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Kritik

Monologe mit Sylvia

Hamburg

Cornelia Travnicek hat bereits einige Prosawerke publiziert, u.a. die Romane „Chucks“ und „Junge Hunde“, aber es zieht sie immer wieder auch hin zur Lyrik. Achtundzwanzigjährig debütierte sie 2015 als Dichterin mit dem schmalen Band „mindestens einen der weißen wale“ (Berger Verlag). Zwei Jahre später legt Travnicek nun mit „Parablüh“ ihren zweiten Gedichtband vor, der den Untertitel „Monologe mit Sylvia“ trägt. Gemeint ist Sylvia Plath, eine der Ikonen der amerikanischen Dichtkunst.

Sylvia Plath, geboren 1932 in Boston, debütierte als Lyrikerin, ebenfalls im Alter von 28 Jahren, mit dem Band „The Colossus and Other Poems“. Es ist das einzige Werk, das zu Lebzeiten der Dichterin erschien, die sich 1963 das Leben nahm. Ihr ungleich bekannterer Lyrikband „Ariel“ wurde 1965 von ihrem Ehemann Ted Hughes aus dem Nachlass herausgegeben. Auch der Roman „Die Glasglocke“ erschien erst nach ihrem Tod.

Die Lyrikerin Plath schöpfte aus den widrigen Erfahrungen ihrer Biographie, die sie poetisch verdichtete, vor allem den familiären Beziehungen, ihrer psychiatrischen Erkrankung und mehreren Suizidversuchen. Gern verwendete sie u.a. Motive aus der Natur und webte Bezüge zu antiken Mythen ein. Die Reaktionen auf ihren Erstling „The Colossus and Other Poems“ enttäuschten sie, denn das Buch wurde zwar freundlich von der Kritik aufgenommen, doch Plath nicht als eigenständige poetische Stimme gewürdigt. Dieses Buch blieb im Schatten des Erfolgs von „Ariel“ und lag erst 50 Jahre nach Plaths Tod in deutscher Sprache vor, übertragen von der Lyrikerin Judith Zander („Der Koloss“, Suhrkamp Verlag 2013).

Diese zweisprachige Ausgabe war Ausgangspunkt für Cornelia Travniceks aktuellen Gedichtband. Formal hält sich die Lyrikerin an die Vorlage. Beide Bücher enthalten je 50 Gedichte. Travnicek hat sich für ihr Projekt Gedicht für Gedicht aus „Der Koloss“ vorgenommen, je ein eigenes Gedicht dazu geschrieben und diese dann in der gleichen Reihenfolge wie Plath angeordnet. Auch gliederte sie die entstehenden Texte in Analogie zu jenen in „Der Koloss“, orientierte sich an der Anzahl der Verse je Strophe, zumeist sind ihre Gedichte jedoch deutlich kürzer als jene von Plath. Travnicek dichtet jedoch nie nach, liefert keine poetischen Antworten, maßt sich keine Adaptierungen oder Modernisierungen an und tritt auch nicht in den Dialog mit der amerikanischen Dichterin. Mit dem Untertitel „Monolog mit Sylvia“ ist das poetische Verfahren exakt benannt: Die Kreation eigener Poesie mit dem steten Wabern von Plaths Gedichtsound im Hintergrund. Die Worte der amerikanischen Lyrikerin dienen hierbei gewissermaßen „als Steinbruch“ für die eigene Inspiration, wie die Germanistin Daniela Strigl in ihrem Nachwort des Buchs schreibt. Schon bei der Wahl der Titel sind Ähnlichkeiten zu konstatieren, sei es in Verkürzungen oder bildlichen Entsprechungen. So wird Plaths Gedicht „Nachtschicht“ bei Travnicek zu „Schicht“, „Der Park des Herrenhauses“ zu „Herrenhaus“ oder „Lorelei“ zu „Donauweibchen“. Manchmal gibt es bereits im Titel Bedeutungsverschiebungen, etwa wenn Plaths Gedicht „Des Imkers Tochter“ zur „Bienentochter“ wird.

In den Gedichten Sylvia Plaths findet Travnicek zumeist ein, zwei oder mehrere Worte, die sie herausbricht und in ihre eigenen Texte einwebt, zentral oder an den Rand gerückt, manchmal ist es ein Gedanke, den sie mit ihrem eigenen Erfahrungshorizont weiterspinnt, dann wieder ein Bild, dem sie assoziativ begegnet, das sie adaptiert oder variiert. Fallweise tritt Travnicek, die Plaths Enkelin sein könnte und dank der Errungenschaften des Feminismus im Gegensatz zu dieser heute als emanzipierte Frau leben kann, der amerikanischen Lyrikerin subtil korrigierend entgegen. So heißt es in Plaths Gedicht „Nachtschicht“ u.a.

... hoben enorme

Hämmer sich bei drehenden Rädern,
Stoppten, warfen die senkrechte Fracht
Aus Metall und Holz ab; betäubten
Das Mark. Männer in weißen Unter-

Hemden kreisten, ohne Unterlass
Geschmierte Maschinen bedienend,
dienend, ohne Unterlass, ...

Travnicek greift aus diesem Plath-Gedicht die Nomina „Metall“ und „Fenster“ als poetischen Zündstoff für ihr korrespondierendes Dichten auf und weist zudem im daraus entstandenen Monolog „Schicht“ darauf hin, dass einst nicht nur Männer Schwerarbeit verrichteten und mit Schmutz, Lärm und Gefahr konfrontiert waren, sondern auch Arbeiterinnen:

Hinter diesen hohen Fenstern
standen an schwerem Gerät
unsere Urgroßmütter, damals

Noch jungen Mädchen. Welche
ihr Haar nicht unter
einem Tuch barg, die
wurde skalpiert von den

Maschinen. ...

Das titelgebende Gedicht „Parablüh“ wurde für Fixpoetry bereits als eindrücklicher Poetryletter Nr. 323 gestaltet. Es ist ein Monolog zum Gedicht „Zwei Ansichten eines Leichenraums“, in dem Plath ein Seziersaalszenario auf ein morbides Brueghelpanorama treffen lässt, dabei einen kleinen Lichtblick in einem Bilddetail bereithält:

„Doch die Trostlosigkeit, verewigt in Öl, verschont das kleine Land
Töricht, zart, in der rechten  unteren Ecke.

Bei Travnicek wird kindliches Verhören mitten in einem morbiden Umgebungsszenario zum produktiven Lichtblick:

Parablüh, sagt das Kind und pflanzt
Schirme in die Landschaft.

Wie Plath schöpft Travnicek aus Kindheitserinnerungen und Träumen. Häufig verwendet sie in ihren Monologen Szenarien und Begriffe aus der Natur und dem Landleben. Ihre eindeutige Vorliebe gilt dem Pferd, das auch als Haflinger, Gaul oder Mähre einen Gedichtauftritt bekommt. Auffallend das wiederholte Vorkommen der Worte „Herbst“ und „Oktober“, möglicherweise als Entsprechung für Plaths tief melancholische Grundierung mancher Gedichte, ohne damit auch deren existentielle Schwere behaupten oder imitieren zu wollen.

Mispelweich mürben mich die Herbsttage,
an denen sich Schleier aus Dunst und Spinnweben
als Gaze über die aufgerissenen Felder
legen. Ein Kind vernäht eine Wunde
mit Drachenschnur.

Es sind Wendungen ins Gelingen, ins trotz allem Positive und Helle, die Travnicek immer wieder einfließen lässt. Wie Plath webt auch sie gern antike Mythen in ihre Gedichte ein. Gegen die Zuschreibung des Klappentexts, der ihren „arglosen Blick“ konstatiert, muss hier energisch Einspruch erhoben werden. Denn arglos ist dieser Blick nie. Die Lyrikerin zeigt sich als wache und klug reflektierende Beobachterin, die auch durch dezente Ironie aufmerken lässt. Immer wieder erweist sie zudem anderen schreibenden VorgängerInnen Reverenz – da bachmannt, celant, shakespearet und goethet es aus so manchem Gedicht, um nur ein paar der Bezüge zu nennen, die Travnicek produktiv verwandelt.

Nicht alles gelingt. Ein Beispiel: Im Gedicht „Sau“ erzählt Plath vom kindlichen Staunen über die gewichtige „Grande Dame!“ eines Nachbarn und deren Schweineglück. Travniceks Gedicht „Säue“ thematisiert die Auswüchse der heutigen Massentierhaltung und macht das Tierelend auch sinnlich fassbar. Allerdings setzt die überzeugte Veganerin noch eins drauf, wenn sie gegen Ende den politischen Holzhammer schwingt

„Du bist, was du isst!“
Also ein
verängstigtes Stück Vieh.

und Stellung bezieht, damit aber ein bis dahin feines Gedicht zerstört. Irritierend wirken auch vereinzelt von Travnicek eingesetzte, heutzutage wenig gebräuchliche Wörter, die einen forcierten, poetisch jedoch recht unproduktiven Eindruck hinterlassen, etwa „Altvordere“, „Atzung“, „lebzeits“ oder ein Satz wie „Im Zelt haben wir’s traulich“. Doch es sind kleinliche Einwände gegen die Texte einer Autorin, die den Mut hat, aus dem Plath’schen Sound behutsam eigene Gedichte wachsen zu lassen, die nun in „Parablüh“ auch ganz für sich stehen können.

Cornelia Travnicek
Parablüh. Monologe mit Sylvia
Mit einem Nachwort von Daniela Strigl
Limbus Verlag
2017 · 120 Seiten · 13,00 Euro
ISBN:
978-3-99039-101-3

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