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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Die erste halbe Doppelrezension von zwei Ausgaben der horen

Noch ehe der Rezensent dazu gekommen ist, die horen #267 auch nur ein erstes Mal aufzuschlagen, ist schon #268 im Briefkasten. Also eine Doppelrezension – was war (im ca. September) und was ist (um Weihnachten rum)?
Hamburg

Ausgabe 267 hatte als Schwerpunkt zeitgenössische Literatur aus Frankreich und als dazugehöriges Motto "Den gegenwärtigen Zustand der Dinge festhalten". Das Vorwort der beiden Kompilator_innen benennt diesen Zustand denn auch auf den ersten Zeilen auf so plausible wie wenig überraschende Weise –

(…) Frankreich steht in letzter Zeit vor allem für zwei (…) Themen: Für eine Präsidentschaftswahl, bei der die etablierten Parteien nahezu in der Bedeutungslosigkeit verschwunden sind (…), um mit (…) Macron einem jungen Kandidaten Raum zu geben. Mit der Bildung der Regierung (…) ist es ihm gelungen, (…) der Hoffnung Ausdruck zu verleihen, dass es zu einer tatsächlichen Erneuerung und Verjüngung der politischen Landschaft kommen könnte. In den Schlagzeilen war Frankreich aber vor allem auch aufgrund der Terroranschläge (…).

– um aber gleich darauf scharf abzubiegen und sinngemäß fortzufahren: Von diesen Ereignissen werde nun leider der Blick der deutschsprachigen Nachbar_innen auf den "jahrhundertealten" "kulturellen Austausch" zwischen den Sprachen, Nationen und Kulturräumen getrübt, und um dessen Einbettung ins beschrieben Heute (vermuten wir, sonst gibt die Absatzfolge gar keinen Sinn) gehe es. Zu diesem Zwecke werden uns, neben hinlänglich deutsch übersetzen wie bepreisten Autoren, bislang Unbekannte präsentiert. Über die Wahl des Untertitels verrät das Vorwort noch:

Der Titel des Bandes, der dem Beitrag von Pierre Bergounioux entnommen ist, ist (…) nicht zufällig gewählt. (…) (Es) wenden sich viele französische Autorinnen und Autoren der letzten Jahre von Selbstreferentialität und Autofiktion ab und dem "gegenwärtigen Zustand der Dinge" zu. Ihr Interesse gilt der Beschreibung und Erschaffung einer gemeinsamen Welt, aber auch der Kritik an ihr, an einer Welt, deren Komplexität sie in ihren Texten abbilden und die einen deutlichen Bezug zur Realität aufweist.

Nun ist es nicht statthaft, eine ganze Nationalliteratur über einen Kamm zu scheren, und steht uns hinwiederum wohl an, den Herausgeber_innen zu vertrauen, wenn sie uns versichern, dass sie auf den nun folgenden grob 250 eng beschriebenen Textseiten tatsächlich den gegenwärtigen Zustand der französischen Literatur abbilden, und zwar zu einem Zeitpunkt, da diese sich wieder der Wirklichkeit zuwende …

… aber wenn das so ist, dann bewohnen diese Autor_innen, oder zumindest ihre Mehrzahl, eine deutlich andere Wirklichkeit als zumindest der Rezensent; oder aber der Ausgangsort in puncto Selbstreferentialität und Autofiktion war dermaßen weit draußen im outer space, dass eine stabile Mondumlaufbahn schon als Annäherung ans quartier latin gesehen und gelobt werden kann. (Nebenbei gibt uns diese Losgelöstheit von dem, was wir als soziale Wirklichkeit kennen, zumindest einen Hinweis, wie es kommt, dass eine Kompilation ausgerechnet französischer Literatur mit dem Lobpreis ausgerechnet eines erzliberalen Technokraten und Gewerkschaftsfeindes thatcher'schen Zuschnitts beginnen kann.)

Die versammelten Texte sind in sieben inhaltlich bestimmte Großabschnitte gegliedert. Es dominiert in den zahlreichen Essays und Mischprosen jener blumige Tonfall, den wir zu deuten gelernt haben als Artefakt von Übersetzungen ins Deutsche aus jenen Sprachkontexten, in denen der nicht-alltagssprachliche, kunstvoll angeordnete Schachtelsatz und das Reden über die Bande von gewählten Metaphern noch unproblematisch sind; in denen, mit anderen Worten, das Bildungssystem entweder noch gut funktioniert oder die Literatur eine Exklusivveranstaltung der besseren Stände ist (… und glauben uns zu erinnern, dass das doch mal anders war, dass "Frankreich" doch mal gerader, knapper schrieb, freilich bei stets aufrechtem Hang zur multiplen Genitivmetapher, die auf deutsch nie so richtig gerade klingen will – und dann fällt uns auf, dass unser Referenzrahmen wohl zu eng ist, ca. Camus-Debord-de Beauvoir-Foucault-Castoriadis-Houellebecq).

Natürlich gibt es – das Buch ist umfangreich – Entdeckungen zu machen, u.a. Emmanuel Laugier, Jean-Patrice Courtois, Camille de Toledo, ganz besonders Anne Portugal und Jean-Louis Giovannoni. Es gibt auch an einer Stelle Anlass zu blankem Entsetzen, nämlich im Text des eigentlich ja zurecht vertretenen Mathias Enard, immerhin Goncourt-Preisträger 2015 und Träger eines "Leipziger Buchpreises zur Europäischen Völkerverständigung", der in Schwarze Meere schreibt –

Der Orient ist eine blinde Hure, der Gehängte es besorgen.
Vom frühen Morgen bis zum Sonnenuntergang.
Geschmack und Farbe der Liebhaberlippen im Wunder des Safrans.
(…)

– und, der Kontext des freilich sprachgewaltigen Langgedichts macht uns sicher, diese Zeilen wahrscheinlich für reflektiert und kritisch hält … was gegen Ende des 19. Jahrhunderts gestimmt haben würde.

Was auf jeden Fall zutrifft, und positiv hervorzuheben ist: In dieser französischen Gegenwartsliteratur, wie die Herausgeber sie uns präsentieren, scheint technisches Unvermögen – mangelnde Beherrschung der eigenen Mittel – so wenig ein Ding zu sein wie andererseits das Bemühen, diverse Komplexität und, sagen wir, Bildungsschrullen einer leichteren Lesbarkeit halber einzuebnen.

Man kennt das Gefühl, einen Textkontinent zu betreten, für den andere Regeln, andere Konventionen gelten als für den eigenen – der Rezensent bekommt es besonders beim Lesen lateinamerikanischer Lyrik, die sich an Stellen ein ungebrochenes Vertrauen in "Seele", Naturmetapher, Pathos erlaubt, an denen ein deutschsprachiges Gedicht alles dieses vermeidet. Es könnte sein, die horen #267 markiert einen Moment in der Literaturgeschichte, da der Literaturkontinent "Frankreich" dem Archipel Deutschesprache plötzlich fremder geworden ist. Klingt das plausibel? Auf Leser_innenmeinungen und Einsprüche bin ich in diesem speziellen Fall speziell gespannt (s.u. – "Kommentarfunktion").

Autor_innen: Nathalie Azoulai, Pierre Bergounioux, Éric Chevillard, Hélène Cixous, Jean-Patrice Courtois, Kamel Daoud, Marie Darrieussecq, Chloé Delaume, Patrick Deville, Mathias Enard, Antoine Emaz, Annie Ernaux, Lydia Flem, Philippe de La Genardière, Jean-Louis Giovannoni, Alexis Jenni, Pierre Jourde, Maylis de Kerangal, Mathieu Larnaudie, Emmanuel Laugier, Jérôme Mauche, Laurent Mauvignier, Léonora Miano, Pierre Michon, Marie NDiaye, Anne Portugal, Dominique Rabaté, Noëlle Revaz, Mathieu Riboulet, Oliver Rohe, Olivier Rolin, Olivia Rosenthal, Valérie Rouzeau, Martin Rueff, Lydie Salvayre, Boualem Sansal, Camille de Toledo, Jean-Philippe Toussaint, Antoine Volodine, Cécile Wajsbrot.

Übersetzer_innen: Till Bardoux, Nicola Denis, Sonja Finck, Holger Fock, Tobias Haberkorn, Dieter Hornig, Claudia Kalscheuer, Patricia Klobusiczky, Hanna van Laak, Annette Lallemand, Helmut Müller-Sievers, Sabine Müller, Andreas Münzer, Cornelia Ruhe, Christiane Seiler, Andrea Spingler, Paul Sourzac, Beate Thill, Tobias Wildner, Uli Wittmann, Vincent von Wroblewsky.

Cornelia Ruhe (Hg.) · Jürgen Krätzer (Hg.) · Jérôme Ferrari (Hg.)
die horen #267 – Den gegenwärtigen Zustand der Dinge festhalten
Zeitgenössische Literatur aus Frankreich
Wallstein Verlag
2017 · 280 Seiten · 16,50 Euro
ISBN:
978-3835331211

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