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10 Jahre Wortschau, Literaturzeitschrift
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10 Jahre Wortschau, Literaturzeitschrift
Kritik

Verweigerte Oberfläche

Hamburg

„Gegenklaviere“, der erste Gedichtband von Daniel Bayerstorfer, lässt einen mit Fragen zurück. Kein Vers bleibt so wirklich im Kopf hängen, kein emotionaler Eindruck lässt die Leserin betroffen zurück. Stattdessen sieht man sich mit einem Reichtum an Bedeutungsscherben konfrontiert und der Aufgabe, sie zusammensetzen. Dies ist nicht immer eine Freude.

Die große Menge von Ideen und Bildern, die in den Gedichten verarbeitet sind, können durch den Mangel an Struktur und syntaktischer Vielfalt nicht zu ihrem Recht kommen. Dieses Ungleichgewicht gibt den Gedichten etwas Unreifes, als wären sie mehr ein Aufwarten von Material denn ein geformter Ausdruck; paradigmatisch dafür steht das „Interludium“, das aus einer Ansammlung von vordergründig unzusammenhängenden Phrasen besteht, arrangiert auf zwei Seiten des Bandes. Ist das zwar der einzige Text seiner Art, gibt er doch etwas zum Vorschein, das sich in den anderen Texten auch sehen lässt. Immerhin erreichen die Gedichte für gewöhnlich einen Grad an Konzentration, der den Eindruck erwecken lässt, dass auch die dunklen Stellen sich in den Sinnzusammenhang einfügen könnten.

Es gibt durchaus schwache Stellen im Band; so zum Beispiel der erste Vers von „Dresden“: „Ein barockes Raumschiff ist an der Elbe gelandet.“ Die hier angewandte Verfremdung ist zu offensichtlich, um reizvoll zu sein. Jedoch folgen die Bilder gemeinhin so schnell aufeinander, dass sich diese Stellen leicht überlesen lassen; kaum ein Vers hat solch eine Schlüsselfunktion, dass er unentbehrlich wirkt. Das ist durchaus zweischneidig, da es dadurch den Gedichten an einer Strukturiertheit mangelt, die den Gedichten eine größere Individualität gäbe und etwas willkommene Abwechslung böte. Damit hängt zusammen, dass das syntaktische Konstrukt, eine Phrase mit einer anderen durch einen Doppelpunkt zu verbinden, so häufig verwendet wird, dass es manieriert wirkt. Allgemeiner gesprochen ist die zentrale Technik, die im Band benutzt wird, die Juxtaposition: Durch eine Aneinanderreihung einzelner, oft bereits in sich komplexer Bilder entstehen Zusammenstellungen, die gemeinsam mehr sein sollen als ihre Bestandteile. Ob dies immer gelingt, ist nicht leicht zu sagen.

Manchmal wird das Nebeneinanderstellen überzeugend eingesetzt, zum Beispiel beim titulären Wort der „Gegenklaviere“. So heißt es im Gedicht „München“: „Gegenklaviere zu uns stehen irgendwo verteilt in / dieser Stadt, deren Anschlag man / manchmal während einer Zigarettenpause spürt.“ Dass Musik aggressiv unterdrückend, buchstäblich monoton wirkt – das Gedicht endet mit einem Volkslied-Zitat gefolgt von einer Ellipse – und somit ein Teil der „graugrau[en]“ Stadtkulisse wird, ist kein schlechter Einfall.

Ein musikalisches Vokabular wird im Band auffällig oft verwendet, gleichsam, ob es die italienischen Vortragsbezeichnungen sind, die die Gedichte der „Plutosuite“ im Titel zu charakterisieren versuchen scheinen, oder ob ein Fachbegriff wie „Kammerton“ plötzlich als Eigenschaft von „Salz“ gebracht wird, um eine Regelmäßigkeit oder Standardisiertheit hervorzuheben, die beiden gemein ist. Trotzdem sie häufig genug integraler Bestandteil eines Gedichts ist, wird Musik nie für sich selbst thematisiert. Eher dient sie als Metonymie für eine Art von Kultiviertheit oder auch Gemeinsamkeit, deren negative Seite nicht ausgeblendet wird.

Erwähnenswert ist, wie sich unter den zahlreichen Orten, die für Gedichtstitel benutzt werden, auch chinesische und italienische finden. Dem Verdacht des Exotismus wird dabei am stärksten entgegenwirkt, wenn solcherlei Referenzen als gewissermaßen Fremdes im Gedicht stehenbleiben, ohne ausgeführt zu werden. So könnten die letzten Zeilen von „Westsee 西湖“ – wie der pleonastische Titel auf Deutsch und Chinesisch bereits anzudeuten scheint – genauso gut eine gewöhnliche mitteleuropäische Landschaft beschreiben wie eine chinesische Sehenswürdigkeit:

„[…] nur eine Scheibe Morgennebel, oder: a Raderl Näbe, un disco di nebbia. & es fingert der Wind in den Nadeln der Kiefern, als würde er seiner Sicht auf die Dinge das Hemd aufknöpfen.“

Das Bairische taucht wiederholt auf, stets als Einsprengsel in Form einer Phrase oder eines Wortes. Wenngleich es also keinen großen Raum in den Gedichten beansprucht, wird es durch die Insistenz, mit der es vorgebracht wird, zu etwas Verortendem, unterstützt vom Münchener Lokalkolorit. Dass Verweise auf Orte oberflächlich als stärkstes strukturierendes Element im Band wirken, verwundert, gerade angesichts der Heftigkeit, mit der sich die Gedichte gegen eine klare Oberfläche wehren.

Es besteht eine Schwierigkeit darin, einen Eigennamen mit seiner Eindeutigkeit poetisch zu verarbeiten. Leicht könnte ein Mangel an Kohärenz drohen, wenn sich der Name nicht der Gesamtheit des Gedichts unterordnen kann. Dass dieses Problem dichterisch reflektiert wird, davon zeugt „Maxvorstadt - Schwabing“. Gegen die „simpelste, allersimpelste Feststellung: Schwabing.“, die – scheinbar – einfache Tatsache des Namens werden eine Reihe von imaginären Situationen angeführt, nur, um sogleich überzugehen in eine Aufzählung von Namen, die mehr Charme an den Tag legen als die von Münchener Stadtteilen. Auf das Problem des Namens lässt sich keine einfache Lösung finden; ihn partout zu vermeiden scheint keine Möglichkeit. Stattdessen wird er zu einem Element wie jedes andere, dem allenfalls im Titel noch eine privilegierte Stellung zukommt.

Insgesamt macht der Band also einen durchaus gemischten Eindruck. Dass er einen dichten, unzugänglichen Stil an den Tag legt, ist zunächst nichts, gegen das sich ein Einwand erheben lässt. Jedoch ist es die Durchführung, an der es mangelt. Die vielen klugen Einfälle – teilweise erläutert sie der Autor selbst in einem dem Buch zugehörigen Glossar – werden zu kunstlos und ungeschickt vorgetragen, um die Bedeutungsvielfalt zu eröffnen, die sie andeuten. Nötig wird dafür eine intensive Lektüre, die allerdings durchaus lohnenswert ist, da erst sie die Tiefen eröffnet, auf denen die Gedichte ihre Schönheit vorbringen können. Dass der Band hierzu nicht einlädt, ist zu bedauern.

Daniel Bayerstorfer
Gegenklaviere
Unter Verwendung der Arbeit W 9 – 12 von Mathias R. Zausinger
hochroth München
2017 · 56 Seiten · 8,00 Euro
ISBN:
978-3-903182-03-5

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