre Ruhe und eine eigene Wohnung – nichts weiter als ein bürgerliches Leben. Immerhin, die Erzählerin befreit sich vom Peiniger Jens, doch ein Ankommen, ein Einverständnis oder gar ein Auskommen gibt es aber nicht; einmal eine Ausgegrenzte heißt in dieser literarischen Gleichung wieder eine Ausgegrenzte, „Lähmung“ ist der leitmotivische Begriff. Emanzipation in den engen Mustern der Gesellschaft? Fehlanzeige, Eva, die eine kollektive Figur ist, will doch nur ihren Job behalten: „Der Chef betrachtete sie über seine Brille hinweg nicht gerade wohlwollend. … Eva begriff, dass er die Begründung für ihre baldige Entlassung aufbaute.“ Ende offen.

Der vordergründig realistische Text hat eine zweite Ebene, und das macht seine eigentliche Stärke aus. In einem Verschachtelungsverfahren spiegelt die Autorin die Geschichte der Eva an anderen erzählten Geschichten. Im Cut-Up-Verfahren, das durchaus an die Montagetechnik Döblins oder etwa Dos Passos` erinnert, werden in der Geschichte wieder andere Geschichten erzählt. Die Wunschwelt der Protagonistin führt den Leser bis nach Costa Rica, das hilft ihr aber auch nicht weiter: In der nächsten  eingeblendeten Geschichte „Der Mann“ prügelt einer auf eine Frau ein, er „drischt auf das Weiche, das Schwache … es muss und muss und muss kaputt gemacht werden.“ Am Ende dann ist die Geschichte „Die Hexe“ zu lesen; in dieser unheimlichen Wunschwelt werden die Geschlechterrollen verkehrt, „du Schwein“ schreit die Hexe den Mann an, der sie denunziert hat, „Gott wird dich strafen.“ Der Akt der Befreiung ist eine Epiphanie – er findet im Augenblick der literarischen Fantasie statt.

Cornelia Koepsell
Lauf weg, wenn du kannst!
Geest Verlag
2017 · 220 Seiten · 12,00 Euro
ISBN:
978-3-86685-609-7
Cornelia Koepsell
Das Buch Emma
Geest Verlag
2013 · 259 Seiten · 12,00 Euro
ISBN:
978-3-86685-409-3

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