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Kritik

Neues aus dem „sprâchhûs“

Das Sprach-Wunderwerk „liedvoll, deutschyzno“ von Dagmara Kraus
Hamburg

„drei Sprachen sind zu groß für deinen mund, mein kind“, beginnt das emblematische Gedicht „çatodas“: das Wort das in Französisch, Polnisch und eben Deutsch, amalgamiert zu einem. Wer mit einer klassischen Hermeneutik an die Gedichte, Vortragstexte, Typocollagen, an all die wundersam unverblümten Sprachschnipsel von Dagmara Kraus herangeht, sollte sich in der Nähe von mindestens drei Wörterbüchern, einer gediegenen Enzyklopädie oder einer perfekt parierenden Internetsuchmaschine aufhalten. Wer das aus Verdrossenheit, Bequemlichkeit oder Liebe zu den Texten ablehnt, wird mit der 1981 in Wrocław (Breslau) geborenen, in Westfalen aufgewachsenen und mit ihrer Çatodas-Familie in Straßburg lebenden Lyrikerin und Performancekünstlerin viel Freude haben: „wie du urkreol verschraubst / ___STEADY_PAYWALL___was syntaktisch, synku, sich nie binden ließe“. Ein bisschen springt dieses Urkreol des „Söhnchens“ über auf den Leser von Kraus’ neuestem, synästhetischem Wunderwerk „liedvoll, deutschyzno“, das im Frühjahr 2020 im Berliner kookbooks Verlag erschienen ist.

Der Buchtitel stellt, worüber die Autorin bei Lesungen und in der Verlagswerbung informiert, eine lautliche Übersetzung des Beginns von Adam MickiewiczPan Tadeusz dar, der als polnisches Nationalepos gilt. Das erste Wort, „Litwo“, beschwört Litauen, ein für die Polen heute verlorenes, mystisches Terrain. Einer der fünf Zyklen, „deutschyzno moja“, wendet diesen Impetus in Richtung der schwierigen neuen Heimat Deutschland: „aber was soll ein gedicht mit den millionen / flüchtigen wörtern nur anfangen“, die, wie es an anderer Stelle heißt, „an / der grenze zu diesem gedicht“ stehen. Vielfache Antworten werden durchgespielt: „es könnte schützenfest und adlerschuss verpassen / und an der lippe laufen, wo die mimik hüpft“. Den Weg der „abermillionen“ Wörter in der Person Dagmara Kraus hat die „destine“, das Eröffnungsgedicht des Bandes, vorgegeben. Und schon bei dieser erzwungenen, multilingualen westfälischen Jugend – „eisbullilila rostet im kahlen rotdornpfad“ – möchte man die Autorin gerne dabeihaben, wie sie all die orthographisch verwirrenden Erinnerungen ausspricht, alle enthaltenen Klänge in den Mund nimmt. Wer ihre leise, eindringliche Art des Vortrags einmal erlebt hat, dem kommt das elfte der sechzehn „dagmärchen“, in dem der an vielen Stellen im Buch anklingende Dialog mit der Kindheit und den eigenen Kindern fortgeführt wird, kaum merkwürdig vor, in dem es zum Beispiel heißt:

faut tylko pas fluchen nie jamais
nie fluchen no w duchu to gut
ça erlaub ich ci ciut a to qui
tu nakruszył do kitu dies

Drei Sprachen sind zuviel für unseren, des Lesers, Verstand, könnte man meinen, und dann stößt man auf ein „dagmärchen“, dessen erste Zeile lautet: „gott will immer alles panieren“. Oder auf das „dagmärchen vom aal“, in dem ein Aal einen Maler auffordert, ihn zu portraitieren. Es entwickelt sich daraus eine sehr aa-lastige „größenwahnfabel“ – „ich bin der überaalealleskann! / ich bin der kahle aalestrahlemann!“ –, dessen letzte Volte sogar zum Morsealphabet führt: „und der seemooraal von dem gericht: / man mors’ mal moorseeaalmus ins“ – na, was wohl? In den wenigen, aber aufschlussreichen Anmerkungen am Ende des Bandes verweist die Autorin auf das „Märchen vom Wal“ des polnischen Absurden Miron Białoszewski, den sie im übrigen in einer lesenswerten Auswahl (bei Reinecke & Voß) übersetzt hat. Kein Wunder also, dass Kraus 2018 den Förderpreis zum Kasseler Literaturpreis für absurden Humor zugesprochen bekam.

Auch dem letzten Zyklus, „das pulmal in vatis klematis“, liegt so eine absurde Idee zugrunde, die zeigt, mit welch wacher, lustvoller Akribie die Autorin ihre Themen findet und ausarbeitet: „pilatus muss erst aufs sprachhaus, kann dann / zu herrn inri, jawohl zu dem da, den hinri/chten“. Dem geht die literaturhistorische Trouvaille voraus, dass sich der erste bekannte Dichter (alt)deutscher Zunge, Otfrid von Weißenburg, offenbar den Scherz erlaubte, das Prätorium, den Ort, in den sich Pontius Pilatus zurückzog, bevor er Jesus hinrichten ließ, mit sprâchhûs, also quasi mit Abort zu übersetzen. Aus diesem winzig-witzigen Detail werden zwölf frotzelige, plaudernde, stotternde, plappernde Nonsens-Gedichte generiert, denen jeglicher bilderstürmerischer Gestus abgeht, die im allerbesten Sinne nichts als Scheiße im Kopf haben: „spielatus mir das lied vom kot“! Der aufwendig gestaltete, in der Hauptfarbe Rot gehaltene Quartband enthält zwischengeschaltete Videostills, „ikonenklone“, eine „kleerasur“ sowie als Schlussstück der Pilatus-Suada auch einen – gerahmten und angeschnittenen – „Abschiedsbrie“. Mit den Textcollagen aus den „dagmärchen“ und der von der Rixdorfer Druckwerkstatt im Zyklus „moira, nö“ niveauvoll ausgeführten Letternlyrik – sehr zwinkeräugige Hommagen an die konkrete Poesie – nimmt Kraus ästhetische Konzepte aus ihren Sprachklangcollagen in Das Vogelmot… (kookbooks 2016) und den Frank-O’Hara-Mutationen im roughbook 046 (Urs Engeler 2018) wieder auf. In „moira, nö“ wird tatsächlich ein Lebensfaden abgeschnitten: „da haben polo, der klub und die kräusin / gesagt: ich lebe nicht mehr gern // und mormoroso der bach: / ich habe genug“, lautet der Schluss von „los eines kolosses“. In einem – rein polnisch geschriebenen – kurzen Gedicht ist immer wieder von „Staatstrauer“ die Rede, und der Titel „BWV 727“ führt uns zum Bach-Choral „Herzlich tut mich verlangen“, mit dem die Autorin hier die Elterngeneration zu Grabe trägt.

Mögen sich spätere Generationen von Komparatisten und Textlinguisten an den schier unendlichen, unbegreiflich kreativen Anspielungen in den Gedichten der Dagmara Kraus die Zähne ausbeißen. Werner Söllner sagte nach einer Lesung einmal sinngemäß über den großen Sprachartisten und rumäniendeutschen Landsmann Oskar Pastior: Wer dessen Krimgotischen Fächer wirklich verstehen wolle, müsse neben Deutsch auch mindestens Rumänisch und Russisch beherrschen. Ein wenig so verhält es sich auch bei den Werken von Dagmara Kraus, in deren Sprachkunst und Humor das Pastiorsche Erbe weiterlebt. Es ist gut zu wissen, dass eine solche Autorin (auch) in unserer Literatur ihr sprâchhûs hat.

 

Dagmara Kraus
liedvoll, deutschyzno
kookbooks / Buch kaufen
2020 · 80 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3948336011

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