Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Fokus Lyrik Frankfurt_ 2019
x
Fokus Lyrik Frankfurt_ 2019
Kritik

„an die Luft gelehnt“

Hamburg

Man könnte unsere Leben lakonisch in zwei Zeilen fassen, wie es gleich zu Beginn des neuesten Lyrikbandes der Kärntner Slowenin Cvetka Lipuš im Zyklus „Offenes Ende“ geschieht:

Es sind ja nur wenige Geschichten:
Niederlage, Sieg, Weitermachen und Aufgeben

Mitnichten wäre damit allerdings viel gesagt, weder über menschliches Leben mit seinen Unwägbarkeiten, noch über den Inhalt dieses Buchs. Was ist diese treibende Kraft unserer Existenz trotz aller Rückschläge? Denn auf jenes „wie?“ und „warum?“ unserer Kämpfe, Siege und Niederlagen, die zum Quell von Geschichten werden, folgt zumeist jenes „Trotzdem“ des unaufhörlichen Weitermachens, das zuletzt im Aufgeben enden wird.

Auf den ersten Blick scheint der Titel „Was wir sind, wenn wir sind“ eine Aussage zu sein, die ihre Einlösung in den Gedichten verheißt. Lipuš spielt jedoch von Anfang an mit dieser Aussage, die zur steten Frage im Hintergrund wird, der sie sich behutsam annähert: Denn was sind wir, wenn wir sind? Vor allem aber: wer sind wir? Und wer sind wir wo? Was bedeutet es überhaupt, dieses „Sein“

wenn wir zur Summe des Ererbten
und Erworbenen werden

Die Dichterin erzählt von Plänen, durchkreuzten Lebensentwürfen, von Wünschen, Vorhaben und Ansätzen, die wie von selbst entgleiten, durch Pflichten ersetzt und schließlich davon dominiert werden und das Vergnügen nachreihen. Sie verdichtet die Fragilität des Subjekts, das von Ängsten und Krankheiten geplagt wird, dessen Körper zur lebenden Last wird, bedroht vom „Ticken der Krebsuhr“ oder vom Irregehen „im verlassenen Haus des Geistes“. Lipuš staunt über das Verfliegen der Zeit und stört sich gleichzeitig daran. Und sie spart auch die Endlichkeit nicht aus, rührt „den Schmerz in sorgfältig abgemessene Silben“. Sie schöpft dabei unter anderem aus ihrer eigenen Biographie, weiß sich in einer langen Reihe mit ihren Vorfahren und setzt in ihrem Buch so manchen Erinnerungsstein, der bewegt, etwa an die beiden Großmütter. Oder verdichtet im zweiteiligen Gedicht „Lake Mendota“ ihren längeren Aufenthalt in den Vereinigten Staaten. Oder reflektiert im Gedichtzyklus „Sieh doch, wie wir schweben“ eindrücklich das Thema Heimat und Flucht.

Wichtige Gegenpole zur Realität, auch zur Schwere des Daseins sind in diesen Gedichten einerseits Träume, die zu Entlastungs- und Zufluchtsräumen werden, gewünscht, bestaunt, manchmal verstörend. Ein anderer Gegenpol ist die Poesie, die in mehreren Texten thematisiert wird.

jede Pore flüstert
eine Geschichte
... ich kleide sie
in einen Vers und klopfe an die Tür des Sonetts

heißt es im dritten Gedicht des ersten Zyklus „Offenes Ende“. Und in einem anderen Gedicht heißt es:

In die Stille hinein zündest du ein Bündel Worte.

Doch das Gedicht, für das neben anderen Arbeiten oft wenig Zeit bleibt, reagiert störrisch, „zögert auf der Zungenspitze“, „trödelt in einer abgelegenen Kammer des Bewusstseins“, will manchmal nicht ans Licht, „wehrt sich gegen das Papier“ oder befiehlt:

... Höre auf,
mich in Strophen zu flechten; falte mich
lieber zu einem Papierflieger
und lass mich aus dem Fenster.

Es sind leise Gedichte, die Lipuš uns hier präsentiert, rhythmisch fein abgestimmt. Manche sind Momentaufnahmen, dann wieder in wenige Zeilen gefasste lebenskluge Erkenntnisse. Die Sprache ist nüchtern, manchmal lakonisch und abgeklärt, dann wieder melancholisch grundiert und immer wieder auch mit feinem, trockenen Humor durchsetzt, etwa wenn sie sich gegen Rollenzuschreibungen zur Wehr setzt:

Unerwünschte Nebenwirkungen einer Krone sind oft Kopfschmerz,
in seltenen Fällen, so warnen Ratgeber, sogar Kopfverlust,
deshalb werde ich an der nächsten Station zur Pilotin.

Cvetka Lipuš hat bisher sieben Gedichtbände in slowenischer Sprache veröffentlicht, von denen die meisten auch in deutscher Übersetzung erhältlich sind. Das vorliegende Buch erschien 2015 unter dem Titel „Kai smo, ko smo“ in Ljubljana bei Beletrina, wurde 2016 mit dem Preis der Prešeren-Stiftung ausgezeichnet und erschien nun in der Übertragung von Klaus Detlef Olof. Es ist ein großzügig gestaltetes Werk, in dem die Gedichte auf den rechten Seiten platziert wurden, die linken Seiten blieben leer. Und wenn es einen Einwand gegen das Buch gibt, dann den, dass es keine zweisprachige Ausgabe geworden ist, vielleicht eine Frage der Rechte. Denn Platz genug wäre verfügbar gewesen.

Cvetka Lipuš
Was wir sind, wenn wir sind
Aus dem Slowenischen übersetzt von Klaus Detlef Olof
Drava
2017 · 112 Seiten · 24,95 Euro
ISBN:
978-3-85435-825-1

Fixpoetry 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge